Computernetz statt Fluglotsen
Das neue Flugsicherungssystem Free Flight könnte nach Expertenansicht das nach dem Unglück vom Bodensee in die Kritik geratene Lotsen-Kontrollverfahren künftig ersetzen.
Das System wird vor allem von US-Piloten favorisiert und beruht darauf, jedem Flugzeug eine via Computer-Netzwerk berechnete Direktflugroute zuzuweisen und auf Luftfahrt-Korridore zu verzichten. Das berichtet das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" in seiner jüngsten Ausgabe.
Kritiker fürchten, dass es bei einem Computerausfall zur Katastrophe kommen könnte.
Internationale Luftverkehrskontrolle
Im derzeitigen System der internationalen Luftverkehrskontrolle
ATC [Air Traffic Control] fliegen die Flugzeuge in Korridoren von
300 Metern Höhe und rund 8 Kilometern Breite, die durch
Funkleitstrahlen vom Boden aus bestimmt werden. Kontrolliert werden
sie durch lokale Fluglotsen, die die Korridore jeweils
abschnittsweise auf dem Radarschirm überwachen.
Elektronische Kollisionswarnung für FlugzeugeWeltweit verknüpftes Computernetzwerk
Für den Notfall ist ein Kollisionswarnsystem [TCAS] an Bord installiert, das bei Gefahr automatisch Ausweichmanöver vorgibt. Im jüngsten Unglücksfall befolgte der Pilot jedoch eine entgegengesetzte Lotsenanweisung.
Bei Free Flight soll dagegen ein weltweit verknüpftes Computernetzwerk die ständige Überwachung übernehmen: Vor einem Flug gibt der Pilot dort den Zielort und die geschätzten Reisezeiten an, um dann die optimale, zumeist direkte Flugroute zugewiesen zu bekommen.
Pufferzone zwischen 160 und 320 km
Zeit und Kraftstoff könnten so gespart werden, sagen die
Befürworter. Für Sicherheit soll ein spezielles Programm sorgen, das
bei der Routenberechnung jedem Flugzeug eine 160 bis 320 Kilometer
dicke "Pufferzone" vorschaltet. Bodenkontrolleure hätten via Radar
dann nur noch einzuschreiten, wenn die Pufferzonen zweier Flugzeuge
sich dennoch zu berühren drohen.
Mehr über Free FlightGefahr in Hardware-Schwäche
"Mit Free Flight wäre ein drohender Zusammenstoß 20 Minuten früher erkannt worden", sagt der United Airlines-Pilot Michael Baiada, der sich seit acht Jahren für das neue Flugsicherungssystem einsetzt. Kritiker hingegen sehen die Gefahr vor allem in Schwächen der Computer-Hardware.
Die deutsche Pilotenvereinigung "Cockpit" steht dem Projekt offen gegenüber: "Wir sagen nicht grundsätzlich nein, denn jede Entlastung der Fluglotsen ist uns recht", so Sprecher Georg Fongern. Seiner Ansicht nach wird es noch ein Jahrzehnt dauern, bis weltweit die technischen Voraussetzungen für Free Flight geschaffen sind. "Denn dieses System kann man nicht unilateral anwenden."
