01.07.2002

TOTE BAEUME

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Autoren pfeifen auf den PC

Sten Nadolny, Autor des Romans "Die Entdeckung der Langsamkeit", ist nicht der Einzige: Er vermisst seine Schreibmaschine.

Computer machten ihn geschwätzig, verriet er in einem Interview. Andere Schriftsteller verweigern sich der modernen Technik und bleiben gleich bei der guten alten Maschine. Ob John Irving, Urs Widmer, Peter Rühmkorf, Eckhard Henscheid oder Rolf Hochhuth: Die Liste ist lang.

Der Diogenes Verlag schätzt beispielsweise, dass 25 bis 30 Prozent der Autoren ihre Manuskripte mit der Schreibmaschine verfassen, einer Erfindung aus dem 19. Jahrhundert.

"Sinnliche Einzelheiten"

Das Einspannen, der Blick auf das weiße Blatt, dass Hämmern auf der Tastatur - die sinnlichen Einzelheiten gehören zu einem ganz bewussten Prozess.

Der amerikanische Autor John Irving etwa tippt seine Romane auf der elektrischen Maschine, die handschriftlich überarbeiteten Fassungen werden von Assistenten erfasst und weitere Korrekturen schrittweise eingearbeitet.

Was von vielen als großer Vorteil des Computers gesehen wird - das leichte Überarbeiten, das bequeme Löschen, Kopieren und Verschieben des Textes - ist nach Ansicht anderer Autoren eher ein Nachteil. Die Reinschrift an der Maschine sei ein "ungeheures Korrektiv", sagte Nadolny der "Frankfurter Rundschau". "Du schreibst das ab, mit wunden Fingern und wehen Knochen und überlegst dir bei jedem Satz: Muss ich das wirklich schreiben? Und sagst oft: Den kann ich glatt weglassen."

Schreibmaschine statt Laptop

Der Schriftsteller Friedrich Ani ["German Angst"] will sich nach Jahren mit dem Laptop eine mechanische Schreibmaschine kaufen, auch weil er den "Sound" so gern mag. "Ich möchte da wieder eine Langsamkeit in mein Schreiben bringen", sagt er.

Erstfassung mit Füllfederhalter

Auch Anton G. Leitner bekommt für seine Lyrik-Zeitschrift "Das Gedicht" öfter von jüngeren Autoren getippte Seiten, die nach Schreibmaschine aussehen. Leitner glaubt allerdings, dass sich auch bei den Dichtern der Computer durchgesetzt hat: Die erste Fassung wird mit dem Füllfederhalter zu Papier gebracht, dann wird der Text - gern auch in mehreren Versionen - im Computer abgespeichert.

Von dem Dichter und Übersetzer Karl A. Kühne weiß Leitner indes zu erzählen, dass dieser sich gleich vier elektrische Schreibmaschinen als Ersatz-Exemplare besorgt hat - aus Sorge, sie könnten aus dem Handel verschwinden.

Siegfried Lenz schreibt seine Manuskripte mit der Hand; erst danach entsteht die Maschinenfassung, wie der Verlag Hoffmann und Campe Verlag berichtet. Auch die Autorin Christa Schmidt (Jahrgang 1959) meidet den Computer standhaft und hat ihr neues Buch "Jubeljahr" unbeirrt mit der Schreibmaschine verfasst.

Original auf 36 Metern Butterbrotpapier

In der Literaturgeschichte nimmt die Schreibmaschine ohnehin einen prominenten Platz ein. Als einer der ersten Weltbestseller, die auf einer Schreibmaschine entstanden, gilt Mark Twains "Tom Sawyer" [1876]. Original-Manuskripte wie Jack Kerouacs auf 36 Meter Butterbrotpapier getippter Beat-Roman "On the Road" ["Unterwegs"] erzielen auf Auktionen Millionensummen.