24.06.2002

LECKS

Bildquelle: waldt

Zentralmatura-Fragen im Internet

Wenn im Juni Hunderttausende italienische Schüler zur Matura antreten, nimmt traditionell das ganze Land Anteil an ihrem Schicksal.

Die Reifeprüfungen werden alljährlich zum Medienereignis, das über mehrere Tage die Zeitungen und TV-Nachrichten füllt. Diesmal noch mehr als sonst, denn Italiens Schüler scheinen beim Mogeln eine Klasse für sich zu sein:

"Ministerium voller Lecks"

Das zentralistische italienische Prüfungssystem scheint dem Internet nicht gewachsen zu sein, denn allen Abiturienten werden die gleichen schriftlichen Aufgaben gestellt - die von einer Kommission in Rom bereits Monate zuvor ausgesucht und in einem Panzerschrank hinterlegt werden.

Trotzdem dürfte die strengste Geheimhaltung, die das Unterrichtsministerium garantieren will, so lückenlos nicht funktionieren. Denn Tausende Schüler konnten auf der gut frequentierten Site "studenti.it" am Abend vor der Latein- Prüfung einen entscheidenden Hinweis auf die Textstelle erhalten.

"So wird das Staatsexamen zu einem Witz", schäumte der Abgeordnete Mauro Bulgarelli von den oppositionellen Grünen. "Das Unterrichtsministerium ist voller Lecks", kritisierte er. "So wird das Examen delegitimiert", ärgerte sich sogar eine Studentenvereinigung. Unterrichts-Ministerin Letizia Moratti sei dafür verantwortlich.

Schule macht Spass

Zeitungen wunderten sich zudem darüber, dass es einigen Schülern gelungen ist, während der Prüfung E-Mails zu verschicken: "Bin zu allem bereit, um die richtige Lösung zu bekommen", lautete etwa der Hilferuf einer Maturantin, die eine Wirtschaftsprüfung zu bestehen hatte.

Die Polizei hat jetzt angekündigt, jene ausforschen zu wollen, die im Internet Hinweise zu den Prüfungsfragen veröffentlicht haben. Sollte die Person gefunden werden, die im Ministerium die Geheimhaltungspflicht verletzt hat, könnte sie zu drei Jahren Haft verurteilt werden.