Schwarzer Peter geht ans Internet
In der Debatte über die Ursachen des Erfurter Massakers haben Vertreter aus dem Fernseh- und Videobereich vor einer Verengung des Blicks auf "ihr" Medium gewarnt.
In der heißen Diskussion, ob die Schuld am Erfurter Massenmord in gewaltverherrlichenden Videos, Computerspielen oder übermäßigen Gewaltdarstellungen im Fernsehen zu suchen ist, wird der "Schwarze Peter" von den Medienvertretern in merkwürdiger Eintracht an das Internet weitergereicht.
Ballerspiele und Internet auf der Anklagebank
Im Zuge des Erfurt-Massakers ist die Diskussion über Gewalt in
Computerspielen neu entbrannt. Viele Experten bezweifeln, dass
gewaltbetonte Computerspiele einer der Auslöser für einen
Gewaltausbruch wie das Massaker in Erfurt sein könnten.
Hunderttausende Jugendliche, die sich mit Gewalt im Internet, am PC,
auf Video oder im Fernsehen befassten, würden niemals gewalttätig.
Hitzige Diskussion über BallerspieleFernsehen gut, Internet böse
Nach Ansicht des Intendanten der ARD-Anstalt NDR, Jobst Plog, ist zumindest das öffentlich-rechtliche Fernsehen bereits einer "der meistkontrolliertesten Bereiche".
Plog warnte vor übereilten Schritten, die anschließend verpufften. Über den Einfluss von Gewaltdarstellungen auf die Gewaltbereitschaft "weiß man im Grund nichts ganz Genaues", sagte er im NDR.
Viel mehr als auf das Fernsehen müsse dabei auch auf "den Internet-Online-Bereich sowie auf Videospiele" gesehen werden.
"Jede Art von Perversität"
Auch der Präsident der bayerischen Landesmedienstalt, Wolf-Dieter
Ring, sagte am Anfang der Woche, im Fernsehbereich funktioniere die
Aufsicht in Sachen Gewalt insgesamt gut. Im Internet gebe es dagegen
"jede Art von Perversität, die Menschen je erdacht haben".
Medienwächter wollen Netz kontrollieren"Internet ist das Hauptproblem"
Höchst verärgert reagierte BVV-Geschäftsführer [Bundesverband Audiovisuelle Medien] Joachim A. Birr auf die Aussagen einiger Politiker, die die Schuld am Erfurter Blutbad in gewaltverherrlichenden Videos und Games suchen und deshalb Razzien in Videotheken fordern.
"Ich schlage vor, diese Razzien einmal wirklich durchzuführen", so Birr ironisch, "und zwar gemeinsam mit Polizei, den Herren Beckstein und Schily sowie Vertretern der Verbände. Sie werden sehen, dass wir nichts zu verbergen haben."
Nirgendwo in Europa würden Filme intensiver geprüft als in Deutschland. Birr: "Den Milliardenmarkt Video, der Millionen zur Filmförderung beiträgt, Arbeitsplätze schafft und derzeit die einzige boomende Branche in der Industrie darstellt, derartig anzugreifen, zeugt von Unwissenheit und Dummheit."
Das Hauptproblem sei vielmehr im Internet zu suchen, weil es die offene Quelle für unzensierte Inhalte sei, so Birr.
