Nazi-Kollaborationsvorwürfe gegen IBM
Erst unlängst zugängliche und neu interpretierte bekannte Dokumente belegen angeblich die intensive Zusammenarbeit IBMs mit Nazi-Deutschland auch im Zusammenhang mit dem Holocaust.
In seinem Buch "IBM und der Holocaust", das vor rund einem Jahr erschien, bezichtigt der Autor Edwin Black IBM der intensiven Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland. Die IBM-Datenverarbeitung soll den Holocaust demnach beschleunigt oder sogar erst ermöglicht haben.
Unstrittig ist dabei, dass die Nationalsozialisten in großem Umfang Lochkartenmaschinen von IBM verwendeten. Black zufolge behielt IBM allerdings bis 1945 die Kontrolle über die Technologie für die Maschinen, Lochkarten und Einzelteile und war demnach direkt für die Geschäfte in Deutschland und im besetzten Europa verantwortlich.
IBM steht dagegen auf dem Standpunkt, dass die New Yorker Zentrale spätestens seit dem Kriegseintritt der USA keinen Einfluss mehr auf die Geschäfte der deutschen Tochter-Gesellschaft hatte.
Black wirft IBM in seinem Buch keinegswegs vor, aus ideologischen Gründen mit Nazi-Deutschland Geschäfte gemacht zu haben. In den 30er Jahren sei Deutschland über die DeHoMaG vielmehr einfach der weltweit zweitgrößte Markt und der größte Auslandsmarkt für IBM gewesen.
IBM-Rechner für den HolocaustNeue Dokumente und Vorwürfe
Buchautor Edwin Black will jetzt einerseits neue Dokumente entdeckt haben, die die Verstrickung IBMs in die Organisation des Holocaust beweisen, andererseits sollen allgemein bekannte Dokumente vor dem Hintergrund der jüngsten Erkenntnisse neue Bedeutung bekommen haben.
Black geht es dabei um den Nachweis, dass IBM die umfangreichen Geschäfte seiner Tochterfirma bis 1945 detailliert gesteuert haben soll und in diesem Rahmen auch genaue Kenntniss vom Einsatz der Maschinen bei der Organisation des Holocaust bekommen haben muss, denn die Lochkartenmaschinen mussten für jede neue Aufgabe vom Hersteller neue "konfiguriert" werden.
"Diese [Dokumente] sind der Beweis, dass IBM den Holocaust möglich gemacht hat," sagte Robert Wolfe, ein Mitarbeiter Blacks, jetzt in einem Interview zur Nachrichtenagentur Reuters. Wolfe ist Historiker und war nach 1945 als US-Armee-Offizier für Entnazifizierungsverfahren verantwortlich.
Ein IBM-Sprecher reagierte auf die neuerlichen Vorwürfe mit der Aussage, dass die neuen Dokumente immer noch vage blieben, schränkte dies aber durch den Hinweis ein, dass "wir ein Technologie-Unternehmen und keine Historiker" sind.
Die neu aufgetauchten oder neu interpretierten Dokumente behandeln den Einsatz der IBM-Lochkartenmaschinen im besetzten Polen.
IBM FirmengeschichteUnstrittiger IT-Einsatz
Die Dabatte um das Buch "IBM und der Holocaust" zeigt jenseits der Frage nach einer moralischen Schuld IBMs vor allem das ungeheure Missbrauchspotenzial von flächendeckenden Datenerhebungen auf.
Dass erst nach über 50 Jahren die Bedeutung von Datensammlungen für den Holocaust ins breite Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangte, dürfte weniger an mangelnden Dokumenten oder der Trägheit der Historiker liegen, vielmehr am drastisch gewachsenen Stellenwert der Informationstechnologien.
Historikern ist seit langem bekannt, dass die Nationalsozialisten in großem Umfang Lochkartenmaschinen von IBM verwendeten.
Nazi-Deutschland benutzte die Maschinen im großen Umfang, um Querverweise zwischen Namen, Adressen, Stammbäumen und Bankkonten zu erstellen. Genau diese Form des Datenmissbrauchs in seiner grauenhaftesten Konsequenz schildert Black in seinem Buch detailliert und anschaulich.
Die Hollerith-Maschinen
Die Maschinen wurden in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts von
dem deutschstämmigen US-Bürger Hermann Hollerith für Volkszählungen
in den USA entwickelt. Hollerith-Rechner waren bereits vor der Zeit
der Nationalsozialisten weltweit verbreitet. Die Nationalsozialisten
bezogen Black zufolge ihre Geräte zur Datenerfassung fast
ausschließlich von der IBM-Tochter Deutsche Hollerith Maschinen
Gesellschaft [DeHoMaG].
Die Lochkarten-Computer der Nazis
