"Das sozialistische Computerparadies"
Statistisch gesehen zählt Bulgarien heute im Telekommunikations- und IT-Bereich zu den rückständigsten Ländern Osteuropas. Aber das war nicht immer so.
In der Zeit des Sozialismus galt Bulgarien sogar als Computerparadies. Bulgarien war der einzige Ostblock-Staat, der für die Heimcomputerindustrie Fünfjahrespläne aufstellte.
Dabei stand jedoch nicht das Entwickeln eigener Geräte im Vordergrund, sondern die Schaffung der möglichst perfekten Kopie. Wer sich in Bulgarien für Computer interessierte, der musste lernen zu improvisieren.
In seinen besten Zeiten beschäftige die bulgarische Heimcomputerindustrie rund 300.000 Arbeiter und rund 40 Prozent der im Ostblock verwendeten Heimcomputer waren bulgarischer Herkunft.
Aufstieg und Fall
Herzstück der bulgarischen Computerindustrie war ein groß angelegter Betrieb in Pravetz, in dem massenweise IBM und Macintosh Computer nachgebaut wurden. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR 1989 war auch der Traum von der bulgarischen Heimcomputer-Industrie schlagartig zu Ende. Vor etwa 2 Jahren schließlich musste der hochverschuldete Betrieb in Pravetz geschlossen werden.
Von Dark Avanger zur Softwarepiraterie
Der Westen wurde auf die bulgarischen Computerexperten erst Ende Anfang der 90er Jahre aufmerksam, als plötzlich ein guter Anteil der damals weltweit produzierten Computerviren aus Bulgarien stammte.
Das meiste Aufsehen erregte Dark Avenger, ein Computervirus, der sich mit einem 1.800 Byte schweren Code an MS-DOS und exe files anheftete. Jedes 16. Mal, wenn das von Dark Avenger infizierte Programm gestartet wurde, löschte es Teile der Hard Disk.
Eine Zeit lang war es bei den jungen Leuten einfach in Mode, Computerviren zu programmieren, so wie es heute in Mode ist, in einem der zahlreichen Internetcenter Nachmittage lang Netzwerkballerspiele zu spielen, meint Eugene Nickolov, Leiter des Labors für Computervirologie an der bulgarischen Akademie der Wissenschaften.
Über den "Virenmythos Bulgarien" ist auch im Buch "Netzpiraten" aus dem Telepolis-Verlag einiges zu erfahren:
Netzpiraten78 Prozent Piratenquote
In den letzten Jahren hat Bulgarien allerdings mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen. Kaum hat man es geschafft, die massenweise Produktion von raubkopierten Musik-CDs zu stoppen, floriert die Sofwarepiraterie.
Die Rate der in Bulgarien verwendeten raubkopierten Software beträgt laut Velisar Sokolov von ARSIS Consulting 78 Prozent. Damit befindet sich Bulgarien im osteuropäischen Vergleich nach Russland und der Ukraine am dritten Platz.
Auf die Frage, ob er einen Zusammenhang zwischen der völlig außer Kontrolle geratenen Softwarepiraterie und der spezifischen Geschichte der bulgarischen Heimcomputerindustrie sieht, antwortet Velisar Sokolov:
"Noch vor 12 Jahren hatten wir sozusagen den staatlicher Auftrag. Wir haben Windows oder andere internationale Computerprogramme hergenommen, ihnen einen bulgarischen Namen übergestülpt und sie als bulgarische Software veröffentlicht. Wir werde dieses Problem in den Griff bekommen müssen, denn eines der Themen, das soeben im Zusammenhang mit dem Beitritt Bulgariens zur Europäischen Union diskutiert wird, ist eben genau der Schutz von geistigem Eigentum."
SO 22:30 im Ö1-Magazin matrix
Im Rahmen der Ö1-Reihe "Nebenan-Erkundungen in Österreichs
Nachbarschaft" bringt matrix eine Bestandsaufnahme der bulgarischen
Computerszene. Hören Sie eine Sendung von Susanna Niedermayr,
illustriert wird sie mit Musik von bulgarischen Trackern rund um die
Technoplattform techno.orbitel.bg
Elektronische Musik aus Bulgarien
matrix - computer & neue medien
