Der "absturzsichere" Bundestag
Der Streit um die künftige Computerausstattung des deutschen Bundestages geht weiter.
Seit mehreren Monaten läuft im Parlament eine interne Debatte, ob künftig Rechner mit dem neuen Windows XP angeschaffen oder ob das offene Linux-System eingesetzt werden soll.
Der SPD-Abgeordnete Jörg Tauss ist die Speerspitze der Linux-Verteidiger. Schon wird ihm nachgesagt, er wolle aus dem Bundestag eine "Microsoft-freie Zone" machen. Doch Tauss hält die Alternative schlichtweg für sparsamer und effizienter. Das kostenlose Stück Software kann einfach aus dem Netz heruntergeladen werden.
"Programme stürzen nicht so leicht ab"
Zahlreiche Kommunal- und Länderverwaltungen sparen bereits auf
diese Weise teure Lizenzgebühren. Die Gemeinde Remseck im
Rhein-Neckar-Kreis wählte Linux wegen seiner Standhaftigkeit, sagt
Verwaltungsmitarbeiter Lothar Barth. "Die Programme stürzen nicht so
leicht ab", ist seine Erfahrung.
Deutscher Bundestag ohne MicrosoftBundestag braucht Speicherplatz
"Die Programme brauchen weniger Speicherplatz", betont SPD-Mann Uwe Küster, Mitglied im Ältestenrat. Gerade im Bundestagsalltag sei das wichtig.
"Die SPD-Bundestagsfraktion setzt bereits seit 1995 Open-Source-Software erfolgreich zusammen mit Microsoft-Produkten ein", sagt Küster.
Grietje Bettin, medienpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, ist vor allem von der basisdemokratischen Idee von Open-Source-Systemen wie Linux fasziniert. Jeder Anwender kann kann Verbesserungsvorschläge machen.
Blick hinter die Benutzeroberfläche
Der Blick hinter die Benutzeroberfläche steht jedem offen, denn
der Quellcode des Programms - sozusagen seine Bauanleitung - ist
kein Geheimnis. Wer programmieren kann, darf eigenmächtig
Veränderungen vornehmen. Unter dem Druck der Konkurrenz spielt nun
auch Microsoft zunehmend mit offenen Quellcodes.
Windows-Quellcode für den BundestagPositives Beispiel oder Parteilichkeit?
Tauss sieht darin eine PR-Kampagne, mit der den Linux-Befürwortern der Wind aus den segeln genommen werden soll. Kurt Sibold, Vorsitzender der Geschäftsführung der Microsoft GmbH, appellierte in einem offenen Brief an einige Parlamentarier, sich nicht von der Linux-Lobby blenden zu lassen.
Eine Entscheidung für Linux im Bundestag könnte eine symbolische Wirkung haben: Die Förderung von kleinen und mittleren Software-Herstellern und die Zerschlagung des Microsoft-Monopols.
Gerade das wollen viele Abgeordnete erreichen. Der Bundestag müsse ein positives Beispiel abgeben, meint Bettin. Andere Abgeordnete fürchten jedoch den Vorwurf der Parteilichkeit.
"Ganz neutral mehrere Betriebssysteme vergleichen"
Der Ältestenrat, der das letzte Wort bei der Entscheidung hat,
lässt sich nicht in die Karten schauen: "Wir haben ganz neutral
mehrere Betriebssysteme verglichen", sagt Küster. Unter dem Vorsitz
des Sozialdemokraten befasst sich am 28. Februar eine Kommission mit
den Ergebnissen eines unabhängigen Gutachtens und legt dem
Ältestenrat eine Empfehlung vor. Mit einer Entscheidung wird Mitte
März gerechnet. "Es wird wohl ein Kompromiss dabei rauskommen", sagt
Bettin. Aber auch das sei schon ein erster Erfolg.
Politiker wollen Bundestag ohne Microsoft
