Die Herausforderung des Digitalen
Dass Mediendebatten nicht nur interessierte Laien ratlos zurücklassen, hat für den deutschen Kulturwissenschaftler und Medientheoretiker Joseph Vogl einen guten Grund: Zu sehr, so Vogl in einem Interview mit science.ORF.at, hängen wir diese Debatten an einem diffusen Begriff von Massenmedien auf. Mediendebatten haben schon existiert, als es den Begriff Medien noch gar nicht gab. In der Netzwerkgesellschaft sieht Vogl die Bewältigung des Redundanz-Problems als zentrale Herausforderung.
Experte für 'künstliche' Welten
Vogl, selbst Literaturwissenschaftler, Wissenschaftshistoriker
und Philosoph, hält eine Professur für die Geschichte und Theorie
künstlicher Welten an der Bauhausuniversität Weimar und war zuletzt
Gast am Internationalen Forschungszentrum Kulturwisschenschaften in
Wien.
Bauhaus-Uni Weimar | Fakultät Medien
Internationalen Forschungszentrum für Kulturwisschenschaften"Gnädige Schnittstellen"
Im Augenblick, erinnert Vogl aber, stehe man durch die digitalen Medien einer Entwicklung gegenüber, die alle Differenzen kassiere: "Damit wird eine anthropologisch begründbare Ordnung durchkreuzt, eine Aufteilung, die besagt, dass etwa Lesen etwas anderes ist als Rechnen oder Hören etwas anderes als Sehen. Wir haben nun eine Maschine vor uns, die signalisiert, dass der Mensch nur über sehr gnädige Schnittstellen mit diesem Gerät kommunizieren und seine eigenen Sinne behalten darf. Das ist eine bisher noch unabsehbare Geschichte von Techniken, Sinnen, Menschenformen."
Netzwerkgesellschaft und Info-Flut
Durch das Internet steht die Wissenschaft laut Vogl auch vor einer weiteren Herausforderung: Hatten Studenten in der Vergangenheit beklagt, dass Kanonbildung durch zu starke Ausschlussmechanismen betrieben wurde, so stehen genau dieselben Leute heute vor dem Problem, mit der Flut an Information zu Rande zu kommen.
Redundanz-Bewältigung ist in diesem Zusammenhang das Zauberwort. "Das Netz", so Vogl, "hat für uns noch einmal in einer ganz besonderen Weise die Frage gestellt, welche Regeln und Diskursformationen nötig sind, damit überhaupt eine mehr oder weniger anschlussfähige Kommunikation entsteht."
Textuelle Wucherungen
Die Patchwork-Kommunikation des Web habe jeden schon einmal in die Verzweiflung geführt und nach einer harten, kräftigen, effizienten Selektion rufen lassen. Gerade das Netz verweise einen in einer fast schon foucaultschen Weise auf die Ordnung des Diskurses, die man nun angesichts der textuellen Wucherungen selbst jeweils neu herstellen oder reproduzieren müsse:
"Wir wollen nicht alle ¿Informationen¿, die das Internet bietet, sondern wir wollen möglichst scharfe Selektionen. Das ist ein technisches ebenso wie ein wissenschaftliches Problem und macht die jeweiligen Diskursbedingungen immer wieder zur Verhandlungssache."
