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Die Chancen der Schwarmintelligenz

SOZIALES NETZ
17.04.2010

Wie lässt sich das Rezept von Open-Source-Erfolgen wie Linux und Open-Content-Legenden wie Wikipedia auf andere Bereiche übertragen? Plattformen für Open Innovation und virtuelle Börsen versuchen, von dem Wissen ihrer Mitarbeiter und Kunden zu profitieren. Teil drei der futurezone.ORF.at-Serie über das Soziale Netz.

Zur Person:

Christiane Schulzki-Haddouti ist freie IT- und Medien-Journalistin. Sie war von 2007 bis 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Darmstadt, um die Innovations- und Technikanalyse "Kooperative Technologien in Arbeit, Ausbildung und Zivilgesellschaft (kooptech)" zu erstellen.

Die futurezone.ORF.at-Serie "Soziales Web" wird unter dieser Adresse gesammelt.

Der amerikanische Innovationsforscher Eric von Hippel lenkte die Aufmerksamkeit darauf, dass Kunden in der Regel die besten Kenner von Produkten seien, da sie am besten wüssten, was ihnen nützt.

So stellte er in einer Studie bereits 1994 fest, dass 82 Prozent der Funktionsfähigkeiten wissenschaftlicher Instrumente wie etwa Elektronenmikroskope von Nutzern entwickelt wurden.

Auch die Amateurfunk-Community entwickelte wesentliche Teile der Mobilfunktechnologie selbst. So bauen Amateurfunkvereine selbst kleine Satelliten, die sie als Non-Profit-Projekte oftmals als kostengünstiges, teilweise sogar kostenloses Beigepäck kommerzieller oder wissenschaftlicher Raketenmissionen ins All transportieren lassen können.

Nutzer als Experten

Neu ist, dass über das Internet wesentlich mehr Nutzer als früher angesprochen werden können. Der Nutzer als Experte wird in den zahlreichen Plattformen angesprochen, die Fragen erwarten und Antworten liefern. Nutzer stellen etwa in Diskussionsforen Fragen zu technischen Problemen und erhalten nach einer gewissen Zeit eine hilfreiche Antwort. Hieraus entwickelten sich einige Web-basierte Wissensdienste, die es Nutzern ermöglichen, zu bestimmten Themenbereichen Fragen zu stellen.

Einige wie COSMiQ und gutefrage.net ermöglichen das ohne themenspezifischen Zuschnitt, andere verschrieben sich bestimmten Themenbereichen. Beim Web-Dienst Mango Languages etwa dreht sich alles um den Spracherwerb, bei InterviewUp alles um Beruf und Karriere und bei ErrorHelp.com alles um Fragen der Software-Entwicklung.

Denken in der Gruppe

Eng hiermit verwandt sind Dienste, in denen es um Ideensammlungen geht. 43Things war einer der ersten Dienste, in denen es um das Veröffentlichen von Vorstellungen bzw. Lebenszielen ging. Nach ihm kamen andere Dienste, die etwa wie Grūpthink öffentlich Fragen und Ideen aller Art diskutieren lassen, oder wie realisr.com, der versucht, zu einer Idee oder einem Projekt die an der Realisierung interessierten Menschen zusammenzubringen.

Nicht nur Privatpersonen, auch Unternehmen und Organisationen können vom öffentlichen Brainstorming, der kollektiven Ideenfindung profitieren. Don Tapscott bezeichnet diese Innovationsstrategie in Zeiten des Internet als Wikinomics: Wie bei der Wikipedia erfolgen Kooperation und Kollaboration nahtlos über Organisationsgrenzen hinaus. Dieses Vorgehen präge das Unternehmen der Zukunft, meint Tapscott: "Die Welt wird eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung." Anders ausgedrückt: Das Internet wurden zur verlängerten geistigen Werkbank.

Vorbild Open Source

Wie gut Innovationsprozesse im Internet funktionieren können, zeigte neben der Wikipedia bereits früh die Open-Source-Bewegung, die zur Entwicklung des alternativen Betriebssystems Linux und des Web-Browsers Mozilla durch Tausende von Freiwilligen führte. Bekannt ist solches Arbeiten auch unter der Bezeichnung Crowdsourcing: Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen stellen Aufgaben ins Internet und lassen die Netzgemeinde nach Lösungen suchen. Damit orientieren sie sich am Vorbild der Wikipedia.

Über Innovationsplattformen wie InnoCentive, NineSigma und Fellowforce schreiben Unternehmen aus Branchen wie der Pharmazeutik, Chemie und der Informations- und Kommunikationstechnik Wettbewerbe bzw. Challenges an die große Netzgemeinde aus. Die besten Problemlösungen werden prämiert. Große Unternehmen lancieren solche Wettbewerbe inzwischen auch auf eigene Faust.

Kleinarbeiten für Konzerne

Die US-amerikanische Plattform NineSigma vermittelt mit ihren Ablegern in Japan und Europa technisch-wissenschaftliche Lösungskonzepte und zählt Unternehmen wie DuPont, GlaxoSmithKline, Kraft, P&G, Philips, Unilever und Xerox zu ihren Kunden. Auf der vom Arzneimittelhersteller Eli Lilly ins Leben gerufenen Plattform InnoCentive werden Preisgelder zwischen 5.000 und 100.000 US-Dollar ausgelobt.

Inzwischen registrierten sich dort über 160.000 Nutzer. Über 50 Unternehmen, darunter Procter & Gamble, Dupont, Henkel und BASF lassen dort nach Problemlösungen suchen. Das niederländische Start-up Fellowforce vermittelt kleinen Start-ups wie auch großen Unternehmen und Organisationen Nutzer für neue Produktideen und Markteinführungsstrategien - und bietet gleichzeitig eine neue Möglichkeit der Mitarbeiterrekrutierung. Als Gegenleistung gewinnt der Einreicher mit der besten Idee ein Preisgeld oder kann Unternehmensanteile erwerben.

Neue Ideen gefragt

Karim Lakhani, Innovationsforscher an der Harvard University, betrachtete die Mechanismen von Crowdsourcing im Dienste des Innovationsmanagements näher. Er wertete auf der Open-Innovation-Plattform InnoCentive 166 Herausforderungen von 26 Auftraggebern aus. Dabei stellte er fest, dass die Gewinnchance für einen Teilnehmer größer ist, wenn er nicht vom Fach ist. Die Unternehmen bräuchten nämlich oft "jemanden, der die Aufgabe mit einem völlig naiven Blick betrachtet, jemanden, der den Wald trotz aller Bäume sieht". Gerade im Internet ist die Chance groß, genau so jemanden zu finden.

Für das Crowdsourcing, das Einbinden vieler Nutzer in den Innovationsprozess über das Internet, gibt es weitere Beispiele: Die kanadische Goldmine Goldcorp veranstaltete erfolgreich einen Ideenwettbewerb, um das Geschäft aus der Krise zu führen. Sie stellte alle verfügbaren Firmendaten ins Internet und lobte ein Preisgeld für gute Lösungsvorschläge aus. Angesprochen fühlten sich Professoren, Geologen, Studenten und Militärangehörige. Die Aktion hatte Erfolg - Goldcorp ist wieder profitabel. Procter & Gamble wiederum will die Hälfte der Ideen für neue Produkte von außen generieren. Inzwischen konnte der Konzern den Anteil mit Hilfe von Open-Innovation-Ansätzen von 15 auf 35 Prozent steigern und die Forschungsausgaben dabei von 4,8 auf 3,4 Prozent des Umsatzes senken.

Lösung von Teilproblemen

Für Unternehmen gibt es nach Lakhani allerdings vor allem zwei Hemmschwellen für Open Innovation. Zum einen befürchten sie, dass ein Problemlöser die Lösung findet und selbst patentiert, statt sie einzuschicken. Deshalb werden auf den Open-Innovation-Plattformen in der Regel nur Teilprobleme veröffentlicht. Zum anderen tun sich Unternehmen schwer, anzuerkennen, dass Lösungen für ihre Probleme auch von außerhalb kommen können.

Dabei sind es wohl oftmals die Lebenserfahrung und das Nischenwissen der Plattformteilnehmer, die sie die gesuchten Lösungen finden lassen. So basieren rund 75 Prozent der eingesandten InnoCentive-Lösungen auf Vorwissen und älteren, aber wenig bekannten Forschungsergebnissen. Damit können 35 Prozent aller InnoCentive-Aufgaben gelöst werden. Plattformen wie YourEncore setzen deshalb ganz gezielt auf Experten im Ruhestand.

Virtuelle Börsen

Crowdsourcing kann kollaborativ organisiert sein, aber auch wettbewerbsorientiert. Zur letzteren Methode zählen die Wetten des virtuellen Börsenhandels. Viele Teilnehmer drücken ihre Erwartungen in Bezug auf ein bevorstehendes Ereignis aus. Das Resultat schlägt sich in einer Preisbildung nieder. Erstmals wurde eine virtuelle Börse im Bereich der Wahlforschung an der University of Iowa eingesetzt: als Wahlbörse, die das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahl zwischen George Bush senior und Michael Dukakis 1988 vorhersagen sollte. Dabei konnten die Forscher eine genauere Vorhersage des Wahlausgangs als klassische Meinungsumfragen erreichen.

Inzwischen ist die virtuelle Börse eine vielfach eingesetzte Marktforschungsmethode zur Lösung kurz- und mittelfristiger Prognoseprobleme. Zu verschiedenen Themen wurde bereits eine breite Palette von Diensten aufgesetzt, in denen Verbraucher, Experten und Unternehmensmitarbeiter auf künftige Entwicklungen wetten: Mitarbeiterbörsen wie NewsFutures unterstützen Unternehmen dabei, das Wissen ihrer Mitarbeiter über solche Mechanismen für Forecasts und Ideenfindungsprozesse zu nutzen.

Crowdsourcing bei Wahlen

Die Wahlbörse des Lehrstuhls für Informationsdienste und elektronische Märkte der Universität Karlsruhe lag bei den Bundestagswahlen 2005 näher am tatsächlichen Wahlausgang als die großen deutschen Meinungsforschungsinstitute. Ähnliche Wahlbörsen gab es für die Wahlen zum österreichischen Parlament und Europäischen Parlament sowie beim EU-Referendum in Schweden. Ähnlich auch die Nobelpreisbörse: Sie handelte 2004 mit den Erwartungen, dass ein bestimmter Kandidat einen Nobelpreis erhält. Jeder Teilnehmer erhielt ein Startkapital von 10.000 virtuellen Euro. Damit konnte er Aktien der seiner Meinung nach aussichtsreichsten Kandidaten handeln.

Sportbörsen wie World Sports Exchange und Betfair setzen auf die kollektive Voraussage von Wettkampfsiegen. Marketocracy evaluiert Investmentstrategien, indem Teilnehmer an einer virtuellen Börse die Investitionstätigkeiten von Akteuren analysieren und auswerten. Hierfür erhalten sie virtuell eine Million US-Dollar, die sie in Transaktionen einsetzen können. Die erfolgreichsten Investmentstrategien werden von einem realen Investmentbanker, dem Marketocracy Capital Management, aufgegriffen. Der virtuelle Investor wird dann entlohnt, wenn seine Strategie in einem realen Fonds umgesetzt wird.

Die Entwicklung von innovativen Produkten auf diversen Open-Innovation-Plattformen und virtuellen Börsen basiert letztlich auf nichts anderem als auf dem Teilen von Informationen. Das aus dem im Netz so übliche Sharing, also das Teilen von Informationen und Daten, kann tatsächlich so etwas wie eine "kollektive Intelligenz" und eine "Weisheit der Masse" entstehen lassen. Immer noch das beste Beispiel ist die gemeinschaftlich erstellte und gepflegte Wikipedia, die einfach davon profitiert, dass Nutzer aus eigenem Interesse Inhalte zur Verfügung gestellt und so beschrieben haben, dass sie auch für andere Nutzer interessant sind.

(Christiane Schulzki-Haddouti)