© Fotolia/inacio pires , Maus liegt auf einem Buch, das auf einer Tastatur liegt

"Google Books ist eine offene Plattform"

BUCHDIGITALISIERUNG
10.09.2009

Anfang der Woche hat die EU-Kommission eine Anhörung zum umstrittenen Digitalisierungsprojekt Google Books veranstaltet. ORF.at sprach mit Erika Mann, die dabei die US-amerikanische Computer & Communications Industry Association (CCIA) vertrat. Der Verband setzt sich für offene Märkte und Netzwerke ein und hat Google Books vor diesem Hintergrund bewertet.

Derzeit prüft das US-Justizministerium, ob die Einigung zwischen Google und US-Autoren- und -Verlegerverbänden gegen das Wettbewerbsrecht verstößt. Anfang Oktober soll ein Gericht in New York entscheiden, ob das "Google Book Settlement" Bestand haben soll. Im Vorfeld formieren sich die Fronten.

Microsoft, Yahoo und Amazon gegen Google

Suchmaschinenbetreiber und Online-Buchhändler fürchten, dass Google mit dem Vergleich einen Wettbewerbsvorteil erzielen wird. Der Software-Konzern Microsoft hatte im vergangenen Jahr sein eigenes Buch-Scan-Projekt "Live Search Books" aufgrund von Rechtsunsicherheiten aufgegeben. Der Online-Buchhändler Amazon scannt Bücher nur mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Urheber ein und würde so ins Hintertreffen geraten.

Suchmaschinenbetreiber Yahoo fürchtet wiederum, dass Google durch das Digitalisierungsprojekt über eine ungleich größere Datenbasis verfügt, um seine Suchmethoden zu verbessern. Im vergangenen Monat schlossen sich eine Reihe von Bibliotheksverbänden mit Amazon, Microsoft und Yahoo zusammen, um eine "Open Book Alliance" zu gründen. Sie will das Digitalisierungsprojekt von Google stoppen, da der Suchmaschinenkonzern mit dem Vergleich die Position eines Weltbibliothekars erhalten könnte.

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Offenheit und Google Books

Sowohl Google als auch Microsoft und Yahoo gehören der Computer & Communications Industry Association an. Der Verband verfolgt seit Jahrzehnten eine eigene Agenda der "offenen Märkte, offenen Systeme und offenen Netzwerke". Vor diesem Hintergrund wurde auch das "Google Book Settlement" bewertet. ORF.at hat die frühere deutsche EU-Abgeordnete Erika Mann (SPD), die die CCIA bei der Anhörung vor der EU-Kommission vertrat, zum Vergleich zwischen Google und US-Autoren- und -Verlegerverbänden befragt.

ORF.at: Das Gericht in New York wird sich Anfang Oktober vor allem mit wettbewerbsrechtlichen Fragen befassen. Behindert Ihrer Ansicht nach Google mit seinem Projekt den Wettbewerb?

Mann: Nein, überhaupt nicht.

ORF.at: Die Verleger befürchten, dass Google mit dem Settlement eine Monopolstellung erhält und allein darüber entscheiden wird, wie Bücher digital vermarktet werden sollen.

Mann: Google wird mit dem Vergleich lediglich Lizenznehmer. Dabei handelt es sich um eine nichtexklusive Lizenz. Damit kann Google andere Marktteilnehmer nicht davon abhalten, die fraglichen Bücher zu zeigen, zu reproduzieren oder zu vermarkten. Meiner Ansicht nach kann Google somit das Copyright gar nicht missbrauchen.

ORF.at: Insbesondere Amazon, das mit dem E-Book-Lesegerät Kindle selbst digitale Bücher offensiv vermarktet, lehnt den geplanten Vergleich ab.

Mann: Die Buchplattform von Google ist offen. Google verwendet außerdem das nichtproprietäre ePub-Datenformat, das auf offenen Standards basiert, sowie das weit verbreitete PDF-Format. Ich kann keine Anzeichen dafür erkennen, dass Google Interoperabilität verhindern würde. Das würde es jedoch tun, wenn es etwaige Wettbewerber behindern wollte.

ORF.at: Inwieweit schottet Google seinen Dienst nach außen ab, inwieweit ist er offen?

Mann: Die Rechteinhaber können über eine Creative-Commons-Lizenz zwischen mehreren Optionen für die Veröffentlichung ihrer Werke wählen. Grundsätzlich unterstützt Google aber nicht nur freie Inhalte, sondern auch den freien Zugang. So ist der Dienst über jeden Browser zugänglich. Das bieten die Wettbewerber so nicht. Damit kann der Leser mit jedem Internet-fähigen Gerät, also auch etwa mit einem iPhone und nicht nur mit einem Gerät namens Kindle, auf die digitalisierten Bücher zugreifen. Niemand wird über ein Bundling dazu gedrängt, Produkte oder Dienste zu kaufen, die er gar nicht möchte. Außerdem hat Google eine Reihe von Programmierschnittstellen offengelegt, die es Dritten wie Buchhändlern oder Verlagen ermöglichen, Google Books auf den eigenen Websites zu integrieren. Der Dienst ist damit eine breit aufgestellte offene Plattform.<<

ORF.at: Glauben Sie, dass der Markteintritt damit für Wettbewerber wie Amazon und Microsoft schwieriger wird?

Mann: Ich glaube, dass der angestrebte Vergleich den Eintritt in den Markt für digitalisierte Bücher erleichtern wird. So wird eine nichtkommerzielle Registratur, die Books Rights Registry, eingerichtet. Zweifellos hat Google einen Marktvorteil, weil sie sehr früh mit dem Scannen angefangen haben. Dieser Vorsprung wird nur schwer einzuholen sein. Das ist natürlich so, keine Frage.

ORF.at: Welche Aufgaben hat die Registratur?

Mann: Die Hauptaufgabe dreht sich um die Abklärung der Rechte von sogenannten verwaisten Büchern, also von Büchern, die nicht mehr verlegt werden, wo die Autoren nicht gefunden werden und so weiter. Die Registry klärt, ob es sich bei einem Buch um ein noch urheberrechtlich geschütztes Werk, ein verwaistes Werk oder ein Werk handelt, dessen Urheberrechte bereits ausgelaufen sind. Die Registratur ist auch für die Auszahlung der Lizenzgebühren zuständig. Das ist in meinen Augen ein Anreiz für die Rechteinhaber, sich um ihre verwaisten Werke zu kümmern. Von einer solchen Klärung wird der Markt weltweit profitieren. Auch Googles Wettbewerber können die Registratur nutzen, um so urheberrechtlich abgeklärte Werke für ihre Dienste verwenden zu können. In Richtung Verlage muss man sagen, dass man im Moment noch nicht abschätzen kann, wie wertvoll die verwaisten Werke sind.

ORF.at: Ist diese Registratur unabhängig?

Mann: Ja.  Sie wird auch Werke an Dienste lizenzieren, die mit Google im Wettbewerb stehen. Häufig wird ein zu großer Gewinn für Google darin gesehen, dass Google ein Privileg eingeräumt wird. Sie sind nämlich die Ersten, die eine Lizenzanfrage machen können. Dieses Privileg gilt nur für zehn Jahre und ist erheblich kleiner, als es allgemein dargestellt wird, da es Wettbewerber nicht automatisch ausschließt. Ich glaube daher, dass das Registry-Verfahren den Wettbewerb mittelfristig befördern wird.

Widerstand in Europa

Europäische Autoren, Verlage und Buchhändler kritisieren das Google Book Settlement scharf. Sie brachten vergangene Woche vor dem zuständigen New Yorker Gericht ihre Einwände ein.

ORF.at: Die Registratur wird sich aber nur um US-Copyrights kümmern und samt Zugang zu den Werken nur in den USA verfügbar sein. Allerdings hat Google auch die verwaisten Werke europäischer Autoren, die in den USA in den Bibliotheken vorhanden sind, eingescannt. Gehen die europäischen Anbieter und Leser damit nicht leer aus?

Mann: Die internationalen Schutzrechte sind national rechtlich strukturiert und erlauben keine internationale Verbreitung. Ich erwarte, dass die Registry auch einen Bedarf für eine europäisch orientierte Organisation schaffen wird, die sich mit der Klärung von Urheberrechten in Europa beschäftigen wird. Letztlich wird es unterschiedliche, miteinander in Wettbewerb stehende Registraturen und Buchdienste geben, die von der durch den Google-Vergleich geschaffenen Registratur im Prinzip profitieren werden, da sie ihre Daten nutzen dürfen. Insofern wird der anstehende Vergleich nicht nur den Amerikanern, sondern mittelfristig auch den Europäern nützen.

EU-Initiative zur Digitalisierung

EU-Medienkommissarin Viviane Reding strebt ein EU-weites Register für digitalisierte Bücher an. "Ich möchte in den nächsten Monaten daran arbeiten, Vorschläge für eine solche Gesetzgebung zu machen", kündigte Reding am Dienstag an.

ORF.at: Die Kommission hat angekündigt, für den Umgang mit verwaisten Werken eine Richtlinie zu entwerfen. Wie sehen Sie das?

Mann: Das ist ein wichtiges Unterfangen, doch wenn man sich den Versuch vor Augen führt, allein für Software-Patente eine europäische Rechtsprechung zu finden, wird deutlich, dass dies nicht so schnell, wenn überhaupt zu bewerkstelligen sein wird. Auch wird meiner Meinung nach heute die Anzahl der am Ende sich wirklich als verwaist herausstellenden Werke überschätzt. So geht man von rund 1,4 Mio. wirklich verwaisten Werken aus, Google hat bislang rund 580.000 eingescannt. Vermutlich wird die Anzahl der tatsächlich verwaisten Werke durch die Aktivitäten der Registratur erheblich zurückgehen. Im Endeffekt wird dies den Status quo erheblich verbessern.

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(Christiane Schulzki-Haddouti)