© APA/Barbara Gindl, Der Gemeindebau Karl Marx-Hof in Wien Heiligenstadt.

Ferngesteuerte Waschküchen im Gemeindebau

WIEN
04.09.2009

Um "Waschküchenmissbrauch" zu verhindern, werden die "Woschkucheln"über ein RFID-Zutrittssystem in Wien zentral kontrolliert. Die Daten gehen via Mobilfunk an ein Windows-Datenbanksystem. Die Stromzufuhr der Maschinen wird nach 20.00 Uhr fernabgeschaltet.

Nach der Videotechnik zieht gerade eine ganze Suite weiterer Technologien in die Wiener Gemeindebauten ein. Während die Videokameras vor allem Mistkübel und Garagen überwachen, dient das neue, auf RFIDs (alias Funkchips) basierende System dazu, "Missbrauch der Waschküche" zu verhindern.

So heißt es in einem mit August 2009 datierten Schreiben vom Betreiber "Wiener Wohnen" an die Mieter von mehreren Gemeindebauten, das ORF.at vorliegt.

"NaTÜRlich sicher"

Neben RFIDs kommen bei dem neuen System mit der spielerischen Bezeichnung "NaTÜRlich sicher" noch weitere Komponenten dazu.

Das sind Access Control Units, um Waschmaschinen fern zu steuern und den Stromverbrauch zu messen, und UMTS-Gateways, die diese Wiener Waschküchen mit einem Zentralrechner verbinden. Dazu kommt ein externes, aus mehreren Windows-Servern bestehendes Datenbanksystem.

Die Fernsteuerung

Um eine "verursacherInnenbezogene Abrechnung" zu ermöglichen, werden die Daten aus einer vorerst unbekannten Zahl von Wiener Waschküchen in Hinkunft zentral verwaltet, und auch sonst kann das System noch allerhand.

Am Ende der vorgebuchten Waschzeit werden zum Beispiel die Wasch-und Trockenmaschinen nicht nur automatisch vom Stromnetz getrennt. Waschgänge, deren Dauer das Waschzeitende überschreiten würde, werden gar nicht erst gestartet.

Die "Waschbetriebsordnung"

Die Einführung dieser neuen "Waschbetriebsordnung" ist nämlich gleichbedeutend mit einem Abend- und Nachtwaschverbot. Nach 20.00 Uhr und außerhalb der gebuchten Waschtage sei das Betreten nicht mehr möglich, heißt es in einem Schreiben an die Bewohner des Gemeindebaus in der Krottenbachstraße 40 im 19. Wiener Gemeindebezirk.

Mit dem Einbau des Systems werde Ende August begonnen. Start sei der 14. September.

Mistkübelüberwachung im Gemeindebau

Nach dem ersten Pilotversuch 2007 waren im März 2008 bereits 220 Kameras in Garagen, Müllräumen und Aufzügen in acht Gemeindebauten angebracht. Ursprüngliche Pläne, die Kameras auch in den Stiegenhäusern und im Bereich der Wohnungs- und Hauseingänge zu positionieren, waren von der Datenschutzkommission nicht genehmigt worden.

Das Nachtwaschverbot

Eine Anfrage von ORF.at bei der Hotline der Hausbetreuung Wiener Wohnen, über die Waschzeiten gebucht werden können, zum Thema Nachtwaschverbot wurde so beantwortet:

Es hätte Beschwerden über abendliche Lärmentwicklung gegeben. Der Lärm sei nicht nur auf die Maschinen selbst zurückzuführen, sondern werde auch durch den Auf- und Abtransport von Wäschekörben durch das Stiegenhaus und zufallende Türen hervorgerufen.

Mehr konnte die (ungemein freundliche) Hotline-Mitarbeiterin am Donnerstagnachmittag nicht sagen, der zuständige Projektleiter verwies danach auf das Büro des Wiener Wohnbaustadtrats Michael Ludwig.

Technische Hintergründe

Gerhard Porsch, Geschäftsführer des Lieferanten "Ebcont Systems und Solutions", einem Unternehmen mit Firmensitz im niederösterreichischen Neulengbach, konnte hingegen mit Einblicken in die technischen Hintergründe, Sicherheitsmaßnahmen und die generelle Funktionsweise des Systems aufwarten.

Zur Authentifizierung über den Funkchip werde nicht die Kundennummer des jeweiligen Mieters herangezogen, sondern ein 128-stelliger Code aus einem geschlossenen Nummernkreis, hieß es. Also eine beliebige Zahl.

Daraus wiederum werde dann eine Ziffernkombination - wohl ein Hash (Quersumme) - errechnet, die im IT-System dem jeweiligen Mieter zugeordnet wird. Mit durch unbefugtes Auslesen des Chips erlangten Daten fange daher niemand etwas an, sagte Porsch zu ORF.at.

Insgesamt ergebe sich dann ein "Waschküchenprofil" der jeweils schon angeschlossenen Wäschereinigungsanlagen von Wiener Wohnen.

UMTS für Wiener "Woschkuchel"

Die Übertragung der Daten erfolgt über eine UMTS-Anbindung mindestens eines Mobilfunkbetreibers, den Porsch aber nicht nennen wollte.

Verarbeitet werden die Datensätze jedenfalls von mehreren redundanten (doppelt vorhandenen) Servern, die allesamt unter Windows laufen: ein "Kommunikationscluster", sowie Applikations- und Datenbankserver. Dazu kommen zwei Gateways sowie die Microsoft Dynamics Nav Suite (ehemals Navision), ein "Enterprise Resource Planning"-System (ERP), wie es viele Firmen verwenden.

Steuerung über Stromverbrauch

Die Steuerung der Waschmaschinen wiederum erfolgt über den Parameter Stromverbrauch. Das sei mit der im Einsatz befindlichen Waschmaschinen-Hardware möglich, denn aus dem jeweils eingestellten Waschprogramm werde erst der zu erwartende Stromverbrauch berechnet, woraus sich wiederum die Laufzeit des Programmes ableiten lasse.

So ließe sich verhindern, dass ein Waschprogramm gestartet werde, das länger laufe als die zugeteilte Waschzeit, sagte Porsch.

Bei Absturz weiterwaschen

Auf die Frage, was bei einem Absturz des Systems oder Ausfall der Mobilfunkeinheit passiere, sagte Porsch, dass man auch hier technisch vorgesorgt habe.

Die jeweils nächsten acht bis zehn Tage des Waschküchenprogramms seien in den Access Control Units, also dem Systemteil an Ort und Stelle, gepuffert, womit das Funktionieren der Waschküche über den genannten Zeitraum auch bei schweren Crashes und Mobilfunkausfällen gesichert sei.

Ein- oder Aussperrung

Auch für den Fall, dass die Funkchips im Waschraum vergessen werden, während der Waschvorgang noch laufe, gebe es Abhilfe, sagt Porsch. Ein Anruf in einem Callcenter genüge, um die Türen ferngesteuert wieder zu öffnen.

Niemand brauche überdies zu befürchten, in der Waschküche eingesperrt zu werden, denn von innen ließen sich die Türen jederzeit öffnen.

"Anonyme" Fragebögen

Ende September 2008 wurde an 220.000 Bewohner der Wiener Gemeindebauten von Wiener Wohnen ein Fragebogen abgeschickt.

Die Mieter sollten dabei ihre Meinung über die persönliche Wohnsituation samt Nachbarn, Lärm und Sicherheit im Gemeindebau sowie über die Hausverwaltung und die Stadt Wien kundtun.

Ganz unten im Kleingedruckten hieß es: "Sie können diesen Fragebogen gerne anonym zurücksenden." Da diese Fragebögen sämtlich mit persönlicher Anrede daherkamen und einen Barcode enthielten, wurden damals von einer Mietervereinigung und mehreren Medien Fragen an den zuständigen Wohnbaustadtrat Michael Ludwig gestellt.

Erklärung

Der Strichcode sei nur wegen der Zuordnung zu den Verwaltungssprengeln aufgedruckt und um Schwindel mit kopierten Fragenbögen hintan zu halten, hieß es, zumal die Befragung mit einem Gewinnspiel gekoppelt war.

Wie allerdings mit einem Barcode-Lesegerät festgestellt wurde, enthielt der unscheinbar angebrachte Strichcode die vollständige Kundennummer jedes Mieters.

Im Gegensatz zu Verpackungen im Handel war die im Code enthaltene Zahlenkombination darunter nicht ausgedruckt.

(futurezone / Erich Moechel)