Brasilien, Raubkopien und Straßengangs

10.05.2006

"Multimedia-Kits" auf Basis freier Software und Gratis-Internet-Cafes mitten in den Slums von Brasiliens Großstädten sollen Alternativen zu "Karrieren" in Drogengangs aufzeigen. Claudio Prado, Vertreter des brasilianischen Kulturministers, über digitalen Musikvertrieb, Raubkopien und Straßenkriminalität.

Drogen und Waffengeschäft

Wer heute als Jugendlicher in den Armenvierteln von Sao Paolo und anderswo in Brasilien aufwachse, habe gerade einmal drei Chancen, einem Schicksal völliger Bedeutungs- und Machtlosigkeit zu entgehen, sagt Prado, der IT-Beauftragte des brasilianischen Kulturministers Gilberto Gil.

Am nächstliegenden sei in den Favelas eine Karriere im Drogen-und Waffengeschäft. Wesentlich sicherer und potenziell noch lukrativer sei es freilich, den sozialen Aufstieg in einer der mittlerweile zahllosen, in Brasilien aktiven protestantischen Missionarssekten zu suchen.

"Telecentros" und Multimedia-Kits

"Die dritte Möglichkeit für Besitzlose, überhaupt zu einer Interaktion mit der Geldgesellschaft zu kommen, sind die Telecentros mit ihren freien Betriebssystemen und nun unsere neuen Multimedia-Kits, die wir verteilen. Angesichts der Alternativen ist das revolutionär", sagte Prado, der diese Woche auf Einladung der Grünen in Wien weilt.

In Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstler- und Freie-Software-Gruppen wurden landesweit bereits etwa 120 "Telecentros" mit freiem Internet-Zugang via Satellit eingerichtet. Ein paar tausend sind insgesamt geplant. Diese digitalen Kulturzentren liegen zumeist mitten in den Armenvierteln, Internet-Nutzung und Webspace kosten nichts, die Rechner wurden zum Teil gebraucht angeschafft bzw. von der Regierung bezuschusst.

Vor seinem Leben als Leiter des Bereichs Digitale Kultur in Brasiliens Kultuministerium war der heute 62-jährige Prado in der Naturschutz-NGO "Save Amazonia" tätig und hat auch schon den Karneval von Rio koordiniert.

"Digital Inclusion"

In erster Linie gehe es noch nicht um Geld, sondern darum, dem "Digital Divide" die "Digital Inclusion" entgegenzusetzen. Den Armen solle eine Möglichkeit gegeben werden, mitzukommunizieren - als Schritt, die Hoffnungslosigkeit zu überwinden, sagt Prado.

Was aber ist mit den Klagen der Musik- und Filmindustrie über Brasilien als Eldorado von "Raubkopierern?" Laut dem Internationalen Verband der Phonographischen Industrie [IFPI] nimmt Brasilien mit Russland und China weltweit eine Spitzenreiterrolle in der Produktion illegaler Kopien ein.

Musikdistribution

"Das mag schon sein", sagt Prado weiter, "aber das 20. Jahrhundert ist nun einmal vorbei", und damit würden auch die alten Distributionsmodelle für Musik langsam obsolet. Der technologische Wandel führe ja auch zu einem veränderten Denken über Copyright im Allgemeinen.

Dieser Meinung sei im Übrigen auch sein Chef Gilberto Gil, der als einer der bekanntesten brasilianischen Komponisten und Musiker gutes Geld damit verdiene. Gil ist übrigens im Juni dieses Jahres auf einer Europatournee - nicht als Minister, sondern als Musiker.

"Wer bezahlt den Content?"

Es sei schon ganz in Ordnung, so Prado, dass die Regulation hier dem technischen Fortschritt - Stichwort: Internet-Zugang, Tausch-Software - hinterherlaufe, schließlich sei Fortschritt etwas Dynamisches, also das Gegenteil von Regulation, die Stillstand bedeute.

Die Frage "Wer bezahlt den Content?" ist für Prado schlichtweg "falsch gestellt". Richtig müsse die Frage vielmehr lauten: "Wovon werden die Musiker in Zukunft leben?" Was den Musikvertrieb angehe, so seien über die "Telecentros" die Produktionen einer ganzen Reihe von brasilianischen Musikern im Netz, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Plattenvertrag abgeschlossen hätten.

Die ersten Musiker hätten sich mittlerweile sogar Pässe besorgen müssen, da sie entdeckt und für Konzerte quer durch Europa engagiert wurden, sagt Prado.

Kultur mit freier Software

In einem dritten Schritt rüstet das Kulturministerium der brasilianischen Regierung die ersten "Telecentros" zu "Pontos de Cultura" auf.

Kunst- und Kulturinitiativen aller Art werden dort mit von der Regierung gesponserten "Multimedia-Kits" für Audio- und Videoproduktionen ausgestattet. Natürlich kommt auch hier ausschließlich freie Software auf GNU/Linux-Basis zur Anwendung.

Natürlich seien "Telecentros" und "Pontos de Cultura" nicht die Antwort auf alle Fragen der brasilianischen Gesellschaft, schränkt Prado abschließend ein und stellt plötzlich die Frage: "Wie viele Morde gibt es eigentlich hier in Wien?" "So um die 20 jedes Jahr", antwortet die Wiener Landtagsabgeordnete Marie Ringler, die zusammen mit der EU-Parlamentarierin Eva Lichtenberger [beide Grüne] Prado nach Wien eingeladen hat.

Morde, nicht Musik-Downloads

"20 Morde pro Jahr? An einem schlechten Tag sind es allein in Sao Paolo genauso viele Tote. Wenn man dort auf einem Armenfriedhof entlang der frisch angelegten Gräber geht und die Geburtsdaten ansieht, dann sind die Toten im Schnitt gerade 17 oder 18 Jahre alt geworden. Das - und nicht Musik-Downloads - ist unser großes Problem mit Brasiliens Jugendkriminalität."

Im Jahr 2004 gab es laut offizieller Statistik in Brasilien mehr als 36.000 Todesfälle durch Schusswaffen - die häufigste Todesursache unter brasilianischen Männern im Alter von 15 bis 29.

Brasilien in Wien

Im Wiener MuseumsQuartier sind bei "Vizinhos", einer Ausstellung über vernetzte und digitale Kunst, fünf brasilianische Künstler zu Gast. Eröffnung ist am 14. Mai, 19.00 Uhr, die Ausstellung ist noch bis 28. Mai zu sehen.