Strategiewechsel bei Microsoft

26.10.2008

Der US-Software-Konzern Microsoft will bei seiner Professional Developers Conference ab Montag in Los Angeles Einblick in seine "Cloud Computing"-Strategie geben. Auch eine Betaversion des Vista-Nachfolgers Windows 7 soll präsentiert werden.

Für Microsoft ist es eine Art Revolution: Gut drei Jahrzehnte nach seiner Gründung vollzieht der weltgrößte Software-Konzern einen radikalen Kurswechsel. Im Zentrum soll weit weniger als bisher der PC auf dem Schreibtisch stehen, sondern das Internet als gigantischer Datenspeicher mit Zugang von überall - etwa via Handy.

Mit seiner Strategiewende ist Microsoft keineswegs Vorreiter -eher im Gegenteil. Längst sagen Experten voraus, dass die Zukunft der Computerwelt in der "Wolke" ["Cloud"] liegt. So nennen sie die Zusammenballung unzähliger Rechner via Internet. "Cloud Computing" nutzt das Web als riesigen Computer.

Hohe Einsparungen

Unternehmen winken hier hohe Einsparungen, weil sie sich teure Rechenzentren sparen können. Doch auch die meisten Privatleute nutzen das Prinzip bereits: Wer etwa sein E-Mail-Postfach bei einem Online-Anbieter wie Yahoo, AOL oder GMX hat, braucht weder eigens installierte Software wie Microsofts Outlook noch viel Speicher auf dem PC - ein Browser zum Internet-Surfen genügt.

Google bietet online auch Textverarbeitung und Tabellenprogramme an. Firmen wie Salesforce.com versorgen Konzerne mit Mietsoftware via Internet.

Balanceakt

Für Microsoft ist das eine große Bedrohung. Der Konzern verdient seine Milliarden bisher vor allem mit dem Windows-Betriebssystem und den Office-Büroprogrammen. Der Kurswechsel nach ersten Testballons wie dem Service "Live Mesh" zum Datenspeichern im Web ist für den Riesen laut Experten ein Balanceakt: Die neue Strategie darf heutige Umsätze nicht noch zusätzlich gefährden.

Zugleich muss bei einem Schwergewicht wie Microsoft aber ein überzeugender Wurf her. "Der Markt erwartet etwas Großes", sagt Technologieanalyst Frank Gens von IDC. Bei solchen Strategiewechseln muss manche Tradition von Bord, weiß auch Microsoft-Chef Steve Ballmer: "Bevor uns andere überholen, machen wir das schon lieber selbst", sagte er kürzlich trotzig.

Konkurrenzdruck

Denn Microsoft hat keine Wahl: Konkurrenten wie Google, der IT-Konzern IBM und der Online-Händler Amazon sind bereits mit riesigen Rechenzentren eifrig am Werk. Und seit Google vor kurzem überraschend einen Internet-Browser aus dem Hut zog, spekulierte die Branche über einen eigentlich dahintersteckenden Angriff auf Microsofts Herzstück Windows. Ballmer kündigte daher an: "So wie wir ein Betriebssystem für PC, Handy und Server haben, brauchen wir ein neues, das im Internet läuft."

Betaversion von Windows 7

Große Hoffnungen setzt der Software-Konzern zugleich auf sein neues Computerbetriebssystem Windows 7, von dem in Los Angeles eine Betaversion zu sehen sein wird. Das derzeitige Vista erwies sich vor allem als Imagebremse und blieb laut Experten weit hinter den Erwartungen zurück. Viele Unternehmen wollen nach wie vor nicht umsteigen.

"Wenn Leute wirklich warten wollen, können sie das tun", gestand selbst Ballmer mit Blick auf Windows 7 kürzlich ein. Der offizielle Start wird für Anfang 2010 erwartet - eventuell auch schon Ende 2009, so die Spekulationen.

Auch der Trend zu den Netbooks - abgespeckten Mini-Laptops -läuft derzeit zu einem Gutteil an Microsofts Vista vorbei, weil es speicherintensiv ist und andere Betriebssysteme wie Linux und das betagte Windows XP den Vorzug bekommen. Und schließlich knabbert Apple mit seinen Mac-Rechnern zunehmend am Computerkuchen, wenngleich Windows-PCs noch immer den Löwenanteil stellen.

Hohe Erwartungen

In der Tech-Branche wird von Microsoft bei der Konferenz in Los Angeles viel Trommelwirbel rund um Windows und die "Wolke" erwartet. Der trotz Wirtschaftsflaute unternehmerisch weiter sehr erfolgreiche Konzern kann etwas Imagekosmetik gut gebrauchen.

Bei jüngsten PR-Kampagnen etwa rund um Mitgründer Bill Gates bewies Microsoft für seine Verhältnisse zwar ungewohnt viel Humor, der durchschlagende Erfolg blieb nach Einschätzung vieler Experten aber bisher aus.

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(dpa)