Bild: ORF.at

Geografie der "dunklen Zone"

19.09.2008

Der Geograf und Medienkünstler Trevor Paglen spürt der unsichtbaren Welt der US-Geheimdienste und Militärs nach. ORF.at hat mit ihm über Leerstellen auf der Landkarte, "Foltertaxis" und bizarre Militärabzeichen gesprochen.

"Power Hunter", "Prairie Dog", "Pony Express" und "Poker Bluff I": Mindestens 30 Milliarden Dollar des US-Militärbudgets fließen jährlich in Projekte, die mit solchen und ähnlichen Codenamen versehen sind und in den öffentlich zugänglichen Berichten der US-Regierung nicht näher ausgeführt werden.

Paglen vermutet, dass über diese Budgetposten eine gigantische militärische Infrastruktur am Laufen gehalten wird, die in US-Militär- und -Geheimdienstkreisen die "schwarze Welt" ["Black World"] genannt wird. In diesen streng unter Verschluss gehaltenen Zonen, die auf Landkarten nicht aufscheinen, werden Militärtechnologien getestet und Geheimprojekte ausgebrütet.

Paglen machte es sich zur Aufgabe, diese Leerstellen in Geografie und Gesellschaft der USA sichtbar zu machen. So gut es eben geht. Als Ausgangspunkt dienen ihm öffentlich zugängliche Regierungsdokumente, biografische Notizen von Militäbediensteten, Abzeichen geheimer Kommando-Einheiten und die Flugpläne privater Fluggessellschaften, die dem US-Militär als Vehikel für Gefangenentransporte rund um den Globus dienen. Paglen fotografiert darüber hinaus militärische Sperrzonen mit Hilfe leistungsfähiger Teleskope und spürt mit Daten, die von Amateur-Astronomen gewonnen werden, Spionagesatelliten auf.

Seine Recherchen dokumentierte der in Berkeley lebende Geograf und Medienkünstler bisher in zwei Büchern: "Torture Taxi: On the Trail of the CIA's Rendition Flights" befasst sich mit den geheimen CIA-Flügen, mit denen Verschleppte zu Verhören auf der ganzen Welt gebracht werden. "I Could Tell You but Then You Would Have to Be Destroyed by Me: Emblems from the Pentagons Black World" gibt Einblick in die Welt der Militärabzeichen aus der "dunklen Zone" und hat Paglen auch eine Einladung zu der in den USA sehr populären Comedy-Show "Colbert Report" verschafft. Ein drittes Buch - "Blank Spots on the Map" - soll im Februar 2009 erscheinen. Daneben sind Dokumente seiner Recherchen auch in Ausstellungen zu sehen, zuletzt etwa beim Medienkunstfestival Transmediale in Berlin.

Im Herbst 2008 war Paglen beim Wiener Festival für digitale Kunst und Kulturen, paraflows, zu Gast. Im metalab sprach er unter anderem über "nichtexistente" Punkte auf der Landkarte.

ORF.at: Was hat Ihr Interesse an der "Black World" geweckt?

Paglen: Bevor es Google Earth gab, konnte ich nur über die Archive von US-Regierungsstellen, etwa dem U. S. Geological Survey, an Satellitenaufnahmen kommen. Ich habe damals viel in den Archiven recherchiert und bemerkt, dass es eine Reihe von Orten gibt, die dort nicht zu finden waren. Ich dachte mir, dass es wohl nicht möglich sei, dass es im 21. Jahrhundert noch immer Leerstellen auf der Landkarte gibt und habe bald festgestellt, dass diese Aufnahmen entfernt wurden, weil sie geheime Orte zeigen. Zu dieser Zeit war bereits bekannt, dass eine Reihe von Leuten von US-Geheimdiensten und Militärs verschleppt und für Verhöre an geheime Orte gebracht wurde. Es ging also nicht um UFOs und Außerirdische, wie sie in Verschwörungstheorien oft genannt werden. Es war klar, dass hier etwas Wichtiges passierte. Es gab aber sehr wenige Informationen darüber. Das hat mein Interesse geweckt.

ORF.at: Wie haben Sie sich diesen "dunklen Zonen" angenähert?

Paglen: Die zentrale Frage war, wie man diese geheime Welt sichtbar machen kann. Ich habe versucht herauszufinden, wo sich diese "dunklen Zonen" mit der Welt überschneiden, die wir alle kennen. Ich dachte, dass sich Hinweise auf diese Zonen etwa in Regierungsdokumenten finden. In dieser Welt mussten natürlich auch Leute leben. Ich habe mich also gefragt, wie ich sie finden kann.

ORF.at: Sie haben Treffen von Militärangehörigen besucht, die in diesen Programmen beschäftigt waren. War es schwierig, an diese Leute heranzukommen?

Paglen: Ich wurde eingeladen, weil ich den Leuten sehr nette Briefe geschrieben habe. Diese Leute denken nicht, dass sie etwas Böses tun. Die meisten Bewohner der "dunklen Zonen" sind stolz auf ihre Arbeit. Die Leute waren immer sehr freundlich zu mir. Natürlich gibt es bestimmte Dinge, über die sie mit mir nicht reden. Sie sind aber froh darüber, dass sich jemand für ihre Arbeit interessiert.

ORF.at: Sie haben ein Buch über die militärischen Abzeichen der "dunklen Zone" veröffentlicht. Wie würden Sie diese militärischen Subkulturen charakterisieren?

Paglen: Das Buch heißt "I Could Tell You but Then You Would Have to Be Destroyed by Me" [Anm.: "Ich könnte ihnen Auskunft geben, aber dann müsste ich Sie vernichten"] und ist eine Sammlung von Abzeichen, die im Rahmen von Geheimprojekten ausgegeben werden. Das ist natürlich seltsam. Denn einerseits wird die Existenz dieser Programme und Projekte geheim gehalten, andererseits gibt es davon Souvenirs. Natürlich werden diese Abzeichen nicht im Supermarkt getragen. Sie stehen jedoch auch nicht unter Verschluss. Diese Badges geben Einblick in diese Welt und die Denkweisen ihrer Träger. Man findet viel Humor, vor allem schwarzen Humor. Unter der humorvollen Oberfläche spürt man aber jedoch eine gewisse Nervosität. Diese Leute wollen von ihrer Welt erzählen. Sie dürfen es aber nicht. Die Leute arbeiten an geheimen Projekten und wollen irgendwie beweisen, dass sie dabei waren.

ORF.at: Welches ist Ihr Favorit?

Paglen: Es gibt eines, das einen Drachen mit ausgestreckten Flügeln zeigt. In diesen Flügeln ist die US-Fahne abgebildet. Der Drache hält den Globus in seinen Klauen. Ich glaube, dass das ein besonders kriegerisches Abzeichen ist: "Wir wollen die Welt kontrollieren." Man kann diese Symbolik aber durchaus auch als Kritik verstehen. Das finde ich sehr interessant.

ORF.at:Sie verwenden sehr viele Informationen, die Sie von Amateuren bekommen, etwa mitgeschnittene Funkgespräche und Aufzeichnungen von Leuten, die Flugzeuge beobachten, sogenannte Planespotters. Haben diese verteilten Sensoren ein politisches Potenzial?

Paglen: Ich arbeite sehr viel mit Amateurforschern und Hobbyisten zusammen. Viele Leute, die etwa Flugzeuge beobachten, sind etwas exzentrisch. Das kommt mir sehr entgegen, denn ich mag exzentrische Leute. Es sind Leute, die an sehr obskuren Dingen interessiert sind. Sie freuen sich darüber, wenn man sich für sie interessiert. Diese Gruppen sind häufig an technischen Fragen der Informationssammlung interessiert und nur wenige verfolgen mit ihrer Arbeit auch ein politisches Interesse. Es ist ein Spiel. Aber man kann diese Daten natürlich auch zu anderen Zwecken verwenden. Ich glaube nicht, dass diese dezentralisierte Art der Informationsbeschaffung uns retten wird, ich bin aber froh, dass es sie gibt. Um auf die Praxis der CIA-"Foltertaxis" aufmerksam zu machen, hat Paglen 2004 gemeinsam mit dem Institute for Applied Autonomy das Webprojekt Terminal Air ins Leben gerufen. Über die Plattform lassen sich die Flüge der US-Geheimdienste im Rahmen des "Extraordinary Rendition Program" rund um den Globus verfolgen.

ORF.at: Wie haben Ihre Kontakte aus den geheimen Regierungsprogrammen auf Ihre Veröffentlichungen reagiert?

Paglen: Ich habe aus den Einheiten viele Rückmeldungen bekommen. Viele Leute waren froh, ihre Abzeichen in dem Buch zu finden. Andere haben geschrieben, dass ich sie falsch interpretiert habe. Sie könnten mir jedoch darüber nichts erzählen. "Torture Taxi", mein erstes Buch, hat im Gegensatz dazu viele Leute verstört. Es gab jedoch auch in diesem Apparat Stimmen, die sehr froh waren, dass dieses Buch geschrieben wurde. Sie arbeiten zwar an diesen Projekten mit, stimmen aber mit den dabei gewählten Vorgangsweisen nicht überein.

ORF.at: Wurden Sie von offiziellen Stellen kontaktiert?

Paglen: Von offiziellen Stellen habe ich keine Reaktionen bekommen. Das Paradox an den Vereinigten Staaten ist, dass es einerseits eine Reihe von Geheimprojekten gibt. Gleichzeitig ist die USA aber eine der offensten Gesellschaften der Welt. Es gibt in den meisten Ländern Gesetze, die die Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen verbieten, etwa in der Schweiz. In den USA gibt es kein Gesetz, das es Zivilisten verbietet, Staatsgeheimnisse zu publizieren. Was ich mache, verstößt also nicht gegen das Gesetz. Wenn ich ein Militärangehöriger wäre, müsste ich wohl ins Gefängnis.

ORF.at: In der Diskussion nach Ihrem Vortrag im metalab wurde Ihre Arbeitsweise mit der eines Hackers verglichen. Sie legen mit Ihren Recherchen Bugs im System offen. Diese werden wahrscheinlich nach Möglichkeit von den verantwortlichen Stellen geschlossen. Wird es für Sie schwieriger, an Informationen zu kommen?

Paglen: Es gibt sicherlich gewisse Methoden, die ich jetzt nicht mehr anwenden kann. Aber ich glaube, dass sich gleichzeitig andere Türen öffnen. Diese Systeme sind nicht perfekt. Es gibt immer einen Punkt, von dem aus man neue Entdeckungen machen kann.

ORF.at: Können Sie ausschließen, dass die Informationen, über die Sie verfügen, nicht falsche Fährten sind, die von den Geheimdiensten gelegt wurden?

Paglen: [lacht] Ich glaube das nicht. Es gibt sicherlich Dinge, die so einen Verdacht nahelegen. Aber je mehr ich mich in die Materie vertieft habe, desto mehr habe ich ein Verständnis dafür entwickelt, wie sich vertrauenswürdige Informationen von nicht vertrauenswürdigen Informationen unterscheiden lassen. Ich habe auch gelernt, keine voreiligen Schlussfolgerungen aus Informationen zu ziehen. Das ist eine Art intellektueller Selbstdisziplin.

Mehr zum Thema:

(futurezone/Patrick Dax)