Bloggen hinter der "Großen Firewall"

08.09.2008

Der chinesische Blogging-Pionier Isaac Mao sieht in Weblogs und Social-Media-Anwendungen ein wichtiges Mittel zur Veränderung der chinesischen Gesellschaft. ORF.at hat mit Mao über Blogs, Webzensur und Googles Verhalten in China gesprochen.

ORF.at: Sie haben 2002 zu bloggen begonnen und waren damals einer der ersten Blogger in China. Wie hat sich die Nutzung von Weblogs in China seither entwickelt?

Mao: Ich habe damals mit dem Bloggen begonnen, weil ich Weblogs zum Lernen nutzen wollte. Blogs sind ein wunderbares Werkzeug, um Wissen mit anderen Leuten zu teilen und zu reflektieren.

Kurz nachdem meine ersten Postings veröffentlicht waren, haben sich Kontakte zu anderen Bloggern ergeben. Es waren damals nicht sehr viele. Es hat sich schnell eine kleine Community gebildet, aus der auch CNBlog.org, eine Informationsseite zu Weblogs, hervorgegangen ist.

Seit damals ist die Anzahl der Blogger in China auf rund 60 Millionen gewachsen. In sechs Jahren ist eine riesige Online-Community entstanden, in der viele verschiedene Stimmen aus der chinesischen Gesellschaft hörbar werden. Es gibt viele verschiedene Meinungen zu gesellschaftlichen Themen und nicht nur den einen Standpunkt, der in den regierungstreuen, traditionellen Medien verbreitet wird.

Isaac Mao

Mao ist Mitbegründer der chinesischen Blogging-Informationsdienstes CNBlog.org und Koorganisator der chinesischen Blogging-Konferenz. Er ist auch Vizepräsident der United Capital Investment Group, die in Social-Media-Angebote investiert. Am Samstag war Mao beim Festivalsymposium der Ars Electronica zu Gast, das heuer unter dem Titel "A New Cultural Economy" Auswirkungen neuer Produktionsweisen von Information und kulturellen Gütern auf Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft untersuchte.

ORF.at: Haben Weblogs dazu beigetragen, die chinesische Gesellschaft zu verändern?

Mao: Blogs haben China verändert. Den Leuten wird von der Vorschule an eingetrichtert, patriotisch zu sein und die Partei zu lieben. Mit Hilfe von Weblogs wurden viele Leute dazu ermuntert, sich ihre eigenen Gedanken zu machen.

Es gibt heute eine Vielzahl von Meinungen zu gesellschaftlichen Themen und nicht nur den einen Standpunkt, der in den regierungstreuen, traditionellen Medien verbreitet wird. Für viele Blogger war es am Anfang nicht leicht, die Meinungen anderer Leute zu akzeptieren, das gilt auch für mich.

Weblogs haben sicherlich dazu beigetragen, dass die Leute in China beginnen, frei zu denken. Es entstehen neue Initiativen, die politische Landschaft verändert sich. Ich bin für die Zukunft des Landes sehr optimistisch.

ORF.at: Wie gehen chinesische Blogger mit staatlichen Zensurmaßnahmen um?

Mao: Viele chinesische Blog-Hosting-Anbieter haben Filter installiert. Postings, in denen bestimmte Wörter vorkommen, werden automatisch gelöscht. Daneben werden bestimmte Inhalte auch von den Administratoren der Dienste entfernt, um staatlichen Repressalien zuvorzukommen. Wenn staatliche Stellen Inhalte finden, die sie nicht mögen, kann es passieren, dass der ganze Dienst geschlossen wird.

Die staatlichen Stellen bezahlen aber auch Leute dafür, dass sie Kommentare in Blogs posten, um zu provozieren und die Foren zu diskreditieren. Das ist auch eine Art von Zensur. Wenn in den Kommentaren zu viel Unsinn oder schmutzige Wörter zu lesen sind, verlieren die Leute das Interesse an einem Blog.

Aber es gibt sehr viele Leute, die mutig und kreativ genug sind, die Zensur zu umgehen. Das Projekt Digital Nomads berät Blogger etwa dabei, wie sie Blogging-Software auf ihrem eigenen Webspace installieren und Weblogs unter ihrer eigenen Adresse veröffentlichen können. Leute, die Blogging-Software auf ihrem eigenen Webspace laufen haben, können Inhalte ohne Einschränkungen publizieren. Die Regierung kann natürlich ihre Seiten schließen und ihre Adressen sperren. Die Digital Nomads helfen den Bloggern jedoch auch dabei, ihre Inhalte auf eine andere Seite zu transferieren. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel.

Natürlich können auch die Blockaden chinesischer und ausländischer Websites umgangen werden. Wir verwenden etwa Proxy-Tools. Die Leute finden immer neue Möglichkeiten und Tools, um die Zensur zu umgehen. Weblogs und andere Social-Media-Anwendung spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, dieses Wissen weiterzugeben.

ORF.at: Haben Sie mit Ihrem Blog jemals Schwierigkeiten mit dem Zensursystem bekommen?

Mao: Mein Blog wurde im Jahr 2005 blockiert, nachdem ich ein Bild publiziert hatte, das das Missfallen der Behörden erregt hatte. Der Dienstanbieter hat mir keine Auskünfte dazu gegeben und nur darauf verwiesen, dass die Seite eben gesperrt sei. Ich habe darauhin drei Monate lang das Bloggen eingestellt. Danach habe ich mich dafür entschieden, meinen Blog bei einem Anbieter im Ausland neu zu starten. Das wollte ich eigentlich nie machen, weil ich mich auch als chinesischer Blogger verstehe.

Ich mache seit mehr als zehn Jahren Erfahrungen mit der chinesischen Webzensur. Als das Internet 1993 in China verfügbar wurde, war die Regierung über diese neue Technologie zunächst beunruhigt und hat dann versucht, sie zu kontrollieren. Sie haben eine Technologie entwickelt, die sie "Golden Shield" ["Goldener Schild"] nannten. Die Internet-Nutzer gaben diesem Überwachungs- und Zensursystem in Anlehnung an die Chinesische Mauer sehr bald den Namen "Great Firewall" ["Große Firewall"] oder einfach "GFW". Heute gibt es eine Reihe von Synonymen dafür, die als Kürzel fungieren, wenn Probleme mit der Zensur angesprochen werden sollen.

Die Regierung hat dabei Filter- und Überwachungssysteme in Stellung gebracht, die heute überall im Backbone des chinesischen Internets installiert sind. Damit werden etwa unerwünschte Seiten blockiert und Inhalte ausgefiltert.

Es sind aber nicht nur die technischen Zensurmaßnahmen, die problematisch sind. Die Anbieter von Online-Diensten, aber auch die Internet-Nutzer zensieren sich vorauseilend selbst. Die Zensur hat sich auch in die Köpfe der Leute verlagert, die Selbstzensur üben, um staatlichen Repressionen zu entgehen. Viele Leute sind so Teil des Zensursystems geworden.

ORF.at: Gibt es Regulatorien, welche Inhalte unerwünscht sind?

Mao: Es gibt bestimmte Regulatorien, die besagen, dass Inhalte, die schädlich für die Gesellschaft oder jugendgefährdend sind, zensuriert werden. Das sind sehr allgemeine Vorgaben, die für Interpretationen offen sind.

Bei der Blockade und der Schließung von Seiten werden jedoch oft fadenscheinige Gründe genannt. Vor kurzem wurde etwa die sehr populäre chinesische Video-Sharing-Site 56.com vorübergehend geschlossen. Das wurde damit begründet, dass 56.com keine Lizenzen für die angebotenen Inhalte hatte. Die haben aber auch zahlreiche ähnliche Seiten nicht. Es gibt für die Betroffenen jedoch keine Möglichkeit, sich zu beschweren.

ORF.at: Wie sehen die Repressalien der Behörden gegen Nutzer aus, die unerwünschte Inhalte veröffentlichen. Kommt es zu Verhaftungen?

Mao: Verhaftungen passieren nicht all zu oft. Die Regierung weiß, dass Online-Proteste die Folgen wären, und sie will eigentlich kein Aufsehen erregen. Die Leute werden indirekt bestraft. Internet-Zugänge werden gesperrt, sie werden verhört oder es werden Gründe gesucht, diese Leute wegen anderer Sachen zu belangen, etwa wegen Steuerhinterziehung.

ORF.at: Sie haben 2007 in einem offenen Brief heftige Kritik an Googles Verhalten in China geübt.

Mao: Google hat viele Nutzer in China verloren, weil sie ihrem eigenen Prinzip "Don't be evil" dort nicht gefolgt sind. Dem chinesischen Google-Management ist es wichtiger, seine Geschäftsziele zu erreichen, als die Erwartungen der chinesischen Internet-Nutzer zu erfüllen. Sie verhalten sich gegenüber der Regierung vorauseilend gehorsam, weil sie es sich mit den politischen Machthabern nicht verscherzen wollen.

Die Regierung hat niemals eine klare Regelung bezüglich der Zensur bekanntgegeben. Es sind vage Formulierungen. Ich habe das bereits erörtert. Jedes Unternehmen stellt nun Vermutungen an, was zensiert werden soll. Bei Google findet das in hohem Ausmaß statt. Sie setzen Suchbegriffe auf eine schwarze Liste, von denen sie vermuten, dass sie die Regierung stören könnten und in der Folge ihr Geschäft schädigen könnten. Das ist ein Problem, das auch andere westliche Internet-Unternehmen in China, etwa Yahoo und Microsoft, betrifft. Ihre Zensurmaßnahmen basieren ausschließlich auf Vermutungen.

Man kann versuchen, die Regierung zufriedenzustellen, aber sie wird nie zufrieden sein und immer mehr verlangen. Bevor Google in China an den Start ging, hatten sie bereits viele chinesische Nutzer, die auf Google.com suchten. Im Jahr 2002 wurde etwa Google.com in China blockiert. Viele User schrieben darüber im Internet und protestetierten gegen die Maßnahme. Die chinesische Regierung hat damals zum ersten Mal mit Online-Protest Bekanntschaft geschlossen und die Sperre bald wieder aufgehoben. Das chinesische Google-Management will davon heute nichts mehr wissen.

ORF.at: Wie sollen sich westliche Internet-Unternehmen im Umgang mit den Behörden und der Webzensur in China verhalten?

Mao: Google sollte etwa chinesischen Nutzern technologische Lösungen zur Verfügung stellen, die es ihnen erleichtern, Zugang zu Informationen zu bekommen, anstatt Selbstzensur zu betreiben.

Sie könnten die Vorgaben der chinesischen Regierung auch öffentlich infrage stellen. Die Regierung lässt sich nicht so leicht beleidigen und sie versucht schlechte Presse zu vermeiden. Es gibt einige Dinge, die Google tun könnte. Man kann auch in China die Regeln brechen und mit der Unterstützung der Leute rechnen. Es kann dabei zu Konflikten mit der Regierung kommen, aber wenn man seine Prinzipien aufgibt, wird man auch seine Nutzer verlieren.

Mehr zur Ars Electronica:

(futurezone | Patrick Dax)