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SIP-Protokoll mit guten Christen

01.09.2008

In einem vormaligen Kloster zu Krems war ORF.at am Montag Zeuge einer wundersamen Bekehrung. Vor der programmschreibenden Open-Source-Zunft bekannten sich Topmanager von Nokia, Ericsson und der mobilkom zu Voice-over-IP. Zelebriert wurde nach dem SIP-Protokoll.

Drei Tage waren die schreibkundigen Brüder in den ehrwürdigen Mauern des Klosters schier rastlos zu Werk gegangen, sie zogen gar zum rascheren Schreiben eine Schwester bei.

Zur Schlafstatt begab man sich jeweils nicht vor der dritten Stunde, denn bis zum morgendlichen Konklave des Montags mussten die Werke wenn nicht vollendet, so doch fertig sein.

Ein Konklave, kein Rauch

So ward es denn auch, und siehe, eines jeden Werk war auf seine Weise gut geraten. Das Konklave hatte es nicht leicht, zumal es galt, aus gleichauf liegenden Kandidaten den einen zu küren.

Am Ende stieg von den Mauern des Klosters Und zu Krems freilich weder weißer noch schwarzer, sondern gar kein Rauch auf, obwohl die Wahl getroffen war.

Die Gegensätze

Die Schreiber waren nämlich Coder, und auch von einer christlichen Glaubensgemeinschaft mit dem Konklave konnte eigentlich nicht von Anfang an die Rede sein.

Fünf Open-Source-Projekte rund um das SIP-Protokoll, die es bis ins Finale der "A1 Innovation Days" geschafft hatten, wurden nämlich von einer Jury beurteilt, die mehrheitlich dorther kam, wo proprietäre Betriebssysteme, ebensolche Programme und nicht offengelegte Hardware sozusagen die Geschäftsgrundlage bilden: aus dem Mobilfunk.

Bekehrte Kannibalen

Der allgemeine Tenor aus dieser Richtung war in etwa so: Da die Entwicklung hin zu einem Netz, in dem nicht mehr die Regeln des Mobilfunks, sondern die des Internets gelten, ohnehin nicht aufzuhalten sei, treibe man sie eben selbst voran.

Im Branchenjargon wurde das so formuliert: "Wenn meine Telefonminuten schon kannibalisiert werden, mache ich das lieber selber, als dass ich es einem Konkurrenten überlasse."

So das Bekenntnis. Die irdische Folgerung: Deshalb muss ein neuer "Business Case" im wachsenden IP-Bereich der mobilen Netze gefunden werden.

Dem Branchenmantra "Wie steigern wir das ARPU?" [Average Revenue Per User] blieb man bei aller Bekehrung natürlich treu.

"Sua natura"-Sessions

Es drehte sich daher alles um die Anwendung des SIP-Protokolls, das den Aufbau eines VoIP- Gesprächs ermöglicht - deshalb "Session Initiation Protocol" -, aber weitaus mehr Potenzial hat, als nur VoIP-Sessions aufzubauen. SIP kann Sessions aufbauen "sua natura" - überall dorthin, wo auch derselben Liturgie gepflegt wird.

Von Nokia war zu dieser Premiere - Circuit Switched meets Open Source - gleich der Europa-Chef gekommen, Ericsson hatte für die Jury den für "IP über Mobilfunk" zuständigen weltweiten Bereichsleiter gesandt, für Gastgeber mobilkom saß der Marketingchef in der Jury.

Die Jury

Von links nach rechts: Reinhard Zuba [Marketingchef mobilkom], Seppo Oksa [Director Nokia EMEA], Per Jarnehammar [Ericsson, Sales Director IMS]. Nicht im Bild: Jürgen Schmidt [Open Source Alliance et al.] sowie der Autor dieser Zeilen.

Trinitas

Am Ende setzte sich das Projekt mit dem Arbeitstitel "spontaneous live comment" gegen die stärksten Mitbewerber "Thunderbird Plugin" und "Website Widget" durch.

Den Ausschlag dazu gab wohl der Umstand, dass es das siegreiche Schreiberteam binnen drei Tagen vor Ort geschafft hatte, einen Client für Live-Audiostreams vom Handy in einen solchen für Videostreaming umzufunktionieren, und das auch noch erfolgreich demonstrieren konnte.

Die Preisverleihung

Von reinen Spaßanwendungen abgesehen - Stichwort "Web 2.0" - sind für derartige Applikationen auch diverse "Business Cases" im Arbeitsleben vorstellbar. Bei Reparaturarbeiten im Außendienst können damit Spezialisten beigezogen werden, die Besichtigung eines Wohnobjekts kann von einer einzigen Person durchgeführt werden, während die anderen live zugeschaltet sind.

Das Thunderbird-Projekt

Ganz knapp dahinter landete ein Projekt, das aus dem Mail-Client Mozilla Thunderbird eine multimediale Kommunikationsmaschine [Unified Communications] macht.

Mit ein und derselben Datenbank und Benutzeroberfläche kann vom Rechner gewählt werden, sowohl VoIP-Soft-Fones wie etwa der freie Client Kvats als auch IP-taugliche Hardware-Telefone werden angesprochen.

Statusanzeigen

Bereits bei der Präsentation waren die wichtigsten Instant-Messaging-Applikationen wie Jabber, ICQ und andere eingebunden.

Dazu kommen Statusanzeigen wie "offline", "telefoniert gerade", "unterwegs" und "nicht stören", die zum Teil bereits fertig sind. Ziel sei es, so die Entwickler, dass der Benutzer möglichst einfach die für die Situation jeweils adäquate Kommunikationsmöglichkeit wählen kann.

Das Widget

Beim dritten Projekt "Website Widget", das ganz vorne landete, handelt es sich um eine Art Applet, das aus dem Browser VoIP-Anrufe ermöglicht, ohne dass der Anrufende ein Telefon benötigt. Die eigentliche Applikation ist nämlich auf einem Server, der das Telefonat vollständig abwickelt.

Leicht peinlich war dem Team, dass man im ersten Anlauf noch auf proprietäres Flash setzen musste, wofür sofort Absolution erteilt wurde.

Urchristliches Ethos

Obwohl es sich hier um einen Wettbewerb mit heftigem Zeitdruck handelte, bei dem es für die Teams immerhin auch um einen einwöchigen Segeltörn im Mittelmeer ging, herrschte erhebliche Fluktuation dazwischen.

Wenn ein Team Schwierigkeiten hatte, wurde rundgefragt, bis der benötigte Spezialist gefunden war.

Diese dem urchristlichen Ethos durchaus entsprechende Arbeitsweise löste bei einigen Anwesenden aus dem Circuit-Switched-Bereich vernehmliches Erstaunen aus.

(futurezone | Erich Moechel)