Bild: Gerd Leonhard

"Klagen sind Verzweiflungstaten"

11.10.2007

Mit Klagen gegen Tauschbörsennutzer werde sich die Musikindustrie niemals behaupten können, meint der Medienexperte Gerd Leonhard. Im Interview mit ORF.at spricht sich Leonhard für eine Musik-Flatrate für digitale Netzwerke aus und skizziert, wie die Kontrolle der Vertriebswege im Musikgeschäft von der Industrie auf die Fans übergeht.

Heute gehe es im Musikgeschäft mehr denn je darum, die Aufmerksamkeit der Nutzer zu gewinnen, sagt Leonhard. "Wenn ich die habe, dann kann ich ihnen früher oder später etwas verkaufen: Tickets, T-Shirts, Konzertaufnahmen, Live-Webcasts oder DVDs."

Die Kontrolle über den Vertrieb gehe auf die Fans über, so der Autor und Entrepreneur, der sein jüngstes Buch "The End of Control" über seine Website kostenlos zum Download anbietet.

Eine Flatrate für Musik aus dem Netz ist für Leonhard über kurz oder lang "unabdingbar". Es werde keine andere Möglichkeit geben, die drei Milliarden Leute in digitalen Netzwerken zum Bezahlen von Inhalten zu bewegen.

In seinen Büchern "The Future of Music" [2005, gemeinsam mit David Kusek] und dem vor kurzem - vorerst nur digital -veröffentlichten "The End of Control" zeigt der in der Schweiz lebende Medienexperte der Branche Wege auf, die neuen digitalen Rahmenbedingungen für sich zu nutzen.

Leonhard berät Musikkonzerne [unter anderem Sony BMG] und Medienunternehmen [unter anderem BBC und RTL] und tritt bei zahlreichen Konferenzen rund um den Globus als Redner auf. Daneben ist er als Geschäftsführer des Start-ups Sonific tätig.

ORF.at: Der US-Musikindustrieverband RIAA hat sich vor kurzem im ersten Schwurgerichtsprozess um eine Tauschbörsenklage durchgesetzt und angekündigt, auch weiterhin Klagen gegen Urheberrechtsverletzungen in Tauschbörsen einbringen zu wollen. Kann diese Strategie erfolgreich sein?

Leonhard: Ich lache darüber. Es gibt heute so viele Möglichkeiten, Musik umsonst zu bekommen. Tauschbörsennutzer zu klagen ist totaler Blödsinn, damit wird sich die Musikindustrie niemals behaupten können. Das sind Verzweiflungstaten.

So, wie die Kids das heute machen - über Bluetooth, Instant Messaging, USB, Streamripping -, braucht man Tauschbörsen gar nicht mehr. Die Tauschbörsensache ist ein Feigenblatt und nur die Spitze des Eisbergs.

Klar ist aber, dass es schwierig wird, wenn keine Möglichkeiten gefunden werden, die Leute aus dem Internet zum Bezahlen zu bewegen.

Vergangene Woche wurde Jammie Thomas, eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder aus dem Mittleren Westen der USA, vor einem US-Schwurgericht zu 222.000 Dollar Geldbuße verurteilt, weil sie angeblich 24 Musik-Files über eine Tauschbörsen-Software zum Download angeboten hatte. Thomas meldete gegen das Urteil Berufung an.

ORF.at: In Ihrem Buch "The Future of Music", das Sie gemeinsam mit David Kusek geschrieben haben, skizzieren Sie ein Modell für eine Pauschalabgabe für Musik aus dem Internet. Wo liegen die Vorteile eines solchen Modells? Wie beurteilen Sie die Chancen, dass ein solches Modell verwirklicht wird?

Leonhard: Wir nennen das die Netzwerklizenz, eine Flatrate für Musik, und die ist über kurz oder lang unabdingbar. Wenn wir nicht das Netzwerk lizenzieren, ähnlich wie beim Radio, bekommen wir gar nichts mehr.

Es wird also gar keine andere Möglichkeit geben, die drei Milliarden Leute in digitalen Netzwerken zum Bezahlen zu bewegen. Die Zugänge werden breiter und schneller, die Inhalte tauschbarer. Technisch gesehen kann das Tauschen von Musik nicht verhindert werden.

Wir müssen den Nutzern früher oder später die gleiche Lizenz geben, wie wir sie auch den Radionutzern geben. Es soll nicht umsonst sein, aber es soll nahe dran sein. Die Konditionen sollten so sein, dass man nicht bemerkt, dass etwas bezahlt wird. Ein Euro die Woche etwa. Auch der könnte über Werbung oder Sponsorship vom Netzwerkbetreiber aufgebracht werden. Wenn man diese Zahlen zusammenzählt, wäre das Musikgeschäft auf einen Schlag doppelt so groß wie heute.

Es ist eine wichtige Entscheidung, zu sagen, ob wir weiterhin drei Milliarden Leute bekämpfen und verklagen wollen, oder ob wir ein System einführen wollen, das alle benutzen und für das auch bezahlt wird.

In vielen Ländern gibt es bereits ähnliche Verfahren. Universal Music versucht das in Frankreich, Sony BMG in China und Warner Music in Südkorea. Daneben bieten Napster und andere Unternehmen Aboservices an, allerdings mit kopiergeschützten Files.

Die Interessenverbände der Musikkonzerne stehen einer Pauschalabgabe für Musik aus dem Netz ablehnend gegenüber. "Das wäre eine kollektive Enteignung aller Musikschaffenden gegen ein Almosen. Das lehnen wir ab", sagte Franz Medwenitsch, Geschäftsführer des Verbands der Österreichischen Musikwirtschaft [IFPI Austria], Ende August zu ORF.at.

ORF.at: Die Musikabos bleiben aber weit hinter den Erwartungen zurück und konnten sich bisher nicht wirklich durchsetzen. Warum eigentlich nicht?

Leonhard: Das hat mit dem Preis zu tun. Ein Euro oder fünf Euro statt 20 Euro pro Monat wäre ein "No-Brainer", ein Traum, der wahr wird. Es hat aber auch damit zu tun, dass über diese Dienste nur kopiergeschützte Formate angeboten werden.

Die Idee, dass man Musik schützen kann, ist fehlgeleitet. Heute denken die Plattenfirmen noch, sie könnten geschützte Formate zu höheren Preisen anbieten.

ORF.at: In ihrem jüngsten Buch "The End of Control" schreiben Sie, dass die Kontrolle der Vertriebswege auf die Fans übergeht. Wie können digitale Inhalte künftig zu Geld gemacht werden?

Leonhard: Ich glaube, es wird sein, wie es immer war. Wenn man die Aufmerksamkeit der Nutzer bekommt, kann man ein Kassenhäuschen aufstellen. Es geht nicht mehr um die Kontrolle über den Vertrieb. Es geht um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Wenn ich die habe, dann kann ich ihnen früher oder später etwas verkaufen: Tickets, T-Shirts, Konzertaufnahmen, Live-Webcasts oder DVDs.

Radiohead machen das ja bereits. Sie sagen, wenn ihr wollt, könnt ihr unsere Musik umsonst haben, aber wir haben auch ein luxuriöses Package. Auch im Gaming-Bereich sind solche Modelle weit verbreitet. Die ersten fünf Ebenen sind kostenlos, dann werden die Nutzer zur Kasse gebeten.

Bisher war es möglich, den Nutzer unter Kontrolle zu halten. Er konnte entweder alles oder nichts haben. Vor 20 Jahren musste man ganze Alben kaufen, heute kann ich mir individuelle Tracks herunterladen. Die Labels haben heute die große Chance, die Aufmerksamkeit von drei Milliarden Menschen zu bekommen. Wenn sie die haben, können sie ihnen auch etwas verkaufen. Über Online-Netzwerke werden darüber hinaus die Marketingkosten verringert.

Die britische Band Radiohead stellte ihr neues Album "In Rainbows" vorerst nur als Download zur Verfügung und lässt die Nutzer selber entscheiden, wie viel sie dafür bezahlen wollen. Auch die Alt-Raver The Charlatans und die Industrial-Rocker Nine Inch Nails [NIN] verzichten beim Vertrieb ihrer Musik auf die Mitwirkung der Labels.

Pop-Diva Madonna plant nach einem Zeitungsbericht, ihre langjährige Plattenfirma Warner Music zu verlassen. Sie will mit dem Konzertveranstalter Live Nation die Planung ihrer Tourneen und die Produktion ihrer Studioalben unter ein Dach bringen.

ORF.at: Stichwort Radiohead: Die bieten ihre Musik direkt über ihre Website zum Download an, auch die Charlatans und Prince verzichten beim Vertrieb ihrer Musik auf eine Plattenfirma. Werden die Musikkonzerne bald überflüssig sein?

Leonhard: Das glaube ich nicht. Sie müssen sich darauf besinnen, was sie eigentlich machen. Es geht nicht um die Kontrolle der Vertriebswege, sondern darum, Talente zu finden und sie zu begleiten. Das können keine Telekommunikationsunternehmen machen, das braucht Erfahrung und Weitsicht, und in einem nächsten Schritt müssen die Talente vermarktet werden. Wenn sie sagen, es geht um die Vermarktung und nicht um den Vertrieb, dann können sie dabei sein.

Es geht nicht nur um Musik, sondern um Video, andere Inhalte und Publishing. Jede Tonträgerfirma ist heute auch eine Fernsehfirma. Sie müssen Videos machen, neue Kanäle schaffen. Es geht nicht mehr nur darum, Musik zu verkaufen.

Es war früher so einfach, nur diese Kopien aus Plastik zu verkaufen, da kommt man allerdings nie wieder hin. In Zukunft wird es ebenfalls große Firmen im Musikgeschäft geben. Das könnten aber Google, Skype, Joost oder Amazon sein.

ORF.at: Amazon verkauft ja seit kurzem Musik ohne Kopierschutz.

Leonhard: Ich glaube, Amazon wird innerhalb von sechs Monaten der größte Verkäufer von Musik weltweit sein.

ORF.at: Sie verschenken ihr jüngstes Buch "The End of Control" im Internet. Warum?

Leonhard: Ich würde nicht sagen, dass ich es verschenke. Ich bekomme dafür Aufmerksamkeit zurück. Mein letztes Buch war mehr oder weniger ein Bestseller. Ob ich aber in drei Jahren 10.000 Euro damit verdiene, ist nicht relevant im Vergleich zu dem, was ich mit Beratungen und anderen Dienstleistungen verdiene.

Es ist ähnlich wie im Musikgeschäft: Es ist nicht wichtig, ob Bands Downloads verkaufen. Es geht nur darum, dass man ein größeres Publikum bekommt. Das muss später in Geld umgewandelt werden, nicht vorher.

(futurezone | Patrick Dax)