Austausch der Netz-Akteure

14.04.2007

Am Freitag ist in Berlin die Konferenz re:publica rund um das "Leben im Netz" zu Ende gegangen. Im Gespräch mit ORF.at zieht Mitveranstalter Markus Beckedahl, seines Zeichens Betreiber des Weblogs netzpolitik.org, zufrieden Bilanz.

Drei Tage lang tauschten sich mehr als 700 Netz-Akteure in der Kalkscheune über Themen zum "Leben im Netz" - von Weblogs über Open Source bis hin zur Vorratsdatenspeicherung und Urheberrecht aus. Der Weblog-Index Technorati weist rund 1.800 Blog-Einträge zur Berliner Konferenz aus. Auf der re:publica wurde jedoch nicht nur gebloggt, sondern vor allem vor Ort kommuniziert.

Bei der re:publica sollten die Akteure des Netzes selbst zu Wort kommen, sagte Konferenz-Mitveranstalter Markus Beckedahl. Auf große Namen im Konferenzzirkus habe man deshalb ganz bewusst verzichtet. Mit der re:publica sei er rundum zufrieden, sagte Beckedahl. Nächstes Jahr soll der Erfahrungsaustausch der Netzbewohner wieder stattfinden.

Markus Beckedahl betreibt das Weblog netzpolitik.org und die Agentur newthinking communications, die Organisationen und Unternehmen zu Fragestellungen der digitalen Welt berät und Social-Software-Lösungen mit dem Schwerpunkt auf politische Kommunikation konzipiert.

ORF.at: Wie sieht Ihre Bilanz nach drei Tagen re:publica aus?

Beckedahl: Es ist eine sehr entspannte und schöne Konferenz geworden. Wir haben weitaus mehr Teilnehmer gehabt, als wir erwartet haben. Wir haben beim Tagesprogramm auf Grund der kurzen Vorbereitungszeit von vier Monaten viel improvisiert.

Wir wollten viele Facetten einer Informations- und Wissensgesellschaft abbilden, wir haben nur wenige geschafft und trotzdem 75 verschiedene Einzelveranstaltungen gehabt und den Leuten die Möglichkeit geboten, hier drei entspannte Tage zu verbringen und sich offline zu vernetzen. Rein wirtschaftlich betrachtet, ist es sicherlich kein Geschäft geworden. Aber wir hatten alle sehr viel Spaß daran.

ORF.at: Welche Themen hätten sie gerne noch behandelt?

Beckedahl: Ich habe eine lange Liste an Themen, die ich gerne auch dabei gehabt hätte, etwa aus dem Bereich Netzpolitik. Was wir leider auch nicht mehr geschafft haben ist das Thema Jugendliche -wie nutzen Jugendliche das Netz? Ich bin selbst mittlerweile 30 und bin mit dem Netz groß geworden. Aber ich sehe auch, dass die jüngere Generation das Netz noch viel mehr nutzt als ich. Wir haben uns fürs nächste Mal fest vorgenommen, einen Dialog der Generationen zu schaffen.

ORF.at: Das heißt, es wird wieder eine re:publica geben?

Beckedahl: Wir werden auf jeden Fall eine re:publica 2008 machen. Diesmal haben wir aber eine längere Vorbereitungszeit.

ORF.at: Der Informatik-Wissenschaftler Rainer Kuhlen hat bei einer Diskussion zu Regeln für Blogs gemeint, dass Weblogs das Potenzial haben, Regeln der "normalen" Welt für die digitale Welt neu zu definieren - darunter das Urheberrecht. Sie setzen sich auf Ihrem Blog netzpolitik.org auch sehr stark mit dem Urheberrecht auseinander.

Beckedahl: Ich teile seine Meinung. Das Urheberrecht wurde quasi aus der analogen Welt in die digitale Welt eins zu eins übertragen. Es ist dem digitalen Leben allerdings nicht angemessen. Insofern sind alle aufgerufen, sich die Rechte zu nehmen, Druck auf Politiker auszuüben, endlich entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Wenn die Politik das Urheberrecht so verschärft, dass breite Gesellschaftsschichten kriminalisiert werden, dann brauchen wir Massenprotest, indem wir zivilen Ungehorsam praktizieren und dadurch gesellschaftliche Realitäten schaffen.

Ein Regelwerk für Blogger, wie es vor kurzem erst wieder vom US-Web-2.0-Guru Tim O'Reilly ins Spiel gebracht wurde, stieß bei den Teilnehmern der re:publica auf wenig Gegenliebe.

ORF.at: Die gesetzlichen Bestimmungen, etwa die Vorratsdatenspeicherung, die derzeit in Deutschland, aber auch in Österreich, diskutiert wird, lassen eher eine Begrenzung der Freiheit im Netz vermuten.

Beckedahl: Die Vorratsdatenspeicherung, die auf der re:publica in verschiedenen Veranstaltungen thematisiert wurde, ist eine große Gefahr für das Leben im Netz. Wenn gespeichert wird, mit wem wir kommunizieren, wer uns E-Mails schreibt, auf welchen Webseiten wir surfen.

Die Vorratsdatenspeicherung wird demnächst in einem Kabinettsbeschluss von der deutschen Bundesregierung beschlossen werden, der deutsche Bundestag wird den Beschluss abnicken, wir werden also die Speicherung der Verbindungstaten für sechs Monate bekommen. Ich bin davon überzeugt, dass in einiger Zeit auch davon geredet wird, die Datenspeicherung auszuweiten.

Es droht die Totalüberwachung unseres digitalen Lebens und dann kann sich Leben im Netz nicht mehr so frei entfalten, wie es unsere Grundrechte eigentlich zulassen sollten.

Am Samstag findet in Frankfurt am Main ein groß angelegter Protestmarsch gegen die "die ausufernde Überwachung durch Staat und Wirtschaft" statt.

ORF.at: Auf der re:publica wurde auch das Geldverdienen mit Weblogs zur Sprache gebracht. Sie machen das Weblog netzpolitik.org und betreiben auch die Agentur new thinking communications.

Beckedahl: Netzpolitik.org ist einerseits ein schöner Weg, zivilgesellschaftlich zu Fragestellungen der Informationsgesellschaft Stellung zu nehmen. Es ist auch ein nachhaltiges Geschäftsmodell.

Wir zeigen, dass wir von den von uns behandelten Themen Ahnung haben und können das auch in Form von Gutachten, Expertisen und Plattformen, die wir für Nichtregierungsorgansiationen und Institutionen bauen, weiterverkaufen. Insofern ist das Weblog für uns auch ein Werbemedium, das unheimlich viel Spaß macht und in dem wir unsere Stimme erheben für die Freiheiten im Netz, die wir schützen möchten.

Unter dem Motto "Cash from Chaos" wurde am Donnerstag bei der re:publica das Thema Geldverdienen mit Weblogs diskutiert. Kontroversen blieben dabei weitgehend aus.

ORF.at: Wie werden sich die auf der re:publica verhandelten Formen der Netzkultur - Weblogs, Open Source, Social Media - in den nächsten Jahren entwickeln?

Beckedahl: Höher, schneller, weiter. Bloggen ist eine Kulturtechnik, die bisher von einer kleinen Prozentzahl der Bevölkerung angewendet wird. Das ist ähnlich wie bei E-Mails vor zehn Jahren. Da sagten viele ich brauch kein E-Mail-Adresse, ich hab ein Fax. Mittlerweile haben die meisten dieser Leute eine E-Mail-Adresse. Und so wird sich das auch mit dem Bloggen weiterentwickeln.

Mittlerweile kann jeder einen Radiosender oder eine eigene Fernsehstation mit einem Billigrechner aus dem Supermarkt und freien Tools, die es draußen gibt, machen. Die Digitaltechnik durchdringt immer mehr unser Leben und wird immer mehr Menschen erreichen, die dann auch anfangen, online zu publizieren und zurückzusprechen.

Die Leute werden dann nicht mehr nur als Konsumenten mit der Fernbedienung umschalten, sondern selbst ihr Programm gestalten. Und sei es nur für ihre Freunde und ihre Familie oder ihre Nachbarn.

(futurezone | Patrick Dax)