© APA/dpa/Julian Stratenschulte, Mann sitzt vor Monitor mit geöffneter Facebook-Seite

"Facebook wird auseinanderfallen"

GESPRÄCH
28.09.2010

Der Netztheoretiker Geert Lovink setzt sich seit den 1980er Jahren kritisch mit neuen Medien und dem Netz auseinander. ORF.at hat mit Lovink über Offenheit im Internet und der Gesellschaft, Onlinebezahlsysteme, die radikale Transparenz der Whistleblower-Plattform WikiLeaks und die Zukunft Sozialer Netzwerke gesprochen.

Anfang September sprach Lovink, der das Institute of Network Culture in Amsterdam leitet, beim Symposion "Open Source Life" bei der diesjährigen Ars Electronica in Linz. ORF.at hat ihn am Rande der Veranstaltung getroffen. Am Mittwoch ist der Medienwissenschaftler auf Einladung der Telekom Austria und des Magazins "The Gap" bei der Diskussionsveranstaltung "twenty.twenty" im KulturCafe des ORF RadioKulturhauses zu Gast.

ORF.at: Welche Rolle können die Prinzipien, die der Produktion von Open-Source-Software zugrunde liegen, in anderen Lebensbereichen spielen? Ist es überhaupt sinnvoll, sie in andere Bereiche zu übertragen?

Geert Lovink: Ja, wenn das aus den Forderungen der Zivilgesellschaft entsteht und dabei keine Jobs betroffen sind, unterstütze ich das durchaus. Meine Kritik bezieht sich nur auf die Umlenkung von Einnahmen in Richtung von Großfirmen und Investoren wie zum Beispiel Google und Venture Capitalists, die sich an den einzelnen Arbeiten von Künstlern reichrechnen. Es ist gut, dass wir die Materialien, die online verfügbar sind, teilen, weiterschicken und downloaden. Es ist aber ein Problem, wenn dabei die Künstler -wie früher in dem alten System mit Copyrights - nichts bekommen.

ORF.at: Seit einigen Monaten machen neue Onlinebezahlsysteme -wie Flattr und Kachingle - auf sich aufmerksam und stoßen auf durchaus beachtliches Interesse. Micro-Payment-Modelle gibt es seit geraumer Zeit. Warum ist Ihrer Meinung nach die Resonanz jetzt so groß?

Lovink: Die Logik der sozialen Vernetzungen und die sozialen Websites haben es für Leute einfacher gemacht, ihr Geld zu verteilen. Die Technologie, die so etwas ermöglicht, wird einfacher. Das heißt, dass ich nicht jedes Mal, wenn ich etwas bezahlen will, zu PayPal oder zur Bank gehen muss. Ich muss die eigentliche Website, auf der ich etwas bezahlen will, nicht verlassen. Das ist sehr klug an diesen neuen Systemen. Dieses Prinzip müssen wir weiterdenken.

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ORF.at: In welchen Bereichen der Gesellschaft sehen Sie die Notwendigkeit von mehr Offenheit und der freien Verfügbarkeit von Ressourcen?

Lovink: Reformen müssen aber auch anderswo stattfinden. Ich denke, dass Micro-Payment-Systeme nur funktionieren, wenn auch andere Umverteilungssysteme in Gang gesetzt werden. Auch das öffentlich-rechtliche Rundfunkmodell, das noch völlig an das Copyright gekoppelt ist, muss aufgebrochen werden. Neben Radio und Fernsehen müssen da auch die neuen Medien einen Platz haben.

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ORF.at: In den USA und Großbritannien haben zuletzt Regierungen zahlreiche Datensätze frei zugänglich gemacht. Wie beurteilen Sie diese Initiativen in Sachen Open Government Data?

Lovink: Die Regierungen und die Ministerien sind dabei recht langsam. Das hätte bereits vor zehn oder 15 Jahren passieren sollen. In vielen Ländern ist die Gesetzgebung schon so, dass die Bürger eigentlich ein Recht darauf haben. Die Verzögerung liegt an den Beamten und Politikern. Sie sträuben sich davor, das zu machen. Das gleiche gilt übrigens auch für die Universitäten und den Wissenschaftsbereich. Wenn man Open Data sagt, sollte man auch die Universitäten miteinbeziehen.

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ORF.at: In Ihrem Blog haben Sie vor kurzem zehn Thesen zu WikiLeaks publiziert. Diese Whistleblower-Site sehen Sie als Repräsentant einer "Pilotphase in Richtung einer Kultur der anarchischen Offenlegung, die weit über traditionelle Praktiken der Offenheit und Transparenz hinausgeht".

Lovink: WikiLeaks erzählt uns etwas darüber, was auf uns zukommt. Die Daten liegen einfach auf der Straße. Weil WikiLeaks so komprimiert und so beweglich ist, können Unmengen von Daten und Dokumenten sehr einfach verbreitet werden. Ich bewundere die Radikalität, mit der das gemacht wird. Sie weist für Patrice Riemens und mich - wir haben das gemeinsam geschrieben - den Weg, wo es hingeht. Die Daten werden aber nur verfügbar gemacht. Niemand bei WikiLeaks hat sich Gedanken darüber gemacht, wie diese Daten eigentlich verarbeitet werden müssten. Bei WikiLeaks geht man davon aus, dass der Skandal der Inhalte allein genügt, um alle möglichen Medien dafür zu interessieren. Leider ist das nicht der Fall. Investigativer Journalismus ist leider fast ausgestorben. Viele der Journalisten, die Zeit und Erfahrung haben, um Tage oder Monate an einem Fall zu arbeiten, haben ihren Job verloren. Da liegt das eigentliche Problem. Es liegt nicht bei WikiLeaks, sondern in der Unfähigkeit des Systems, diese Daten zu bewerten.

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ORF.at: Zuletzt hat eine Reihe von offenen Alternativen zu Sozialen Netzwerken wie Facebook auf sich aufmerksam gemacht. Wie beurteilen Sie die Chancen, dass Projekte wie Diaspora, GNU Social oder Onesocialnetwork die Masse der Nutzer erreichen?

Lovink: Die haben durchaus große Chancen. Facebook hat mit einer Milliarde Nutzer nur noch eine Zukunft: Es wird auseinanderfallen. Die Leute werden ihren Facebook-Account vergessen und sich Dingen zuwenden, die näher an ihnen sind. Da liegt die Chance von Diaspora und anderen Softwareinitiativen. Allerdings denke ich, dass sie sich nicht nur auf die Software beschränken sollten. Es wird nicht passieren, dass die Leute sich die Software installieren und weiter bearbeiten. Die Nutzer selbst werden das nicht machen. Es bleibt dann auf eine kleine Gemeinde von Hackern beschränkt, die dazu auch technisch in der Lage sind. Die Initiativen müssten sich an WordPress ein Beispiel nehmen, das sowohl ein gehostetes System als auch die Software anbietet. Sie müssten den Dienst selbst anbieten und ihn gemeinsam mit der Community weiterentwickeln. Das Gute an Diaspora ist, dass diese Datenportabilitiät - die Übertragung von Profilen in andere Netzwerke - bereits mitgedacht wurde. Das ist besonders klug. Manche Softwareinitiativen in dem Bereich haben sich darüber noch keine Gedanken gemacht.

ORF.at: Welche Rolle spielen Soziale Medien in einer sich verändernden Medienlandschaft?

Lovink: In Sozialen Netzwerken verbringen die Leute am liebsten ihre Zeit. Das ist in der Aufmerksamkeitsökonomie sehr wichtig und darin liegt auch die Kraft dieser Netzwerke. Sie sind kein Instrument, sondern bereits das Ziel. Darauf ist sogar Google eifersüchtig. Google selbst bietet Dienste an, die man nutzt, aber dann geht man weiter. Auf Facebook bleiben die Leute länger. Ich denke, dass die meisten Leute am liebsten mit ihren Freunden rumhängen und das machen, was in ihrem sozialen Zusammenhang angesagt ist.

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(futurezone/Patrick Dax)