© Bild: Thomas Bredenfeld, bredenfeld.com, "Next Idea"

Naturdisplays und Roboterblumen-Origami

ARS ELECTRONICA
07.09.2010

Die Sparte [next idea] des Ars-Electronica-Festivals präsentiert und unterstützt Arbeiten an der Schnittstelle von Kunst und Technik. Darunter befinden sich kommerzielle Produktentwicklungen ebenso wie freie Kunstwerke. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle "Work in Progress" sind.

Neben der Hauptausstellung mit den Preisträgern des Prix Ars Electronica werden auf dem Linzer Festival eine Reihe von Exponaten gezeigt, die verschiedenen Themenkreisen der Ars Electronica und auch ihrer Symposien zugeordnet sind. Etwa bei der Ausstellung zu [next idea]: Hier werden Arbeiten aus der Schnittmenge von Kunst, Design, Wissenschaft und Technologie präsentiert, die durch eine Förderung jene Unterstützung erfahren sollen, die einer guten Idee oft zur Umsetzung und Erprobung noch fehlt.

Das schwärzeste Schwarz

Den diesjährigen "[the next idea] voestalpine Art and Technology Grant" hat Frederik de Wilde gewonnen. Der betont interdisziplinär aufgestellte Belgier hat mit Forschungseinrichtungen im Bereich der Nanotechnologie versucht, das schwärzeste Schwarz zu entwickeln, das es bisher gegeben hat.

Durchaus mit künstlerischen Herleitungen, wie zum Beispiel dem von De Wilde zitierten "Schwarzen Quadrat" des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch, aber auch mit großem Interesse an technisch-wissenschaftlichen Fragestellungen in diesem Forschungsgebiet, zeigt er ein Material, das um Größenordnungen schwärzer ist als jeder bekannte Farbstoff.

Die Arbeit "Hostage" leitet ihren Namen vom Licht her, das in diesem tiefen Schwarz sozusagen als Geisel gehalten wird und durch die raffinierte Nanostruktur nie mehr entweichen kann. Ein vorerst winziges Stückchen dieses Materials ist in der Ausstellung zu sehen und hinterlässt visuell tatsächlich den verblüffenden Eindruck eines Lochs, eines Nichts ohne jede Schattierung und Reflexion.

Naturdisplay

Der Schweizer Jonas Burki hat 2007 den "[the next idea] voestalpine Art and Technology Grant" erhalten. In der diesjährigen Ausstellung werden auch die Ergebnisse der Förderungstätigkeit dokumentiert. Mit "Sun_D" hat Burki nun ein Display entwickelt, das auf Leuchtmittel verzichten kann, weil es einfach das Tageslicht als Lichtquelle nutzt.

Was bei herkömmlichen Bildschirmen meist einfach nur stört, nämlich das Umgebungslicht, wird hier genutzt, das Problem wird also zur Lösung. Eine spezielle Lichtbündelungstechnik für die einzelnen Bildpunkte erlaubt die effektive Nutzung des Umgebungslichts für die Anzeige. Es gibt sowohl statische Displays mit fixen Farbfiltern pro Pixel als auch solche mit steuerbaren Filtern, deren Inhalte dann wie bei herkömmlichen Anzeigen veränderbar sind. Neben Tageslicht kann Sun_D natürlich auch vorhandenes Kunstlicht nutzen.

Gefaltete Roboterblumen

Obwohl nicht in direktem Zusammenhang mit der [next idea]-Schau stehend, präsentiert der Australier Matthew Gardiner im gleichen Raum im Rahmen der übergeordneten Sparte "Future Factory" unter dem Titel "Future Unfolds" die Ergebnisse seiner Zeit als Artist in Residence am FutureLab des Ars Electronica Centers.

Es ist eine faszinierende Kombination der traditionellen japanischen Papierfalttechnik Origami mit interaktiven Techniken aus der Robotik. Er nennt sein Betätigungsfeld deswegen auch "Oribotics". Die im Ausstellungsbereich in der Linzer Tabakfabrik gezeigte Wand voller Blumen entwickelt im Halbdunkel ein geheimnisvolles Eigenleben.

Die drei farbvariablen LEDs in den kunstvoll gefalteten Blütenkelchen leuchten im Normalzustand kühl blau-grün und wechseln in ruhiger Abfolge leicht ihre Leuchtstärke und den Farbton. Sobald sich Besucher der Wand nähern, entfalten sich die Blumen und nehmen helle, rote und gelbe Farben an. Aber nicht nur diejenigen Blumen, denen der Betrachter am nächsten ist, verändern sich. Es beginnt sich dann regelrecht Unruhe und Aufregung auf der ganzen Wand auszubreiten, abhängig von der unterschiedlichen Empfindlichkeit der künstlichen Blumen.

Jede Blume verfügt über einen kleinen Linux-Rechner, der innerhalb der Gesamtinstallation vernetzt ist. So kommunizieren die einzelnen Elemente, und es verbreiten sich die Verhaltensmuster der Blumen über die ganze Wand.

Interessant ist neben der visuell-sinnlichen Komponente, die diese Installation Gardiners im Ausstellungsbetrieb zeigt, auch ihre Herstellung. Weil die Blumen durch die vielen Faltungsvorgänge mechanisch ziemlich strapaziert werden, suchte Gardiner nach haltbaren Materialien und Konstruktionsverfahren, die er in einem Vortrag zum Making of detailliert besprach.

Als Artist in Residence machte er umfangreich von den vielfältigen technischen Möglichkeiten des FutureLabs Gebrauch, um die handwerkliche Basis seiner Arbeiten zu perfektionieren.

Für das zu faltende Papier der Blüten entwickelte er eine Sandwich-Technologie, die das Papier verstärkt und die Falten physisch belastbarer macht. Für die Gelenke und anderen mechanischen Komponenten aus Kunststoff konnte er den 3D-Printer/Fabricator des FutureLabs nutzen, um die Struktur zuerst an Prototypen zu optimieren und dann in Kleinserien für seine Installation zu fertigen. Gardiner zeigt mit seiner Arbeit und ihrem Entstehen eindrucksvoll, wie sich Kunstschaffende aktuellste Technologien erarbeiten, nutzbar machen und schließlich in den Dienst ihres Handwerk stellen können, ohne dabei die Technik selbst zu thematisieren oder in den Vordergrund zu stellen.

Phosphoreszierende Gesichter

In der Finsternis des Erdgeschoßes im alten Zigarettenmagazin findet sich eine Arbeit der beiden Japaner Daito Manabe und Motoi Ishibashi. Ist sie nicht aktiv, erkennt man außer einem großen Kopf und einem hochformatigen Bildschirm mit der Aufforderung, diesen Knopf zu drücken, kaum etwas im Dunkeln.

Der Besucher wird nach dem Knopfdruck mit einer Infrarotkamera abgelichtet, worauf der unsichtbare Strahl eines UV-Lasers beginnt, mit brutzelnden Funkengeräuschen untermalt, auf eine Bildfläche kleine grüne Bildpunkte zu setzen. Deren Anordnung erscheint zunächst vollkommen zufällig. Allmählich aber beginnt man zu erkennen, dass es das eigene Abbild ist, was dort aus dem chaotischen Pixelmuster entsteht.

Das Faszinierende an dieser Arbeit ist, dass die zeitliche Reihenfolge, in der ein Bildpunkt beschrieben wird, festlegt, welchen Tonwert er bekommt, denn die Bildfläche besteht aus einem phosphoreszierenden Farbstoff, der im Dunklen grün nachleuchtet und allmählich verblasst, daher auch der Titel des Werks, "fade out". Die Bildpunkte mit den dunkelsten Tonwerten im Bild werden zuerst geschrieben und sind am Ende des "Malvorgangs" am stärksten verblasst. Die hellsten Pixel des Bildes kommen ganz zum Schluss. Auch wenn der Laser keinerlei Modulation bietet, also nur "An" oder "Aus" kennt, entsteht ein sehr nuanciertes Bild. Wenn er alle Bildpunkte beschrieben hat, verblasst das Bild langsam als Ganzes und verschwindet im Dunkel.

3D-Raum aus Leuchtdioden

In unmittelbarer Nachbarschaft und gleichfalls im Dunkeln hängt die Arbeit "Ocean of Light" des Künstlerkollektivs Squidsoup in Form von Drähten, an denen LEDs befestigt sind, von der Decke. Sie bilden zusammen einen Kubus aus Lichtpunkten, die beliebige Farben und Helligkeiten annehmen können. In diesem Raumraster bilden sich durch die Lichtpunkte vielfältige Flächen, Rauminseln und Linien. Ein Soundteppich spiegelt den Zustand der Installation wider, die zwar eine eigene, weitgehend zufällige Abfolgestruktur hat, aber auch auf ihre Umgebung reagiert.

Wenn auch wesentlich unauffälliger als zum Beispiel bei den Oribotics-Blumen, führen Geräusche und Bewegung von Besuchern in der Nähe des Gebildes zu lebhafteren Wechseln in Farbigkeit, Helligkeit und Struktur. Durch die sehr räumlich wirkende Anordnung der LED-Ketten erscheint die Installation schon aus einem geringfügig anderen Blickwinkel oft vollkommen anders, vor allem, wenn man sich in  unmittelbarer Nähe der Außenseiten befindet. Durch die umgebende Dunkelheit taucht man regelrecht in diesen Raum aus Lichtpunkten ein.

Work in Progress

Auch jenseits der Preisträger-Ausstellung zeigt die Ars Electronica auf ihrem diesjährigen Festival sehr interessante Arbeiten und Projekte, vor allem mit dem Augenmerk auf die laufende Förderungstätigkeit und die strukturelle und technische Unterstützung. Diese Werke demonstrieren trotz ihres fallweise halbfertigen Zustandes, wohin sich künftig forschende Arbeit im Spannungsfeld von Technologie und Kunst bewegen kann.

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(Thomas Bredenfeld)