© EADS, Tracker-Drohne von EADS

Die Drohnenlobby der Rüstungsindustrie

ANALYSE
15.02.2010

Angeführt vom EADS-Konzern macht sich die europäische Militärindustrie für eine Zulassung unbemannter Flugzeuge auch im zivilen Luftraum stark. Derzeit dürfen Drohnen, die vielerorts in Europa von der Polizei zu Fahndungszwecken erprobt werden, in vielen Ländern nicht legal über bewohnten Gebieten betrieben werden.

Für das Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft ist ein Großaufgebot an Sicherheitskräften im Einsatz. Der Luftraum über dem Event ist für die zivile Luftfahrt weiträumig gesperrt und wird durch Abfangjäger der Armee gesichert. Über dem Stadion und neuralgischen Punkten der Innenstadt patrouillieren Aufklärungsdrohnen der Polizei.

Diese werden über Satellitennavigation gesteuert und senden hochauflösende Videostreams in die Kommandozentrale, wo die Streams automatisch analysiert werden.

Bei "Vorfällen" - zum Beispiel wenn Personen plötzlich zu laufen beginnen oder stürzen - schlägt das System Alarm und überspielt das Video an die geografisch nächsten Streifenwagen. Binnen Minuten ist eine kleine Gruppe Hooligans von Polizeikräften umstellt und kann schon wenig später dem Schnellrichter vorgeführt werden. Wichtigstes Beweismaterial dabei ist die Videodokumentation der "Vorfälle".

Die Umsetzung

Weit hergeholt ist so ein dystopisches Szenario nicht. Die Europäische Verteidigungsagentur gab Anfang Februar eine Studie in Auftrag, in der "nachgewiesen werden soll, dass Satellitenkommunikation die Einführung von UAVs im zivilen Luftraum ermöglicht".

Unmanned Aerial Vehicles (UAV) sind Drohnen, und weil das mit der Studie betraute Konsortium aus zwei Tochterfirmen des europäischen Rüstungskonzerns EADS besteht, ist es schon sehr wahrscheinlich, daѕs "der Nachweis geführt werden kann".

Kernproblem ist dabei die Kommunikation, und die wird in der zivilen Luftfahrt vollständig analog durchgeführt. Das "Routing" des gesamten Luftverkehrs funktioniert ausschließlich per VHF-Sprechfunk. Davon sind die unbemannten Fluggeräte ausgeschlossen.

Drohnen müssen draußen bleiben

Aus diesem Grund sind alle zivilen Lufträume über Europa für die Flugroboter bis jetzt gesperrt. Nach dem Willen von EADs und der Europäischen Verteidigungsagentur soll das nun anders werden. Im von der EU geförderten INDECT-Projekt, für ein Echtzeit-Polizei-Informationssystem, spielen Drohnen ebenfalls eine zentrale Rolle.

Das dafür nötige Gerät aber hat EADS im Programm, nämlich sechs verschiedene Drohnen sowie drei Prototypen, einer davon sogar im Stealth-Design. Für den Einsatz im zivilen Bereich käme die taktische EADS-Drohne mit dem französischen Projektnamen "Drone de Renseignement Au Contact" (DRAC) infrage, oder das zusammen mit den Israel Aeronautic Industries produzierte Modell Harfang.

Harfang und DRAC

Letzteres ist seit 2008 in Frankreichs Armee in Aufklärungsmissionen im Einsatz, verfügt über Satellitenanbindung, optische Sensoren und Radar. Zudem kann Harfang, das pro Einheit aus drei Drohnen und zwei Bodenstationen besteht, Daten "an nationale wie gemeinsame internationale Kommandostrukturen" in Echtzeit weiterleiten, wie es in der Beschreibung heißt.

Das aus zwei Fliegern bestehende Kleindrohnensystem DRAC ist für taktische Aufklärung "an der Frontlinie" gedacht, die Bodenkontrolle passt in zwei Rucksäcke. Als Langsamflieger wäre das Gerät für den urbanen Raum geeignet, aber da darf es einstweilen noch nicht fliegen, weder in Europa noch in den USA.

Drohnen im INDECT-Projekt

Vernetzte unbemannte Flugzeuge spielen eine tragende Rolle im von der EU-Kommission geförderten Projekt INDECT. Das geplante System zur Rundumüberwachung in Städten ist den militärischen Kommandostrukturen für die vernetzte Kriegsführung nachgebildet. Alle Erkenntnisse aus dem Projekt laufen über den Tisch der nordirischen Polizei. Das Ziel: die Bekämpfung künftiger Aufstände im urbanen Raum.

Militärische Synergien

Bei der Unterzeichnung des Vertrags am vergangenen Donnerstag betonte Eric Beranger, CEO von der EADS-Tochter Astrium Services, die für die Satellitenanbindung zuständig ist, die Fähigkeit seines Unternehmens, "zwischen Zivil-, Sicherheits- und Militäranwendungen Synergien zu schaffen".

Im Rahmen der Studie werde man "wichtige europäische Akteure aus dem zivilen und militärischen Bereich treffen, um deren Zustimmung zu sicherheits- und ordnungspolitischen Aspekten und künftigen Anwendungen einzuholen", hieß es.

Übersetzt bedeutet das: EADS wird versuchen, mit Hilfe der Militärs zivile "Stakeholder" wie Fluglinien, Luftfahrtaufsichtsbehörden, Flughafenbetreiber und nicht zuletzt die Politik binnen sechs Monaten zu überzeugen.

Gemeinsame Interessen

Denn nicht nur Polizeibehörden haben großes Interesse daran, Drohnen im zivilen Raum einzusetzen, sondern vor allem die Militärs. Grerade hoch fliegende Aufklärungsdrohnen wie die auf "Signals Intelligence" (SIGINT), also Funkaufklärung, spezialisierte EADS-Koproduktion mit Northrop Grumman namens "Euro Hawk" sind in ihren Bewegungsmöglichkeiten arg eingeschränkt.

Das noch in Entwicklung befindliche System "Talarion" wiederum sei bereits "für die Zertifizierung nach einem künftigen Standard vorbereitet", um dann "ohne Einschränkung über Europa zu fliegen", heißt es seitens des Herstellers.

Auf der Website der Federal Aviation Administration (USA) hat man das Vorhaben, unbemannte Flugobjekte zum zivilen Luftverkehr kompatibel zu machen, noch in der Rubrik "Vision".

Drohne fängt Autodieb

Ebenfalls Anfang Februar - kurz nach der EADS-Pressekonferenz zum Thema "Drohnenfreigabe" - hatte die britische Polizei einen ersten Erfolg in der drohnengestützten Verbrechensbekämpfung vermeldet.

Eine Einheit der Merseyside Police hatte einen mutmaßlichen Autodieb, der zu Fuß weiterflüchtete, im dichten Nebel aus den Augen verloren. Ein Quadrokopter, eine Art fliegender Kreisel mit vier Elektromotoren, stieg auf und lokalisierte den Flüchtenden mit der eingebauten Wärmebildkamera.

Nun sind diese ultraleichten Quadrokopter extrem windanfällig, und in urbanen Szenarien passiert es auch eher selten, dass ein Flüchtiger mutterseelenallein unterwegs ist, so dass eine solche Infrarotsuche Sinn ergibt.

Andersherum: Schon bei leichtem Wind und in Gegenwart anderer Passanten wird man auf diese Weise nichts ausrichten.

Was die Aussichten für die Rüstungsindustrie angeht, so gibt es ein mächtiges Argument für die künftige Integration von UAVs in die Zivilluftfahrt. Das europäische Satellitennavigationssystem Galileo, an dem Astrium beteiligt ist, braucht dringend Kunden aus dem nicht-militärischen Bereich.

(futurezone/Erich Moechel)