© Reuters/Peter MacDiarmid, Überwachungskamera

"Indect": Videotechnik aus dem Burgenland

KONTROLLE
09.11.2009

Neben der FH Technikum Wien ist auch die Pinkafelder Firma X-Art ProDivision am umstrittenen Überwachungsprojekt "Indect" der EU beteiligt. Die Burgenländer bringen aus dem Broadcasting-Bereich jahrelange Erfahrung bei der digitalen Archivierung, Indizierung und automatischen Inhaltsanalyse von Videodateien ein.

"Wie kommt eigentlich eine mittelständische Firma aus Pinkafeld dazu, dass sie als einziges österreichisches Unternehmen bei einem EU-Großprojekt zur vernetzten Überwachung vertreten ist?" Diese Frage stellte futurezone.ORF.at Andreas Pongratz, dem Geschäftsführer von X-Art ProDivision.

"Weil wir fast zwei Jahrzehnte Erfahrung im Radio- und TV-Bereich nun auf eine sicherheitstechnische Perspektive umgelegt haben", antwortete Pongratz.

Indizierung, Archivierung und Suche in Audio- und Videoarchiven gehören zu den Stärken der Burgenländer, die eine große Zahl in- und ausländischer Broadcaster - darunter auch den ORF - mit Produktions-und Archivierungssoftware für Audio und Video ausgestattet haben.

300 Kanäle rund um die Uhr

Für die Nachrichtenagentur Associated Press Australia haben die Burgenländer ein Media-Monitoring-System installiert, das rund um die Uhr 300 Radio- und TV-Kanäle aufzeichnet und indiziert. Die jeweils mitgesendeten Radio- und Videotextinformationen, Timestamps usw. werden dabei in das Video unsichtbar eingebettet, so dass sie nachträglich besser ausgewertet werden können.

Der dabei eingesetzte VideoLogger, eine Indizierungssoftware des Herstellers Virage, die X-Art Pro seit Jahren vertreibt, liest Videos aller möglichen digitalen Formate nicht nur automatisch ein, sondern analysiert sie auch auf ihre Inhalte.

"Indect"-Serie, Teil eins:

Als zweiter österreichischer Teilnehmer neben X-Art ProDivision bringt die FH Technikum Wien die mit den Robokickern "Vienna Cubes" und anderen Projekten gesammelte Erfahrung bei der Objekterkennung ein. Christian Kollmitzer, der für das "Indect"-Projekt verantwortliche FH-Professor, nannte die damit verbundene Möglichkeit zur Grundlagenforschung als Hauptgrund für die Teilnahme.

Stimmprofile im Archiv

Nachrichten, Spielfilme und TV-Shows werden anhand der für das Genre jeweils charakteristischen Bild- und Tonsequenzen automatisch klassifiziert. Gesichtserkennungsmodule können dazu Videosequenzen Personen zuordnen, die Zusatzfunktion "Speaker Recognition" gleicht bekannte Stimmprofile mit Audiomitschnitten ab.

So ist es beispielsweise möglich, etwa in den ORF-Archiven bereits digitalisierte, aber nicht indizierte historische Mitschnitte nach verschollenen Sendungen von Heinz Conrads anhand von dessen Stimmprofil oder Gesichtsform zu durchsuchen.

"Ereignisse", Alarm

"Auf eine sicherheitstechnische Perspektive umgelegt", lässt sich diese Technik ebenso auf Videos aus Überwachungskameras anwenden, wenn man entsprechende Kriterien vorgibt. Wenn vordefinierte "Ereignisse" als solche erkannt werden - eine Person ist gestürzt, Menschen beginnen schnell zu laufen usw. -, wird Alarm geschlagen, und der diensthabende Beamte sieht sich die Szene genauer an.

Das ist eines der erklärten Ziele des "Indect"-Projekts. Videoüberwachung wird vor allem deshalb immer ineffizienter, weil die auswertenden Beamten mit der Fülle des Materials immer weniger zurechtkommen. Hier wollen die Strafverfolger in der EU nun technisch nachrüsten.

CCTV in Großbritannien

2008 konnten in Großbritannien 1.000 Fälle mit Hilfe von CCTV-Überwachungskameras gelöst werden - bei mehr als einer Million Kameras alleine in London und Kosten von 572 Millionen Euro. So hieß es in einem internen Polizeibericht vom August 2008.

Wandelnde Verdachtsfälle

Jede der als "Ereignis" markierten Videosequenzen stellt eine Art Verdachtsfall dar. Wer etwa an einer Bushaltestelle seinen Koffer im Wartehäuschen abstellt und ein paar Schritte zur Fahrplantafel geht, löst automatisch Alarm aus, die Sequenz wird als "Ereignis" eingestuft.

Wie aber ist ein solcher "anlassbezogener Verdacht", den gewöhnliche Alltagshandlungen auslösen, mit den europäischen Datenschutzstandards vereinbar?

Die Ethikkommission

"Natürlich ist das ein Seiltanz", räumt Pongratz ein. Deshalb gehe man "die Sache sehr vorsichtig, aber auch sehr konsequent an. In der Ethikkommission wird Datenschutz sehr ernst genommen." Stets werde dabei "abgewogen, was gesellschaftspolitisch sinnvoll" sei, so Pongratz.

Wenn diese Ethikkommission ihre Aufgabe tatsächlich so ernst nimmt, dann wird sie einiges zu tun bekommen.

Biometrie, GPS, RFID, Handydaten

Sie könnte beispielsweise untersuchen, inwiefern die "Testinstallation und Demonstration eines prototypischen Systems" des deutschen "Indect"-Teilnehmers PSI in die Rechtsordnung der europäischen Zivilgesellschaften passt.

Die Testinstallation besteht laut PSI aus 15 "wetterfesten Miniaturcomputern mit Kameras, Mikrofonen", "bei Bedarf" können "biometrische Sensoren, Handyidentifizierung, Übertragungsscanner, Überwachungsgeräte, GPS, Mikrosender, RFID-Tags" einbezogen werden. Die solcherart gesammelten Daten werden dann einem "dezentralen Computersystem" zur "intelligenten Verarbeitung" zugeführt.

Mehr über Teilnehmer, Ziele und Strukturen dieses mit 15 Millionen Euro dotierten EU-Projekts lesen Sie im nächsten Teil der Serie.

(futurezone/Erich Moechel)