© ÖAMTC, Ein Christophorus-Hubschrauber und Sanitäter auf der Autobahn

Katastrophenschutz auf Linuxrechnern

VIRIBUS UNITIS 2009
18.09.2009

Auf der Software für Gefechtsfeldsimulation des Bundesheers wurde bis Donnerstagabend eine Katastrophe der Zivilluftfahrt mit 150 Verletzten und Toten nahe Ernstbrunn in Niederösterreich simuliert. Beteiligt: Koordinatoren von Rotem Kreuz, Arbeiter-Samaritern, ÖAMTC und Krankenhausverbänden. Die mächtige, aber überaus schlanke Software wurde von Militärs aus Österreich und fünf anderen Staaten entwickelt.

Ein Passagierflugzeug mit 200 Personen an Bord ist nahe der Marktgemeinde Ernstbrunn in Niederösterreich notgelandet und dann in Flammen aufgegangen.

Man geht von 150 Verletzten aus, der erste von vier Rettungshubschraubern des ÖAMTC ist schon an Ort und Stelle, vier Black-Hawk-Helikopter des Bundesheers werden startklar gemacht, weitere vier stehen in Reserve. Die ersten Rettungswagen des Roten Kreuzes und des Arbeiter-Samariter-Bundes sind schon an der Absturzstelle.

Dieses Szenario spielte sich am Mittwoch und am Donnerstag ganz ohne Blaulichter, Helikopter und Rettungswagen in der Kaserne des Bundesheeres im niederösterreichischen Neulengbach ab - als virtuelle Simulation.

FüSim auf Linuxkisten

Als Hardware kamen ein paar gewöhnliche PCs zum Einsatz, auf denen die FüSim-Software läuft, ein auf der Linux-Plattform entwickeltes Simulationsprogramm für militärische Führungskräfte.

Im Grunde simuliert nur eine einzige SUSE-Box (mit Back-up-Rechnern) das Geschehen in Echtzeit, in den verschiedenen Schulungsräumen hat die Außenstelle der Militärakademie Wiener Neustadt in Neulengbach vor allem Windows-Rechner, auf denen die Client-Software läuft.

"Stratego" in Echtzeit

Beim ersten Anblick der extrem schlicht gehaltenen Grafik fühlt man sich in die 90er Jahre zurückversetzt, die zweite "Assoziation" ist das gute alte Brettspiel "Stratego", allerdings auf echtem 2-D-Terrain abgebildet, in Echtzeit und mit stark hochskalierten Regeln.

Da bewegen sich winzige blaue Kästchen rund um ein rotes Symbol, das einem Spielzeugdrachen ähnelt, das sind die Krankenwagen an der Absturzstelle. Etwas südöstlich von Ernstbrunn ist wiederum eine Reihe von Rettungswagen zu sehen, dort ist die Sammelstelle, das lokale Logistikzentrum.

In Neulengbach

In den einzelnen Räumen der aus mehreren Objekten bestehenden Neulengbacher Kaserne, deren Hauptgebäude eher einer gutbürgerlichen Kuranstalt gleicht, sitzen die angereisten Koordinatoren von Rettungskräften und Krankenanstalten aus Wien und Niederösterreich mit Bundesheerangehörigen und kommunizieren so, wie es in Einsätzen üblich ist: Räumlich getrennt über Telefonanlagen und Funk.

Umgesetzt wird das über einen kleinen Telefonswitch mit Apparaten in jedem Raum und TETRA-Funkgeräten, auf dem Bildschirm sieht der Koordinator nur jeweils seinen selbst einsehbaren Bereich. Der Gesamtstand und weitere Informationen über das Ausmaß der Katastrophe lassen sich wie im richtigen Leben dann nur über Funk aus der Zentrale erfahren.

Länger als "World of Warcraft"

Ein Blick auf die Menüs der FüSim-Software genügt freilich für einen Eindruck der ganz anderen Art. Die Menüs sind um einiges umfangreicher als jene von "World of Warcraft", von diversen Wetterbedingungen angefangen über eine Vielfalt von logistischen Ressourcen ist eine Unzahl möglicher Parameter einzustellen.

Und in den Menüs sieht man denn auch, wofür diese Software, auf der gerade die Zivilschutzübung "Viribus Unitis 2009" anläuft, primär entwickelt wurde: Gefechtsfeldsimulation. Sämtliche Waffengattungen sind da vertreten, dazu kommen Treibstoff- und Munitionsvorräte, deren Schwinden ebenso berechnet wird wie die "Abnützung" der kämpfenden Truppe, also zerschossene oder havarierte Fahrzeuge, Tote und Verwundete.

GESI auf UNIX

Man habe Anfang der 90er Jahre mit der Entwicklung des GESI-Systems auf UNIX begonnen, sei dann damit auf Linux migriert, erzählt Ralf Kaschow, Produktmanager von CAE Elektronik, der deutschen Tochter des kanadischen CAE-Konzerns.

Das auf Simulationen aller Art spezialisierte Unternehmen hat neben dem österreichischen Bundesheer auch die deutsche Bundeswehr, die in Neulangbach durch einen Verbindungsoffizier vertreten war, als an der Entwicklung von GESI/FüSim beteiligten Kunden. Dazu kommen die Armeen Italiens, Irlands, Norwegens und Finnlands, die dasselbe System einsetzen.

Die Nachrichtenlage

Über die CUSTOZA-Kaserne in Neulengbach, die aus mindestens fünf räumlich verteilten Gebäuden besteht, ist auf der Website des Bundesheeres selbst praktisch nichts zu erfahren. Die FüSim-Software kommt überhaupt nur auf einem Organigrammkästchen der Militärakademie vor, der Leiter der FüSim in Wiener Neustadt, Oberst Reinhard Pieber MSD, war bei der Übung ebenfalls dabei.

Offene Plattform

Man habe sich deshalb für diese Löѕung entschieden, sagte Oberst Franz Zwettler zu ORF.at,, weil es sich um eine gemeinschaftliche Entwicklung handle. Das System komme dadurch wesentlich billiger als vergleichbare, hochproprietäre Systeme von US-Firmen, die vor allem in NATO-Staaten eingesetzt würden.

Der zweite wichtige Punkt sei, dass es sich um eine offene Plattform mit offenen Schnittstellen handle. Damit sei man zum Beispiel in Bezug auf Kartenmaterial völlig autonom, während bei vergleichbaren anderen Systemen sämtliches Kartenmaterial vom gleichen Lieferanten bezogen werden müsse, sagte der Oberst.

Eigene Karten mit eigenen Daten

Das Kartenmaterial wurde - Quadrat für Quadrat - von Spezialisten des Bundesheeres erstellt, die Höhendarstellung in der aktuell bei der Übung verwendeten FüSim-Version ist auf 2,5 Meter genau dem echten Gelände nachgebildet.

Das nächste Update werde in der Auflösung um den Faktor fünf genauer, also 50 Zentimeter Abweichung zulassen, sagte Ralf Kaschow von der Herstellerfirma.

Die unscheinbare Grafik, die mehr Symbolcharakter hat, hat es ebenfalls in sich. Sie ist zum Beispiel dem tatsächlichen Bewuchs einer bestimmten Fläche nachempfunden, so dass der Kommandant sofort entscheiden kann, ob dort eine Panzerkolonne passieren kann oder ob es sich um ein dichtes Waldstück handelt, das umfahren werden muss.

Aussicht in 3-D

Und dann demonstriert einer der diensthabenden Majore in der FüSim-Zentrale, dass auch 3-D-Perspektiven integriert sind. Zusammen mit den topografischen Daten stellt der Simulationsrechner die Perspektive aus dem Rettungswagen dar: Die Zentrale sieht, was und wie weit der Fahrer des Wagens sieht.

Mit einem Klick auf den Unfallort bei Ernstbrunn lassen sich wiederum Fotos und Videos abrufen, die einen ersten Eindruck übermitteln, was sich dort abspielt.

Wettereinflüsse spielen mit

Bei einem ersten Probelauf am Mittwoch waren nach einer Stunde Laufzeit von 150 Opfern nur 19 in den umliegenden Spitälern abgeliefert. "Aufgrund eines Eisregens in den frühen Morgenstunden herrscht auf vielen NÖ Straßen höchste Glatteisgefahr", heißt es in der "Spielanleitung" für "Viribus Unitis 2009".

Anzahl, Stationierung und Bezeichnung der Rettungswagen entsprachen dem analogen Leben, also den tatsächlich vorhandenen Ressourcen, die im Ernstfall zur Verfügung stehen. Da sie vom Sammelplatz nur nacheinander zufahren konnten, stauten sich die Rettungswagen an der Sammelstelle.

Die Helikopter und ihre Landeplätze

Bei uneingeschränktem Flugbetrieb unter 1.000 Metern und einer leichten Brise aus Nordwest herrschte passables Flugwetter, allerdings ebenfalls verschärft durch lokale Regenschauer bei minus zwei Grad. Angeflogen wurden eine ganze Reihe von Wiener Spitälern.

Während die Koordinatoren der Rettungsdienste - vielfach hatten sie zum ersten Mal mit dem umfunktionierten Gefechtsfeldsimulator zu tun - ziemlich beschäftigt waren, wirkten die beteiligten Militärs sichtlich entspannt.

Schließlich war diese Zivilschutzübung eine Simulation, die nur einen Bruchteil der Ressourcen zum Einsatz brachte. Keiner sagte es, aber man hatte doch den Eindruck, die Herren Offiziere hätten schon spannendere Simulationen auf der FüSim-Software laufen gesehen.

Pentium 4, ISDN genügt

So nebenbei war denn von einem Vizeleutnant in der FüSim-Zentrale zu erfahren, dass die CPU des zentralen Simulationsrechners, ein betagter Pentium 4, meistens unter 15 Prozent ausgelastet war. Und: Die FüSim-Software komme problemlos mit einem 64-kBit-Netzwerk (ISDN) aus.

Im Hof des Hauptgebäudes in Neulengbach standen zwei Telefonzentralen-LKWs mit "over the air" in diverse Fenster der Schulungsräume gespannten Telefondrähten, davor stand ein bewaffneter und wortkarger Posten.

(futurezone/Erich Moechel)