© Bild: Strukt Studio, Multitouch-Tisch mit dem Namen "Struktable"

Struktable: Der interaktive Multitouch-Tisch

START-UP
20.04.2009

Das Wiener Unternehmen Strukt hat sich eigentlich auf Design und interaktive Medieninstallationen für Events spezialisiert. Doch mit der Entwicklung des Struktable, eines Tisches, der ohne Maus und Keyboard steuerbar ist und mit dem sich auch andere Geräte dirigieren lassen, tauchte das Unternehmen auch in die Hardware-Entwicklung ein. Teil 18 der futurezone.ORF.at-Serie "Start-up-Geschichten".

Im Rahmen der Serie "Start-up-Geschichten" berichtet futurezone.ORF.at in loser Folge über innovative Web- und IT-Unternehmen mit Österreich-Bezug.

Angreifen und Verändern lautet die Devise beim Struktable, einem von dem jungen Unternehmen Strukt entwickelten interaktiven Tisch. Dieser kann mit beliebig vielen Fingern gleichzeitig bedient werden und auch andere Dinge, wie etwa eine Lichtsituation im Raum, steuern. "Der Tisch ist dann die Kontrollzentrale, über die der Nutzer selbst Lichtstimmungen im Raum aufrufen kann. Auch die Sounds im Raum können bestimmt werden, der Nutzer kann sich dies selbst einrichten", erklärt Thomas Hitthaler, technischer Leiter und CEO von Strukt gegenüber ORF.at, eine mögliche Funktion des Multitouch-Interfaces.

Tisch als kommunikatives Medium

Links zum Struktable:

Rund acht Personen können sich rund um den 160 Zentimeter breiten, 100 Zentimeter langen und 85 Zentimeter hohen schwarzen Tisch versammeln. 80 (oder mehr) Finger können die speziell beschichtete Acrylglasplatte gleichzeitig anfassen und steuern. Der Tisch dient dabei als "kommunikatives Medium", da alle Leute über dieselbe Oberfläche miteinander sprechen und dieselben Inhalte sehen. "Wir haben die Hardware deswegen entwickelt, weil es noch keine gab, die man kaufen kann", erzählt Hitthaler.

"Aber eigentlich sind wir ein Designstudio und keine Hardware-Produzenten. Es geht uns vor allem um das Interaktionsdesign. Normalerweise ist es schwierig, Leute bei Ausstellungen oder Events dazu zu motivieren, zu interagieren. Sie müssen sofort ein Erfolgserlebnis haben. Der Multitouch-Tisch war für uns wichtig, weil man draufgreifen kann, und es passiert sofort etwas. Wenn auch nur ein kleiner Punkt kommt, reicht das schon. Die Leute wollen immer eine Reaktion sehen."

Sound-Kompositionen per Fingerdruck

Neben einem Media-Browser, mit dem man auf dem Tisch beispielsweise Fotos und Videos vergrößern, verkleinern, verdrehen und umherschieben kann, zählt auch eine Sound-Anwendung zu den Demos, die derzeit installiert sind. Damit lassen sich per Fingerdruck verschiedene Töne in unterschiedlicher Länge und Tonfolge wiedergeben und mit verschiedenen Effekten versehen. Auf dem Tisch erscheinen riesige Kreise in verschiedenen Farben, die sich synchron mit dem Sound bewegen. Die Idee für diese Entwicklung kam den Strukt-Designern durch Brian Enos "Bloom"-Anwendung für das iPhone.

Das wird nicht die letzte Sound-Anwendung für den Struktable sein. "Wir arbeiten gerade an einem Turntable-Interface, mit dem man zwei, drei oder mehr Plattenspieler auf dem Tisch simulieren kann", meint Hitthaler während einer kurzen Demonstration. Die Playlist, aus der man die Songs auswählt, die man anschließend per Finger auf den Plattenspieler zieht, wird seitlich angezeigt.

Acrylglasplatte mit spezieller Beschichtung

Das Strukt-Team startete mit der Entwicklung der Multitouch-Oberfläche vor über einem Jahr. Mit dem Bau der Hardware für den Tisch begann man im Spätsommer. Das Geheimnis des Struktables liegt in seiner speziellen Beschichtung der Oberfläche. Die oberste Glasplatte besteht aus Acryl und wird durch LED-Elemente mit unsichtbarem Infrarotlicht geflutet. "Erst wenn man mit der Hand drauffasst, schafft man ein Luftpolster zwischen der Oberfläche und dem Finger, und dadurch ändert sich der Brechungsindex der Oberfläche. Das Licht wird praktisch aus der Platte rausgeworfen und trifft dann auf die Kamera und wird dort als Lichtfleck registriert", beschreibt der technische Leiter bei Strukt den Vorgang, wie Multitouch auf dem Tisch funktioniert.

Microsoft Surface

Microsoft Surface ist ebenfalls ein Computertisch, der auf einer Multitouch-Technologie basiert. Er wurde bereits 2007 das erste Mal vorgestellt, ist für österreichische Entwickler allerdings erst seit kurzem erhältlich. Der Preis des Geräts: 13.000 Euro für das Developer Unit, welches in Redmond bestellt werden muss.

Im Gegensatz zum Struktable, der 78 Zoll groß ist, verfügt der Surface über ein 30-Zoll-Display. Außerdem besteht seine Oberfläche aus Plexiglas, während der Struktable aus mehreren Glasschichten zusammengebaut ist.

Die Technologie funktioniert derzeit nur direkt auf der Oberfläche, man muss den Tisch mit seinen Fingern berühren, um die Objekte darauf tatsächlich zu bewegen. Es gibt allerdings auch noch eine zweite Technologie. Bei dieser wird alles, was wenige Zentimeter über der Oberfläche aufscheint, vom Tisch erkannt. Diese Technologie wird etwa bei Microsoft Surface, dem Multitouch-Table aus Redmond, eingesetzt. Das Strukt-Team arbeitet allerdings daran, diese zweite Technologie mit der ersten zu kombinieren.

TU Wien entwickelte Tracker-Software

"Unsere Grundhaltung war von Anfang an, dass wir uns selbst überlegen, wie wir vorgehen. Bei uns sorgt eine Schicht an Sicherheitsglas unter der Acrylplatte für die nötige Robustheit", meint Hitthaler auf die Frage, ob Surface bei der Entwicklung des Tisches eine Rolle gespielt habe. Bis auf ein Stückchen Software, welches für die Kameraauswertung zuständig ist, sei der Struktable tatsächlich von Strukt entwickelt. Zur Programmierung der Anwendungen wurde die graphische Entwicklungsumgebung vvvv verwendet. Der Tracker, der für die Kameraauswertung zuständig ist, stammt von der TU Wien und einer Forschungsgruppe rund um Thomas Pintaric. "Für die TU Wien ist es eine gute Möglichkeit, das Ding unter realen Bedingungen zu testen", so Hitthaler.

Traum von der eigenen Agentur

Der Struktable ist allerdings nur eines der vielen Projekte, die das derzeit neunköpfige Team rund um Strukt in ihrem ersten Jahr seit der Gründung im Oktober 2007 erfolgreich umgesetzt hat. Mercedes-Benz, Adidas, KUKA Roboter und Bertelsmann zählten bereits zu ihren Kunden. Ihre Installation "Media Universe", in der es darum geht, aus Tausenden kleinen Punkten auf Befehl ein bestimmtes Bild oder einen Text zu generieren, wurde Anfang 2009 mit dem Creativclub Austria Award für Internationales Design prämiert. Außerdem zog 2009 mit Strukt-Visuals erstmals der iPod auf den Opernball ein: Er wurde als Steuerungselement verwendet, um die vier Bildprojektionen in der Raucher-Lounge zu verändern.

Dabei hatte alles so harmlos angefangen: "Irgendwann gründen wir eine Agentur", träumten die fünf Gründungsmitglieder während ihres Studiums an der Fachhochschule in Salzburg. Nach Praktika bei renommierten Medienagenturen in Deutschland und den USA wurde der Traum dann rasch zur Realität.

Struktable im Designforum

Auch der nächste Einsatz für den Struktable steht bereits bevor: Ab 20. Mai wird er im Designforum im Wiener MuseumsQuartier (MQ) bei der Ausstellung "Krieg der Zeichen" als fixe Installation zu sehen sein. "Dort wird die Oberfläche des Tisches in Gut und Böse eingeteilt werden. Die Leute können die vom Künstler über Jahre gesammelten Symbole, Markenzeichen und Objekte dann in den guten oder bösen Bereich schieben. In jedem Objekt wird dann eine Art Fortschrittsbalken angezeigt, wie gut oder böse das Objekt jetzt ist", erklärt Hitthaler.

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(futurezone/Barbara Wimmer)