© AP/Hasan Sarbakhshian, Iranerin beim Bloggen vor dem Bildschirm

Bloggen in Afrika und im Nahen Osten

BLOGOSPHÄRE
12.04.2009

Welche Potenziale haben Blogs und neue Medien eigentlich abseits der westlichen Welt, etwa in Afrika und im Nahen Osten? Mit dieser Frage blickte die deutsche Bloggerkonferenz re:publica, die von 1. bis 3. April in Berlin über die Bühne ging, über ihren Tellerand hinaus auf Länder wie Kenia und Bahrain.

"Das Internet ist ein globales Medium. Da kapselt man sich in seiner eigenen kleinen nationalen Sphäre natürlich nicht ab", sagt Geraldine de Bastion. Sie arbeitete fünf Jahre für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit und beteiligt sich derzeit für die Berliner Agentur newthinking communications am Aufbau von Open-Source-Entwicklerkollektiven in Afrika, damit mehr Unternehmen in Afrika Open Source als Businessmodell nutzen.

Gerade in Kenia gibt es eine sehr aktive und ständig wachsende Blogosphäre. Die Berichterstattung über die Präsidentschaftswahl in Kenia im Dezember 2007 habe gezeigt, welch große Rolle Blogs und neue Medien in afrikanischen Ländern spielen können, so de Bastion. Als sich herausstellte, dass es Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung der Stimmen gab, und es in Teilen des Landes zu Gewaltausbrüchen kam, zogen Blogger aus, um aktuell darüber zu berichten und herauszufinden, was vor sich ging, sagt de Bastion.

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Blogs als Lückenfüller

Klassische Medien stünden viel stärker unter politischem Einfluss und ließen sich daher viel leichter den Mund verbieten als die wachsende Blogosphäre, die von den Politikern in Kenia bisher kaum wahrgenommen wurde, meint de Bastion. Insofern sehen sich die Blogger in Kenia als eine Art Lückenfüller, die teilweise die Rolle der zensierten Presse übernehmen.

Doch das hat auch seine Grenzen. Denn Kenia habe mit einer Internet-Verbreitung von gerade einmal zehn Prozent so wie viele Länder in Afrika noch klassische Infrastrukturprobleme, so de Bastion. "Es mangelt ganz einfach an Strom und Bandbreite. Aber es gibt viele kreative Wege, damit umzugehen. Nicht jeder braucht unbedingt einen PC oder einen Internet-Zugang zu Hause. In Kenia wurden zum Beispiel Blogs nach den Wahlen einfach ausgedruckt und als Flyer auf der Straße verteilt oder im Radio vorgelesen. Und Kenia hat eine Radiopenetration von immerhin 90 Prozent."

Die Zukunft liege in Afrika ganz sicher im Bereich mobiles Internet, ist de Bastion überzeugt. In Ländern wie Südafrika gingen die Menschen schließlich jetzt schon zum größten Teil über ihr Mobiltelefon ins Netz.

Ushahidi als Krisen-Crowdsourcing-Tool

Ein Beispiel für eine kenianische Entwicklung ist die Website Ushahidi, ein Crowdsourcing-Tool für Kriseninformationen. Ushahidi, was auf Suaheli so viel heißt wie Zeugenaussage, ging Anfang 2008 als Reaktion auf die Ausschreitungen nach der Wahl in Kenia ans Netz. Mit Hilfe der Mitmachplattform, die auf der Software Frontline SMS und der freien Wiki-Weltkarte OpenStreetMap basiert, wollte man die Ausschreitungen nach der Wahl kartographieren.

Inzwischen hat Ushahidi auch in anderen Krisensituationen Anwendung gefunden, etwa während der Welle ausländerfeindlicher Übergriffe im Mai 2008 in Südafrika und während der Terroranschläge in Indien.

Gespaltene Blogosphäre im Nahen Osten

Können Araber, Israelis und Kurden, Muslime, Juden und Christen im Nahen Osten respektvoll miteinander streiten? Diese Frage beschäftigt die 22-jährige Esraa el Schafei seit einigen Jahren. Sie stammt aus dem Königreich Bahrain, einem winzigen Inselstaat im Persischen Golf.

Vor drei Jahren, als es in der Blogosphäre im Nahen Osten und in Nordafrika zu brodeln begann, gründetet sie die Plattform Mideastyouth.com - mit dem Ziel, für Meinungsfreiheit zu kämpfen und Menschen im Internet miteinander ins Gespräch zu bringen, die ansonsten nur gegenseitige Hasstiraden abfeuern.

"Die Blogosphäre im Nahen Osten war sehr streng voneinander getrennt. Auf der einen Seite gab es israelische Blogger, auf der anderen Seite arabische. Sie sprachen aus verschiedenen Gründen nicht miteinander: weil sie die Sprache nicht beherrschen oder unterschiedlicher Meinung sind. Mideastyouth sollte zu einem Ort werden, wo Kurden, Israelis, Araber, Iraner und Menschen, die religiösen oder ethnischen Minderheiten angehören, zusammenkommen. Mideastyouth wurde aber auch zu einem Ort, an dem man über Themen sprechen kann, die in unseren Gesellschaften tabuisiert sind, wie etwa Atheismus, Homosexualität oder sexuelle Gewalt", erzählt Schafei.

Die "Free Kareem"-Kampagne

International für Aufmerksamkeit sorgte Schafei, als sie für einen Freund, den ägyptischen Blogger Kareem Amer, die Kampagne "Free Kareem" auf MideastYouth startete. Er war verhaftet worden, weil er einen islamkritischen Blogeintrag veröffentlicht hatte -dass sie Muslima ist und er mit seiner Kritik quasi ihre Religion beleidigt hatte, spiele dabei keine Rolle, so Schafei. Freie Meinungsäußerung sei freie Meinungsäußerung, egal wie die Meinung nun ausfalle, meint die junge Aktivistin.

"Obwohl Kareem immer noch immer im Gefängnis sitzt und wir es bisher nicht geschafft haben, ihn zu befreien, waren wir dennoch erfolgreich, weil wir die ägyptische Regierung dazu gezwungen haben, uns zu begründen, warum sie Kareem eingesperrt haben. Wir haben Ägypten in eine ziemliche Zwangslage gebracht, da die internationale Öffentlichkeit auf den Fall aufmerksam wurde. Die 'Free Kareem'-Kampagne gilt jetzt als Modell, wie man erfolgreich eine politische Kampagne durchziehen kann."

Preisgekröntes Netzwerk

Für ihr Engagement im Netz und ihren Einfluss auf die Gesellschaft wurde die junge Aktivistin bereits mit einem Preis des renommierten Berkman Center of Internet and Society an der Harvard Law School ausgezeichnet. In den drei Jahren seiner Existenz ist Mideastyouth.com zu einem wichtigen und einflussreichen Netzwerk herangewachsen: 200 Autorinnen und Autoren aus 24 Ländern und acht Religionen schreiben regelmäßig auf der Website, ganz abgesehen von den tausend Menschen, die hin und wieder publizieren würden, so Schafei.

Von der Aktivistin gibt es übrigens kein einziges Foto im Netz, nur ein Comicbild findet man auf der re:publica-Hompage. Es zeigt das verschmitzte Gesicht einer zierlichen Frau mit langen Haaren und großer Brille. Sie fühle sich sicherer, wenn es keine Fotos von ihr gebe, sagt Schafei. In der Vergangenheit habe sie etliche anonyme Anrufe und Morddrohungen erhalten. Gerade in einem so kleinen Land wie Bahrain könne es für eine Aktivistin wie sie gefährlich sein, wenn sie auf der Straße erkannt werde.

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(matrix/Anna Masoner)