Optimismus trotz Dot.com-Krise
Die New-Economy-Zeitschrift "Net-Business" stellt mit diesem Wochenende ihr Erscheinen ein. Die Anfang vergangenen Jahres gestartete Zeitschrift, die im zweiten Quartal dieses Jahres knapp 27.000 Exemplare verkaufte, wurde ein Opfer der Krise der gesamten Internet-Branche.
Wie der Eigentümer von "Net-Business", der Hamburger Verlag Milchstraße mitteilte, habe sich die deutlich rückläufige Anzeigensituation in den letzten Wochen nochmals verschärft.
Hinzu kam, dass im Juli die Verlagsgruppe Handelsblatt [Düsseldorf] nach nur vier Monaten ihre Internet- Zeitschrift "E-Business" wegen des schlechten Anzeigengeschäfts eingestellt hat. Der Rückzug von "E-Business" habe zu einem weiteren Vertrauensverlust der Gattung "Internet-Medien" in der Werbewirtschaft geführt und auch "Net-Business" den Todesstoss versetzt.
31 Redakteure verlieren Job
Wie der Verlag Milchstraße am Montag weiter bestätigte, fallen insgesamt 31 Arbeitsplätze in Hamburg weg. Man werde sich um bestmögliche Lösungen für die Beschäftigten bemühen. Die Titelrechte werden an den Unternehmer und Journalisten Peter Turi verkauft, der das 14-
tägig erscheinende Blatt ab September in neuer Form in Heidelberg als Fachzeitschrift für die Internet-Wirtschaft herausgeben will. Für die zum Verlag Milchstraße gehörende Tomorrow Internet AG wird Turi künftig den
Online-Auftritt von "Net-Business" betreuen"Optimistisches Manifest" mit 96 Thesen
Die Redakteure von "Net-Business" verabschieden sich in der letzten Ausgabe von ihren Lesern mit einem "optimistischen Manifest", das mit den Worten beginnt: "Der Internethype ist am Ende. Das Net-Business hat gerade erst begonnen. Zukunft entsteht, indem Menschen sie machen. SO JUST DO IT!"
Das Manifest besteht aus "96 Thesen zur Wirtschaft im 21. Jahrhundert" und lehnt sich in Form, Inhalt und Diktion an das im Vorjahr erschienene und vieldiskutierte "Cluetrain-Manifest" an. Die FuZo bringt im folgenden
Auszüge aus "Das optimistische Manifest":
1.
Der Mensch ist das Maß allen Fortschritts.
4.
Das 19. Jahrhundert war das der Unternehmer. Das 20. Jahrhundert war das der Manager. Das 21. Jahrhundert wird das der Wissensarbeiter.
16.
Jobholder Value siegt über Shareholder Value.
17.
Humankapital wird so wertvoll und individuell sein, dass viele Menschen sich an der Börse notieren lassen könnten.
24.
Unternehmen agieren zwar marktwirtschaftlich, werden aber planwirtschaftlich geführt. Im 21. Jahrhundert werden sie auch marktwirtschaftlich geführt werden.
29.
Im 21. Jahrhundert werden die Beschäftigten entscheiden, was sie wie tun möchten und nicht ihre Vorgesetzten.
35.
Okay, der Internethype war ein Goldrausch. Aber ohne den Goldrausch von 1848 keine Levi¿s, kein San Francisco, kein Hollywood, kein Silicon Valley.
44.
Im Zweifel für offene Software. Aber nur im Zweifel, nicht aus Prinzip.
48.
Wir werden Dienstleister dafür bezahlen, dass uns nur die Werbung erreicht, die uns tatsächlich interessieren könnte.
58.
Der Fortschritt der Informationstechnologie gerät frühestens ins Stocken, wenn die Computertechnologie so effizient ist wie das Leben selbst. Und das dauert.
69.
Eine Technologie, die 15 Milliarden Menschen ein menschenwürdiges Leben sichern könnte, wird es nie geben. Dies zu erreichen, ist keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.
82.
Es wird einen Gegenentwurf zum liberalen Kapitalismus geben. Und nur weil er irgendwann demnächst in China entwickelt werden dürfte, muss er nicht unbedingt schlechter sein.
88.
Die Gewinnmargen bei Standardprodukten werden rasiermesserdünn. Wer es aber schafft, seine Produkte zu individualisieren, wird im Geschäft bleiben können.
Weniger Internet-Pleiten im Juli
Einer Untersuchung zufolge ist die Zahl der weltweit registrierten Internet-Firmenpleiten im Juli um 30 Prozent im Vergleich zum Vormonat zurückgegangen. Wie das US-amerikanische Unternehmen Webmergers bekannt gab, haben im Juli 32 Dot.coms geschlossen, was der niedrigste Stand seit September 2000 war.
Im Juni mussten 58 Dot.coms aufgeben, im Mai waren es noch 60. Der Untersuchung zufolge mussten in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres weltweit bereits 367 Unternehmen zusperren. Die Zahl der Internet-Pleiten liegt seit Januar 2000 bei 592.
Gleichzeitig wendeten Käufer im vergangenen Monat knapp drei Mrd. Dollar auf, um 99 Firmen zu akquirieren. Im Juni lagen die Investitionen für Billigkäufe noch bei sechs Mrd. Dollar.
Krise begann im Mai 2000
Das Dot.com-Sterben begann im Mai 2000, als zum ersten Mal eine
namhafte Zahl an Pleiten [13] registriert wurde. Im Oktober
desselben Jahres kletterte dieser Wert auf 36, im November auf 49.
Mindestens 210 Firmen mussten vergangenes Jahr zusperren, wobei rund
60 Prozent davon auf das vierte Quartal des Jahres 2000 entfielen.
Webmergers.com mit Sitz in San Franzisko ist Betreiber einer
Plattform, auf der sich mittelständische Internetunternehmen zum
Verkauf anbieten können. Der Online-Marktplatz wird in Kooperation
mit BizBySell.com betrieben.
Webmergers-Studie "Death Takes A Holiday in July"
