Nachruf auf Claude E. Shannon
Friedrich Kittler, weit über den deutschsprachigen Raum bekannter Medien-Theoretiker aus Berlin, hat am Freitag im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen Nachruf auf den vorigen Samstag verstorbenen Mathematiker und Computerwissenschaftler Claude Elwood Shannon veröffentlicht.
Der 1916 in den USA geborene Shannon, Begründer der Informationstheorie, verband mathematische Theorien mit ingenieurwissenschaftlichen Prinzipien und legte damit das Fundament für die Entwicklung des digitalen Computers, der modernen Kryptographie und für die Investitionstheorien. Der Begriff "Bit" für "BInary digiT" wurde auf Grund von Shannons Forschung in den vierziger Jahren geprägt.
Friedrich Kittler ist seit 1993 Inhaber des Lehrsstuhls fuer Ästhetik und Geschichte der Medien am Institut für Ästhetik, an der Humboldt-Universität in Berlin. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen: "Aufschreibesysteme 1800/1900", "Grammophon Film Typewriter" und "Draculas Vermächtnis. Technische Schriften".
Nachfolgend Auszüge aus Kittlers Nachruf:
Ein/Aus: Zum Tod des Mathematikers Claude E. Shannon
"Als Shannon Mitte der Dreißiger nach Cambridge kam, um am MIT zum Ingenieur zu werden, war von Digitalrechnern keine Rede. Norbert Wiener als führender Mathematiker predigte die längsten je angeschriebenen Integralgleichungen, Vannevar Bush als führender Ingenieur [und nachmals wissenschaftlicher Chef des amerikanischen war effort] hatte einen riesigen Analogcomputer am Laufen. Nur sein Doktorand Shannon begriff, dass es völlig analoge, also auf stetigen Stromschwankungen beruhende Maschinen gar nicht gibt. An Bushs Analogrechner war es die Steuereinheit, die hinter dem Rücken allen damaligen Wissens einzig und allein Ja/Nein-Entscheidungen traf, wie beim Telefon die Wählscheibe [im Gegensatz zur Sprechmuschel] nur ganze Zahlen annimmt. Als Professor Wiener das hörte, war er entsetzt: "Shannon's just crazy; he thinks digitally. [...]
Shannons letzter Kriegsauftrag ging dahin, eine mathematische Theorie der besten Verschlüsselung aufzustellen. Der öffentliche Teil dieser Theorie, "A Mathematical Theory of Communication", brachte ihm Weltruhm. Shannons tiefster Gedanke dagegen war und blieb geheim, weil das Pentagon ihn "klassifizierte". Denn erst die Frage, wie Nachrichtenkanäle sich vor mithörenden Feinden sichern, machte technisch den Übergang vom Weltkrieg zum Kalten Krieg. Vor staunenden Biologen und Chemikern, Anthropologen und Mathematikern führte Shannon eine selbstgebastelte blecherne Maus vor, die imstande war, aus jedem anständigen Labyrinth herauszufinden. Die Maus war lange nicht so schön und animalisch wie Vaucansons Rokoko-Ente, dafür aber freier. Auf ihr beruhen nicht nur unsere famosen Computernetze, deren Pakete ja noch im Ernstfall den letzten überlebenden Empfänger finden, sondern Interkontinentalraketen und computergesteuerte Roboter. [...]
Shannon zog es vor, die langen Bürokorridore von Murray Hill auf Einrädern zu befahren, eine kurze Geschichte des Jonglierens zu schreiben und in bester barocker Dichtertradition ein Langgedicht auf Rubiks Zauberwürfel ["Rubik's Cube"] zu verfassen. Aber die schönste Maschine, die Shannon je baute, war zugleich die sinnloseste. Ein einfacher schwarzer Kasten in Shannons Wohnzimmer mit einem einzigen Schalter, der selbstredend auf "Off" stand. Kaum dass Freunde oder Besucher den Kasten nur sahen, legten sie den Schalter auf "On" um. Der Deckel ging auf, eine kleine weiße Automatenhand tastete nach dem Schalter, fand ihn und stellte wieder auf "Off". Die Hand wanderte in ihr Dunkel zurück, der Deckel ging zu, das Spiel war gespielt. Digitale Maschinen können, was sie können, weil sie keinen Sinn haben."
Der vollständigen Text lässt sich gegen einen Gebühr von DM 1.- über das Online-Archiv der "Frankurter Allgemeinen Zeitung" [Printausgabe] ausheben.
Frankfurter Allgemeine-Archiv
