Zukunftsstrategien für digitale Musik
In Cannes beginnt heute die Midem, die größte Musikmesse der Welt. Vertreter von Plattenfirmen, Musikverlagen, Online-Unternehmen und Produzenten aus über 80 Ländern werden öffentlich diskutieren und neue Produkte und Applikationen vorstellen.
In diesem Jahr stehen die Themen Vermarktung von Musik im Internet, Internet-Piraterie sowie globale Marketing-Strategien im Vordergrund. Ein wichtiger Aspekt sind auch Fragen des Urheberrechts von digitalem und weltweit verfügbarem Content.
Das Rahmenprogramm der Midem bietet zahlreiche Live-Konzerte und Vorführungen
Alle Veranstaltungen der Midem [PDF-Dokument]Zum Auftakt fand gestern die Midemnet statt, bei der rund 1.000 Experten aus dem Online- und dem Musikgeschäft über Zukunftsstrategien für die digitale Produktion, Vermarktung und Distribution von Musik diskutierten.
MidemnetKünstler werden unabhängiger
Nach Meinung von Herbie Hancock und Peter Gabriel, die auf der Midemnet "The Artist's Perspective" darlegten, würde das Internet Musiker, Komponisten und Songschreiber unabhängiger von Plattenfirmen machen und ihnen eine Vielzahl neuer Möglichkeiten eröffnen.
Die Interpreten können sich selbst vermarkten, direkt mit den Fans in Kontakt treten und mit anderen Musikschaffenden im Web zusammenarbeiten, sagte Herbie Hancock.
"Sie können sogar ihre Musik in einem Home-Studio selbst produzieren und dann selbst im Internet vertreiben", und bräuchten dazu keinen aufwendige CD-Produktion oder ein umfassendes Händlernetz, so Hancock, der mit Transparent Music sein eigenes Label besitzt.
Transparent MusicChancen für alternative Musik
Ähnlich sieht es Genesis-Mitbegründer Peter Gabriel: "Vor allem für alternative Musik, die keinen Massenmarkt hat, ist das Internet ideal". Der Künstler selbst sei bei der Online-Verbreitung seiner Musik stärker gefragt.
Deshalb hätten zunächst auch mehr unabhängige Plattenfirmen, die so genannten Independents, mitgemacht, als Gabriel im vergangenen Jahr das Internetunternehmen OD2 gründete. Mittlerweile seien aber auch die großen Plattenfirmen, die Majors, mit von der Partie.
OD2 stellt für Online-Händler Musik "on demand", also auf Abruf, im Netz zur Verfügung. Internetnutzer können sich die Dateien dann gegen Gebühr herunterladen.
"Nicht das Ende der Plattenfirmen"
Das Internet bedeute aber keineswegs das Ende für die
Plattenfirmen und des Musikbusiness so wie es heute besteht, meinte
Gabriel. "Die meisten Künstler brauchen jemanden, der sich um die
geschäftlichen Aspekte kümmert, um das Geld, die Werbung und der den
kreativen Prozess filtert und kanalisiert". Dafür bräuchten sie auch
weiterhin die Labels. Allerdings käme dem Künstler in Zukunft eine
wichtigere Rolle zu, meinte Gabriel.
OD2Musik-Download per Handy
Einen weiteren Themenschwerpunkt der Midemnet bildete das Verhältnis von Internet, Mobiltelefonie und Musik, die nach Meinung von Fachleuten künftig stärker zusammenwachsen und eine Einheit bilden werden.
"Alle Online-Dienste werden in Zukunft mit allen Arten von Geräten verlinkt sein", sagte dazu Justin Chamberlain von Ericsson. Es werde dann möglich sein, mit Mobiltelefonen Songs aus dem Internet herunterzuladen oder sich seinen Wunschtitel auf digitale Jukeboxen oder Stereoanlagen beispielsweise in Bars oder Hotelzimmern zu laden.
"Auch der Austausch von Songs oder anderen Daten von Handy zu Handy ist dann kein Problem mehr."
Warten auf GPRS und UMTS
Frank Boulben, Geschäftsführer des französischen Internetdienstes
VivendiNet, wies hingegen darauf hin, dass es vor allem in Europa
noch gehörige Probleme durch die zu geringen Übertragungskapazitäten
geben würde. "Die Infrastruktur für das mobile Internet ist noch
nicht da." Mit dem neuen Mobilfunkstandard GPRS, der in diesem
Frühjahr eingeführt werden soll, und dem in zwei bis drei Jahren
folgenden UMTS-Standard seien dann aber viel höhere
Übertragungsraten und damit auch viel mehr Dienste möglich.
VivendiNetDie Marktsituation
Bis zum Jahr 2004 wird das starke Wachstum der Umsätze bei den Online Contents laut Forrester Research 70 Milliarden Dollar erreichen, was die Umsätze bei den digital herunterladbaren Contents betrifft, darunter 10 Mrd. USD bei den herunterladbaren Musiktiteln.
Jupiter Communications, der führenden Firma für Branchenanalysen, zufolge wird erwartet, dass die Online-Musikeinnahmen - einschließlich Werbung, Merchandising und Ticketverkauf - von 71 Millionen USD im Jahr 1997 bis zum Jahr 2002 auf 2,8 Milliarden USD steigen.
Der Markt für die Online-Bereitstellung von Musiktiteln steckt zwar noch in den Kinderschuhen, gehört aber zu den am schnellsten wachsenden Marktsegmenten und wird den Vorhersagen zufolge bis zum Jahr 2002 1,6 Mrd. USD umfassen.
Musik-Download per Handy in Japan bereits Realität
Der japanische Mobilfunkbetreiber NTT DoCoMo bietet seit wenigen
Tagen Musik zum Download per Handy an. 500 Songs wurden in
Zusammenarbeit mit japanischen Plattenfirmen zum Abrufen für
Handynutzer ins Mobilfunknetz gestellt, erläuterte Manager Kuniaki
Naoi auf der Midemnet. Die Titel konnten zunächst angehört werden;
zum Abspeichern auf kleinen Speicherkarten fielen Gebühren an. "Die
Hälfte der meist jungen Nutzer, die sich die Tracks anhörten, haben
sie auch gegen Geld runtergeladen", sagt Naoi.
NTT DoCoMoInnovationen im Bereich Webradio
Elliot Solomon von der amerikanischen Firma iM Networks [früher Sonicbox] stellte auf der Midemnet ein Webradio vor, das man innerhalb seines Hauses herumtragen kann.
Es empfängt die Internetradiostationen vom eigenen PC - momentan sind mehr als 800 über die Website von iM Networks verfügbar.
In Kürze will Philips eine Art Internet-Stereoanlage herausbringen, die den Komfort einer herkömmlichen Anlage bietet, aber Webradio abspielt.
In Zukunft seien auch mobile Geräte geplant - unabhängig vom Standort des eigenen PC, das heißt im Auto oder als tragbare Geräte. Der Vorteil für die Radiomacher: Sie könnten ihre Werbung beziehungsweise ihr Programm direkt auf die Hörer zuschneiden, die sich mit ihrer E-Mail-Adresse und Angabe ihres Standortes einloggen.
iM Networks
