Internet stärkt Familienbande
Eine repräsentative Studie des Soziologen und Internet-Experten Barry Wellman zeigt, dass die große Mehrheit der US-Durchschnittsfamilien die Omnipräsenz von WWW, Mobiltelefonie, Chat und SMS als positiv für das Familienleben empfindet.
Die landläufige Annahme ist, der Vormarsch des Internets müsse zwangsläufig zur Vereinsamung führen, das ersehe man schon daran, wie sich gewohnte Verhaltensweisen in den Familien auflösten, so Wellman.
Das ehedem heimelige Miteinander des Abends auf der Wohnzimmercouch werde nun durch getrenntes Hocken vor den jeweiligen Computern abgelöst, die Jugend würde immer mehr chatten und spielen, statt etwas Vernünftiges zu tun usw.
Zwei Prozent dagegen
Laut einer Studie der Universität von Toronto sagte fast jeder zweite Befragte [47 Prozent], dass sich die Qualität der Kommunikation in der Familie durch den technischen Fortschritt verbessert habe.
Lediglich zwei Prozent meinten, dass sich die Verständigung im Zeitalter von Handy, E-Mail und SMS verschlechtert habe, berichtete die "Washington Post" am Montag. 47 Prozent sahen keine Auswirkungen.
Paradigmenwechsel
Befürchtungen, wonach die neuen Medien die Familienbindungen schwächten, "haben sich nicht bestätigt", sagte der Autor der Studie, Barry Wellman. "Viele Familien begrüßen Internet und Handy, weil sie dann wissen, was der andere den ganzen Tag macht."
Wellman ist Professor der Soziologie und forscht in den Bereichen "Community-Soziologie" und Internet, Mensch-Computer-Interaktion und angrenzenden Gebieten. Besonders interessiert ist Wellman am Paradigmenwechsel von ehedem gruppenzentrierten Beziehungen hin zu "vernetztem Individualismus".
Wellmans erste Studie über die Internet-Kommunikation von US-Durchschnittsbürgern datiert lange vor dem Beginn des grafischen WWW, nämlich aus dem Jahr 1990.
SMS und Abendessen
In der nationalen, repräsentativen Umfrage wurden zwischen Dezember 2007 und und Jänner dieses Jahres 2.252 Amerikaner aller Altersgruppen befragt.
Kommunikation über Handy und E-Mail ist in US-Familien danach weit verbreitet: 94 Prozent der Erwachsenen hätten Zugang zum Internet, bei den Kindern seien es 84 Prozent.
Fast die Hälfte aller befragten Eltern rufen den Nachwuchs einmal täglich auf dem Handy an - meist um an das gemeinsame Abendessen zu erinnern.
YouTube statt TV
Nicht nur das Familienleben, sondern auch die Partnerschaft kann durch SMS und E-Mail einen Schub bekommen. Die Umfrage ergab, dass kurze "love taps" - kurze, spontane Liebesgrüße via SMS, im Chat oder in der E-Mail - in den vergangenen zehn Jahren auffällig zugenommen haben.
Aus der Mode kommt dagegen das gemeinsame Fernsehen auf der Couch. Da 66 Prozent der US-Familien über einen Breitbandanschluss verfügen, sei der Computer fast schon zum "Dreh- und Angelpunkt der Familie geworden" - so zum Beispiel beim gemeinsamen Videoschauen auf YouTube.
(futurezone | dpa)
