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Die Worte des Propheten Stallman

29.09.2008

Zum Auftakt eines Feiermonats der Free Software Foundation anlässlich des vor 25 Jahren gestarteten GNU-Projekts hat dessen Gründer Richard Stallman unter dem Motto "Wie man faule Kompromisse vermeidet" eine Fastenpredigt an die Linux-Weltgemeinde gerichtet.

Stallman hatte am 27. September 1983 mit dem GNU-Manifest angekündigt, ein neues, völlig freies, UNIX-ähnliches Betriebssystem zu entwickeln, unter dem paradox-selbstreferienzellen Akronym GNU - "GNU is not UNIX".

Dafür schrieben Stallman und andere eine komplette Entwicklungsumgebung samt einer Anzahl von Kommandozeilenprogrammen, etwa Texteditor, Compiler, Debugger usw., die ziemlich unverändert bis heute zu den Standards jeder Linux-Distribution gehören. Jeder Systemadministrator benutzt Weiterentwicklungen davon bis heute.

Ein "Motor" namens Linux

Was allein fehlte, war der "Motor", also der Kernel für das freie Betriebssystem, und den steuerte ab 1991 der Finne Linus Torvalds bei. Schon bald danach war immer seltener vom GNU-Projekt die Rede und immer öfter von Linux.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das Betriebssystem überhaupt erst unter dem Namen seines "Motors" bekannt. Nachdem die Industrie - allen voran IBM - knapp vor der Jahrtausendwende erkannt hatte, wie sich der "Benefit" von GNU/Linux "in Zahlen herunterbrechen ließ", war anstatt von "freier Software" immer mehr von "Open Source" die Rede.

Grad der Freiheit

Offengelegter Quellcode einer Software entspricht nicht jenem Grad der Freiheit, wie sie das GNU-Manifest von 1983 meinte.

Der Aufstieg des von Stallman und anderen entworfenen alternativen Betriebssystems GNU, das von Anfang an in diametralem Gegensatz zu den Regeln und Gepflogenheiten der damals noch jungen Software-Industrie stand, hing freilich von der Entwicklung des Linux-Kernels direkt ab.

"Putzige kleine Programme"

Der läuft längst nicht nur auf Servern, PCs und Notebooks, sondern in Variationen auf einer schwer überschaubaren Zahl von unterschiedlichsten Geräten: Satreceivern, Routern, Handys, Radio-Scannern, Steuergeräten aller Art.

Zum Jubiläumsmonat der freien Software warnte Stallman erneut davor, in Linux-Distributionen auch proprietäre Software mit auszuliefern.

Die Erfahrung zeige zwar, dass man neue Benutzer zum Wechsel auf das GNU/Linux-Betriebssystem bringen könne, wenn darin "putzige kleine Programme" wie Flash und proprietäre Treiber für bestimmte Hardware enthalten seien.

2004 in Wien

Anlass für Stallmans Aufenthalt 2004 in Wien war eine Demonstration gegen den damaligen Vorstoß von großen Hardware-Konzernen, um europaweit die Patentierung von Software zuzulassen, sobald sie in Zusammenhang mit einem Patent auf Hardware eingereicht würde.

Das EU-Parlament hatte dieses Vorhaben am Ende mit einer überwältigenden Mehrheit abgelehnt.

=="Bürgerliche Grundwerte"==

"Nahezu die gesamte Open-Source-Software ist freie Software; die beiden Begriffe beschreiben fast genau dieselbe Kategorie von Software. Aber jeder der beiden Begriffe wurzelt in einem fundamental verschiedenen Wertesystem. 'Open Source' ist eine Form der Software-Entwicklung, 'Free Software' ist eine soziale Bewegung", sagt Stallman.

Jeder andere Ansatz wirke sich aber negativ auf das Ziel aus, eine nachhaltig freie Gemeinschaft zu schaffen.

"Freiheit statt Freibier"

Auch Software müsse anhand der "bürgerlichen Grundwerte" wie "Respekt vor der Freiheit des Benutzers" evaluiert werden und nicht bloß anhand von "Convenience", schreibt Stallman, für den man sich angesichts seines Erscheinungsbilds das Beiwort "Prophet" einfach nicht verkneifen kann.

Und: "Frei" sei eben im Kontext von "Freiheit" zu verstehen und nicht im Zusammenhang mit "Freibier".

Stallman wurde von der Königlichen Technischen Universität Schweden im Jahr 1996 angefangen über die Uni Glasgow bis zur Universidad Nacional de Ingenieria del Peru achtmal der Titel "Doctor Honoris Causa" verliehen.