Fraunhofer gründet Österreich-Tochter

10.06.2008

Die deutsche Fraunhofer-Gesellschaft, unter deren Ägide unter anderem das Musikdatenformat MP3 entwickelt wurde, plant die Gründung einer Tochtergesellschaft in Österreich. Physiker und Wissenschaftspolitik-Insider Anton Zeilinger empfiehlt der Politik, einen sehr genauen Blick auf die Gestaltung der Abmachungen über die geistigen Eigentumsrechte zu werfen.

Bisher ist die deutsche Fraunhofer-Gesellschaft [FhG] mit zwei Forschergruppen an den Technischen Universitäten Wien und Graz hierzulande verankert, nun plant die größte Einrichtung für angewandte Forschung in Europa eine hundertprozentige Tochter in Österreich.

Heuer wurde dafür der "organisationsrechtliche Rahmen" geschaffen, sagte FhG-Präsident Hans-Jörg Bullinger im Gespräch mit der APA am Rande der noch bis Dienstag in Wien stattfindenden Veranstaltung "Bewusst Innovativ?", die von der Industriellenvereinigung organisiert wird.

In einer Aussendung vom Dienstag begrüßte Wissenschaftsminister Johannes Hahn [ÖVP] die Initiative der FhG, die österreichischen Universitäten könnten davon in den Bereichen der angewandten Forschung und des Technologietransfers viel gewinnen.

Rechte auf Erfindungen sichern

Auf Anfrage von ORF.at gibt sich der Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger zunächst skeptisch gegenüber der Kooperation.

"Worin der Mehrwert gegenüber einer exzellenten Einrichtung wie dem Grazer Joanneum bestehen soll, sehe ich auf Anhieb nicht", sagt Zeilinger. "Ich möchte auch anregen, besonderen Wert darauf zu legen, dass die geistigen Eigentumsrechte an den Erfindungen, die in diesen Kooperationen entstehen, Österreich zugutekommen."

Standorte in Wien und Graz

Bisher ist eine Fraunhofer-Projektgruppe zu Produktionsmanagement und Logistik unter Leitung von Wilfried Sihn an der TU Wien angesiedelt. Sie arbeitet schwerpunktmäßig mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung [IPA] in Stuttgart zusammen.

Seit November 2007 gibt es zudem eine Forschergruppe für Grafische Datenverarbeitung an der TU Graz unter Leitung von Dieter Fellner, die u. a. mit dem in Darmstadt angesiedelten Fraunhofer-Institut für Grafische Datenverarbeitung [IGD] kooperiert. Fellner und Sihn sind mit dem weiteren Ausbau der Forschergruppen befasst.

Die österreichische Tochter soll als gemeinnützige GmbH unter dem Namen "Fraunhofer Austria" gegründet werden, sagte Sihn. Der Start der Gesellschaft sei für Jänner 2009 geplant. Derzeit liefen Gespräche über eine Art Grundfinanzierung der Projekte durch die öffentliche Hand "auf Basis einer Projektfinanzierung von vier Jahren". Diese sei gedacht als "Anlauffinanzierung".

Staatliche Förderung

Um die zwei in Österreich angesiedelten Arbeitsgruppen in Fraunhofer-Institute umzuwandeln, muss sich laut Bullinger bei der Finanzierung noch einiges bewegen: Mit der angedachten Projektfinanzierung stelle sich das Problem, dass man so keine zusätzlichen exzellenten Leute gewinnen könne.

Ziel müsse die bei der Fraunhofer-Gesellschaft etablierte institutionelle Grundfinanzierung von einem Drittel sein [ein Drittel staatliche Grundfinanzierung, ein Drittel Auftragsfinanzierung durch Wirtschaft, ein Drittel Projektfinanzierung durch Bund und Länder] "Das werden wir wahrscheinlich in Österreich hinbekommen. Es ist aber noch ein langer, mühsamer Weg", so Bullinger.

"Wir müssen in jenen Regionen, wo wirtschaftlich die Musik spielt, vertreten sein", lautet der Grundsatz der Expansionspolitik der Fraunhofer-Gesellschaft laut ihrem Präsidenten. Gegenüber weiteren Kooperationen in Österreich sei man offen, es gebe derzeit aber keine systematische Suche.

Globalisierung der Forschung

Der Grundgedanke beim Ausbau der Fraunhofer-Aktivitäten ist laut Bullinger: "Wenn wir sehen, dass unsere Kunden in der Wirtschaft globalisieren, dann müssen wir auch die Forschung und Entwicklung globalisieren." Die Kunden aus der Industrie wollten auch sehen, ob man unter den Bedingungen des jeweiligen Landes Projekte machen kann.

Die Fraunhofer-Gesellschaft entscheide nicht nach Ländern, sondern beginne in der Regel dort, "wo hervorragende Forschergruppen mit Industriekontakten tätig sind". Um diese herum werde eine Arbeitsgruppe gegründet. Das sei bei den zwei Forschungsthemen Produktionsmanagement und Datenverarbeitung an der TU Wien bzw. TU Graz der Fall gewesen. Kooperationen in Österreich liegen nahe, schon "allein von der Sprache und der Verwandtschaft bei der Industriekultur", so Bullinger.

Forschungsmulti Fraunhofer

Die Fraunhofer-Gesellschaft bezeichnet sich selbst als "führende Organisation für angewandte Forschung in Europa". 13.000 Mitarbeiter sind in mehr als 80 Forschungseinrichtungen tätig, davon 56 Fraunhofer-Institute an 40 Standorten in ganz Deutschland.

Sie sind für ein Forschungsvolumen von 1,3 Mrd. Euro jährlich verantwortlich, davon mehr als eine Mrd. Euro im Bereich Vertragsforschung. Im Ausland verfügt Fraunhofer über eigene Standorte in Europa, eine Tochtergesellschaft mit Fraunhofer Centers in den USA sowie Repräsentationsbüros in Asien, im Nahen Osten und in Moskau. 2007 beliefen sich die Auslandserträge auf 125,1 Mio. Euro.

(APA | futurezone)