Ärger über neues eBay-Bewertungssystem

24.05.2008

Das Online-Auktionshaus eBay hat nun auch in Deutschland und Österreich sein Bewertungssystem umgestellt: In Zukunft können Käufer nicht mehr negativ beurteilt werden. Die Verkäufer schäumen vor Wut und drohen mit Boykott und Weggang.

Seit 22. Mai gelten für Bewertungen bei eBay neue Regeln. Unter anderem können eBay-Verkäufer ihre Käufer nur noch positiv bewerten. Die Käufer können hingegen weiterhin die Noten "positiv", "neutral" und "negativ" ausstellen.

Laut eBay sollen so Rachebewertungen ausgeschlossen werden, zudem sei es auch auf anderen Websites üblich, dass nur der Verkäufer bewertet werde. Man erwarte sich durch den Schritt mehr positive Kauferfahrungen, die auch den Verkäufern zugutekommen würden, so eBay auf seiner Website.

Die Nutzer selbst sehen das allerdings ganz anders: In den eBay-Foren erhitzen sich die Gemüter, viele eBay-Nutzer beschweren sich, dass sie nun der Willkür der Käufer ausgeliefert seien.

"Wie soll ich da schlechte Kunden ausschließen oder andere vor ihnen warnen, wenn ich nur noch positiv bewerten kann?", fragt ein Nutzer etwa, und ein anderer: "Selbst wenn ich bei der mündlichen Bewertung etwas Negatives reinschreibe - wer macht sich schon die Mühe und blättert zurück, um nachzuschauen, ob ein Kunde vertrauenswürdig oder nicht bloß ein Spaßbieter ist?"

Bereits die letzte Gebührenumstellung hatte viele eBay-Verkäufer erzürnt.

Bewertungen plötzlich schlechter

Die eBay-Nutzer stoßen sich auch an der neuen Berechnung des Prozentsatzes positiver Bewertungen sowie am neuen Durchrechnungszeitraum: Bei der Berechnung werden nun auch neutrale Bewertungen berücksichtigt, der Zeitraum wurde auf zwölf Monate beschränkt [bei der Berechnung wird die Summe der positiven Bewertungen durch die Summe aller abgegebenen Bewertungen dividiert].

Durch die Einbeziehung der neutralen Bewertungen sank bei vielen eBay-Nutzern laut eigenen Angaben der Prozentsatz, andere profitierten wiederum vom verkürzten Durchrechnungszeitraum, da ehemalige schlechte Bewertungen aus dem Raster hinausflogen.

Weiters wurde auch die einvernehmliche Rücknahme von Bewertungen über die eBay-Website abgeschafft. Damit wolle man erreichen, dass mit Bewertungen nicht leichtfertig umgegangen wird und Käufer mit einer negativen Bewertung Verkäufer erpressen können, so eBay.

Probleme sollen in Zukunft direkt an das eBay-Kundenservice gemeldet werden, Käufer, die mit Erpressung arbeiten, sollen künftig stärker sanktioniert werden. Weiters werden die Funktionen "Käuferkreis einschränken" sowie die "Liste gesperrter Käufer" erweitert.

Käufer erpressen Verkäufer

EBay selbst ist laut eigenen Aussagen "überzeugt davon, dass durch diese Änderungen das Bewertungssystem als vertrauensbildendes Instrument gestärkt wird". Käufer erhielten dadurch die Möglichkeit, ehrlich zu bewerten, und Verkäufer würden vor willkürlichen Bewertungen geschützt.

In den eBay-Foren herrscht allerdings eine andere Meinung: Viele berichten von Käufern, die seit der Umstellung bereits damit drohen würden, eine negative Bewertung abzugeben, wenn der Verkäufer nicht wie gewollt reagieren sollte, etwa indem er den vom Käufer im Nachhinein verlangten Rabatt gibt.

"'Neutral' ist das neue 'negativ'"

Auch die Wertung der neutralen Beurteilungen bei der Berechnung des Prozentsatzes missfällt vielen: Bei der neuen Berechnung würden neutrale Bewertungen eigentlich negativ gewertet, weil sie in Summe den Prozentsatz drücken würden, so die eBay-Nutzer. "'Neutral' ist das neue 'negativ'", meint ein Nutzer sarkastisch.

Viele mühsam erarbeitete hohe Prozentsätze würden so nun mit einem Schlag zunichtegemacht, beschweren sich die Nutzer. Mancher Powerseller könne überhaupt seinen Status verlieren, wenn er durch neutrale Bewertungen unter den verlangten Prozentsatz von 98 rutsche. Ab Juli müssen Powerseller in der detaillierten Verkäuferbewertung in allen vier Kategorien zudem zumindest vier Punkte aufweisen, um den Status erlangen oder behalten zu können.

PayPal-Zwang für schlechte Verkäufer

EBay Österreich verschickte vor kurzem eine E-Mail, in der es für Ende Mai neue "Verkäuferstandards" ankündigte: Bezogen auf die letzten 30 Tage, würden Verkäufer in folgenden Punkten geprüft:

- Negative und positive Bewertungen

Verkäufer, die längerfristig unterhalb der Standardkriterien bleiben, müssen laut eBay mit Konsequenzen rechnen, darunter die Verpflichtung, den hauseigenen Bezahlservice PayPal als zusätzliche Zahlungsmethode zum Schutz der Käufer anzubieten.

Kommt der generelle PayPal-Zwang?

In Australien will eBay ab Mitte Juni überhaupt nur noch die Bezahlung via PayPal akzeptieren, was dort sogar die Banken gegen eBay aufgebracht hat. Sie rechnen vor, dass eine Überweisung via PayPal mehr kostet als eine normale Banküberweisung. EBay hält dem entgegen, dass bei Bezahlungen via PayPal weniger betrogen wird. Laut eBay USA soll die Zwangsverpflichtung zu PayPal in Australien Testcharakter für andere Märkte haben.

Verkäufer wollen abwandern

Einige eBay-Verkäufer in Deutschland und Österreich drohen angesichts der jüngsten Umstellung hierzulande, auf andere Portale abzuwandern, oder überhaupt einen eigenen Shop zu eröffnen. Schließlich seien sie es, die mit ihren Einstellgebühren eBay das Geld bringen würden und nicht die Käufer, so ihr Argument.

Mit den neuen Regeln würde eBay zudem vor allem große Anbieter bevorzugen, bei denen eine negative oder neutrale Bewertung nicht so schnell ins Gewicht fallen würde. Privatanbieter hingegen würden zunehmend verdrängt und damit auch die Vielfalt.

Ob die Verkäufer ihre Drohungen umsetzen, wird sich zeigen. Erste Boykottaufrufe wie in den USA waren im eBay-Forum bereits vermehrt zu lesen. EBay selbst war am Freitag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Für Ende Mai kündigte eBay ein neues "Verkäufercockpit" an, mit dem jeder Verkäufer in Echtzeit überprüfen können soll, wie er die Standards erfüllt. Ab 27. Mai sol es zudem eine spezielle Hilfeseite für Verkäufer bei Problemen mit Käufern geben.

(futurezone | Nadja Igler)