Privat-TV erwägt Verschlüsselung
Deutsche Privatsender könnten in Zukunft nur noch mit Smart Card zu empfangen sein. Das berichten deutsche Fachmagazine wie "Digital Fernsehen" und "Infosat" in ihren aktuellen Ausgaben.
Die Motive für die geplante Sat-Grundverschlüsselung sind nicht ganz unerwartet finanzieller Natur. Zwischen 2000 und 2004 sind die Nettoumsätze bei "klassischer" TV-Werbung um fast eine Milliarde Euro gefallen, ein Anstieg des Volumens ist angesichts der rasant wachsenden Internet-Werbung nicht in Sicht.
Danach kommt Pay-TV
Die großen Sendergruppen bereiten sich deshalb auf einen massiven Einstieg ins Pay-TV-Geschäft vor. Da aber die Kundenakquisition in dieser Teilbranche alles andere als einfach ist, wie man am Beispiel des schleppenden Wachstums von Premiere sieht, kommt der geplanten Grundverschlüsselung für bisher frei empfangbare Programme eine besondere Rolle zu.
Da hierfür entweder ein Sat-Empfänger oder eine Settop-Box mit der Verschlüsselungsfunktion notwendig ist, können dem Zuseher dann auch echte Pay-TV-Kanäle angeboten werden: Damit "wäre für die Zuschauer die Eintrittsbarriere in die Pay-TV-Welt nur noch minimal", schreibt "Digital Fernsehen".
Probleme mit Hollywood
Mit der Grundverschlüsselung wären die Privatsender darüber
hinaus das schwelende Problem um Lizenzrechte mit den
Hollywood-Studios los. Diesen ist die heutige freie europaweite
Ausstrahlung von Blockbustern ein Dorn im Auge. Wären die Signale
verschlüsselt und somit auf Deutschland, Österreich und die Schweiz
beschränkt, könnten die Privaten unter dem Strich sogar bei den
Lizenzkosten sparen.
Hollywood will mehr Schutz durch TechnikGenerelles Nachdenken
Dass damit das Ende von frei empfangbarem Fernsehen verbunden sein könnte, dementiert man bei den deutschen Privaten jedoch heftig. "Keine Frage: Free-TV soll Free-TV bleiben", so Christian Körner, Konzernsprecher der RTL-Gruppe.
"Wir denken generell über jeden Verbreitungsweg zu unseren Zuschauern nach. Verschlüsselung und der Schutz von Lizenzrechten sind dabei ein Thema von vielen", sagt Körner. Darüber hinaus prüfe man auch die Möglichkeit zu neuen Geschäftsmodellen und Pay-TV-Angeboten.
Bei ProSieben-Sat.1 gibt es für eine mögliche Verschlüsselung der Sender "im Augenblick keine konkreten Entscheidungen", wie eine Konzernsprecherin erklärte. Auch bei der RTL-Gruppe gibt man sich offiziell zurückhaltend. Verschlüsselung sei nur eines der Themen, über die man im Zuge der Digitalisierung nachdenke, heißt es.
Nagravision ...
Sollten die deutschen Privaten ihre Verschlüsselungsüberlegungen
in die Tat umsetzen, so könnte sich für Österreich ein Problem
ergeben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass RTL & Co auf das
Verschlüsselungssystem Nagravision von Premiere setzen wollen.
Nagravision... und Cryptoworks
Der ORF verschlüsselt mit Cryptoworks, 470.000 österreichische Haushalte sind dafür bereits gerüstet, während mit Nagravision verschlüsselte Pay-TV-Teile des Premiere-Bouquets etwa ein Viertel dieser Zahl erreichen.
Falls sich die deutschen Privatsender für Nagravision entscheiden, sollte es jedenfalls möglich sein, die privaten Kanäle aus dem großen Nachbarland auch mit ORF-tauglichen Sat-Receivern empfangen zu können. Da die drei führenden Systeme Nagravision, Cryptoworks und das norwegische Conax quer durch Europa zum Einsatz kommen, sind Set-Top-Boxen und Sat-Receiver gefragt, die alle drei Systeme beherrschen. Ein Gutteil der auf dem Markt befindlichen digitalen Sat-Receiver lässt sich mit Einschiebemodulen recht einfach nachrüsten.
Die deutschen TV-Macher plädieren in dieser Frage indes für ein einheitliches Vorgehen und ein System. "Mehrere Länder in Europa haben gezeigt, dass verschiedene technische Standards dem Zuschauer nicht nützen", so RTL-Sprecher Körner.
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