Arbeiten immer und überall
Mitte der 90er Jahre, als das Internet sich zu verbreiten begann, ist auch in Österreich vermehrt der Begriff Telearbeit aufgetaucht. Was daraus im Zeitalter von Handy, Laptop und WLAN wurde, heute um 22.30 Uhr im Ö1-Magazin "matrix".
Die Idee war, dass Mitarbeiter einer Firma ganz oder teilweise zu Hause arbeiten und sich dafür vom heimischen Computer aus über eine Internet-Verbindung ins Firmennetzwerk einloggen. Als Vorteile wurden Zeitersparnis durch Wegfallen des Weges zur Arbeit, dadurch auch eine geringere Belastung für die Umwelt, weiters bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch flexiblere Zeiteinteilung und für die Firmen Einsparungen bei der Bürofläche gesehen.
Die Begriffe "telecommuting", also Telependeln, und "telework" wurden schon Anfang der 70er Jahre vom US-Amerikaner Jack Nilles geprägt, der an der University of Southern California dazu forschte. Auftrieb bekam die Idee, die Arbeit zu den Menschen zu bringen statt die Menschen zur Arbeit, in den USA im Jahr 1996 mit dem Clean Air Act, mit dem Firmen zu Maßnahmen gegen Kohlendioxid-Emissionen und bodennahes Ozon verpflichtet wurden. Dazu zählten Fahrgemeinschaften, öffentliche Transportmittel, die Viertagewoche und Telearbeit.
Buchtipp:
Holm Friebe, Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, Heyne 2006.
Chance für Pendler
In Österreich wurde Telearbeit außerdem als Chance für ländliche Regionen gesehen, die unter Abwanderung litten oder zumindest tagsüber wie ausgestorben waren. Weil nicht jeder, der Telearbeiter werden möchte, daheim ein eigenes Arbeitszimmer hat und Telearbeit die Gefahr der Vereinsamung mit sich bringt, wurde damals auch die Gründung von Telearbeitszentren überlegt und geplant. Berühmt wegen des wunderbar passenden Namens wurde "Bruck an der Leitung", ein neu zu bauendes Televillage mit Internet-Anschluss in allen Häusern und Wohnungen und einem Telearbeitszentrum.
Mittlerweile ist Telearbeit kein bedeutendes Thema mehr. Bei einer Umfrage des Linzer Marktforschungsunternehmens Spectra gaben lediglich zwei Prozent der befragten Österreicher an, selbst mit Telearbeit beschäftigt zu sein, weitere zehn Prozent "kennen jemanden", der zu Hause am Bildschirm arbeitet, ohne in ein Büro zu gehen.
Vielleicht liegt dieser geringe Prozentsatz aber einfach daran, dass die meisten Menschen die Arbeitsrealität nicht mit diesem Begriff in Zusammenhang bringen. Telearbeit sei etwas, worüber keiner mehr spreche, das aber viele tun würden, heißt es im Statusbericht "Auf dem Weg von Telearbeit zu eWork", der von mehreren Autoren im Jahr 2003 im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit verfasst wurde.
Österreicher "always on"
Schaut man sich auf der Straße, in Kaffeehäusern, auf Flughäfen oder in Zügen um, kann man dem zustimmen. In einer Zeit, in der nahezu jeder Österreicher und jede Österreicherin ein Mobiltelefon hat, 44 Prozent der Haushalte über einen Breitband-Internet-Anschluss verfügen und die Zahl der mobilen Breitbandzugänge auf 350.000 in die Höhe geschnellt ist, sind viele Menschen "always on".
Da werden im Zug - sehr zum Leidwesen der Mitreisenden - Geschäfte abgeschlossen, Aufträge abgewickelt, Präsentationen vorbereitet und Reklamationen ausgestritten, da wird zwischendurch auf dem Handy gespielt oder auf dem Laptop eine DVD angeschaut, bis das Telefon läutet und die Kinder, die Freundin oder der Ehemann dran sind. Nach einem Arbeitstag im Büro werden abends daheim noch die unerledigten E-Mails beantwortet, bei manchen Beschäftigten wird der Telefonanschluss der Firma aufs mobile Telefon umgeleitet, und der Server ist auch vom Hotelzimmer oder dem Gratis-WLAN auf dem Flughafen aus zugänglich.
Arbeitnehmerschutzbedenken, die vor mehr als zehn Jahren bezüglich Telearbeit diskutiert wurden, erscheinen angesichts dessen geradezu naiv. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, Beruf und Familie, drinnen und draußen, stationär und mobil sind für eine Reihe von Berufen und Berufstätigen längst verschwommen. Und das ist erst der Anfang.
Am Sonntag in "matrix"
"Telearbeit revisited" lautet der Beitrag von Sonja Bettel und Anna Masoner im Netzkulturmagazin "matrix" am Sonntag um 22.30 Uhr im Radio Ö1.
(futurezone | Sonja Bettel)
