Auftakt zu Prozess gegen Deutsche T
In einem spektakulären Prozess klagen rund 17.000 Aktionäre die Deutsche Telekom AG. Sie werfen ihr vor, beim Börsengang falsche Angaben gemacht zu haben. Die Börsianer sehen den Prozess unterdessen gelassen.
Am Montag hat in Deutschland vor dem Oberlandesgericht [OLG] Frankfurt der Mammutprozess um den dritten Börsengang der Deutschen Telekom AG [DT] begonnen. Rund 17.000 Anleger fordern insgesamt rund 80 Millionen Euro Schadenersatz für ihre Kursverluste.
Zu Beginn des Musterprozesses ist erneut ein Vergleichsversuch gescheitert. Der DT-Anwalt Bernd-Wilhelm Schmitz lehnte erneut entsprechende Vorschläge der Klägeranwälte ab. Das Unternehmen müsse schon im Sinne der rund drei Millionen nicht klagenden Aktionäre so handeln.
Der Gerichtsvorsitzende Christian Dittrich bezeichnete einen umfassenden Vergleich mit allen fast 17.000 Klägern schon wegen der hohen Zahl der Parteien als "schlicht undenkbar".
Wintereinbruch verzögert Prozessbeginn
Der späte Wintereinbruch in Hessen hat den Prozess um den DT-Börsengang verzögert. Dittrich erreichte das eigens angemietete Kongresszentrum in Frankfurt-Bornheim Montagfrüh nicht rechtzeitig.
Nach einer Mitteilung des Gerichts war sein Zug aus Gießen wegen eines umgestürzten Baums stecken geblieben. Der Prozessbeginn wurde um eine Stunde verschoben.
Streit über Angaben der DT
Die Anleger fühlen sich getäuscht, weil die DT ihrer Meinung nach in den Prospekten zu ihren Börsengängen 1999 und 2000 falsche oder unvollständige Angaben gemacht habe, unter anderem zum Wert ihrer Immobilien.
Der Konzern weist das zurück. Um den Mammutprozess zu bewältigen, hat das Gericht zwei Klagen stellvertretend als Musterverfahren ausgewählt. Dieses Vorgehen wurde erst durch ein neues Gesetz möglich.
Bis Ende Mai sind zunächst 17 Verhandlungstage angesetzt. Als Zeugen geladen sind unter anderen die früheren Konzernchefs Ron Sommer und Kai-Uwe Ricke sowie der amtierende Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick.
Börsianer gelassen
Nach Aussage von Börsianern spielt der Auftakt des Mammutprozesses an der Börse keine große Rolle. "Das finanzielle Risiko ist für den Konzern überschaubar", stellte die LBBW fest.
Der gesamte Streitwert liegt bei rund 91,5 Millionen Euro. "Daher sehen wir den Prozess trotz der hohen Publicity" nicht als kurstreibenden Faktor, schreiben die Analysten, die die DT-Aktie zum Kauf empfehlen.
Der Prozess in Zahlen
Der Frankfurter Prozess enttäuschter Kleinanleger gegen die Deutsche Telekom ist eines der größten Wirtschaftsverfahren in Deutschland. Wichtige Fakten und Zahlen:
Die DT hat nach eigenen Angaben bisher 2.770 Klagen von zusammen 17.031 Klägern erhalten. Der Streitwert liege bei 91,5 Millionen Euro.
Davon haben 933 Kläger ihre Klagen im Streitwert von 12,7 Millionen Euro zurückgenommen.
Derzeit stehen hinter der Musterklage 16.098 Kläger in 2.603 Verfahren mit einem Gesamtstreitwert von 78,9 Millionen Euro. Sie werden von rund 800 Anwaltskanzleien vertreten. Den Musterkläger vertritt die Tübinger Kanzlei Tilp.
Dazu kommt später eine unbekannte Zahl Klagen aus den gut 15.000 Güteanträgen, die Anleger bei der Öffentlichen Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle [ÖRA] der Hansestadt Hamburg eingereicht hatten, um der Verjährung ihrer Ansprüche zuvorzukommen.
In der Masse der Fälle geht es um Summen von rund 3.500 Euro, einzelne Anleger haben aber auch mehr als 60.000 Euro verloren, der Musterkläger will sogar 1,2 Millionen Euro erstattet bekommen.
Vor dem Landgericht Frankfurt haben bereits zwei mündliche Verhandlungen stattgefunden, bevor die zentralen Rechtsfragen in zwei Musterklagen dem Oberlandesgericht vorgelegt wurden.
Die deutsche Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger [SdK] schätzt unterdessen die Erfolgschancen der Kläger gering ein. "Es wird sehr schwierig sein, der Telekom nachzuweisen, dass sie tatsächlich die Aktionäre falsch oder ungenügend informiert hat", sagte SdK-Sprecher Lothar Gries dem Hörfunksender MDR Info am Montag.
Sichere Rendite suggeriert
Er warf der DT vor, den Anlegern vorgegaukelt zu haben, dass es sich um eine Volksaktie handle. "Man hatte den Anschein erweckt, es handle sich um eine sichere Anlage. Aber eine Aktie ist nun leider keine sichere Anlage", sagte Gries.
Klägern aus den USA hatte die DT 2005 einen Vergleich angeboten. Aus Sicht der SdK wäre das auch in Deutschland eine Lösung. "Dann kämen die Anleger auch ziemlich zügig zu einer Entschädigung", ergänzte Gries. Da hier aber keine Milliardenstrafen drohten, bevorzuge die DT den Gerichtsprozess. "Für die Telekom ist es günstiger und billiger, jahrelang zu prozessieren, als jetzt zu sagen, wir zahlen den Anlegern pauschal hundert Millionen Euro Abfindung", sagte Gries.
(Reuters | dpa | AFP)
