09.05.2005

GEWAGT

Lenovo-Deal ist Fusion zweier Welten

Für beide Hersteller bedeutet der Deal eine Lösung für seit längerem anstehende Probleme: Während Lenovo stärker auf dem internationalen Markt reüssieren will, wollte IBM schon seit einiger Zeit die nur wenig profitable PC-Sparte abstoßen.

Mit der Marke IBM, die Lenovo laut Vereinbarung die nächsten fünf Jahre nutzen darf, und der starken Marktposition in China ist der "neue" Hersteller für die geplante weltweite Expansion gut aufgestellt.

Lenovo könne auch dem weltweiten Marktführer Dell durchaus gefährlich werden, so die "BusinessWeek" - weniger auf dem US-Markt, wo Dell mit seinem Online-Direktvertrieb unangreifbar scheint, dafür aber auf den Boom-Märkten wie China, Indien und Russland.

Geringe Margen, geringe Kosten

Lenovo und IBM ergänzen einander mit ihren Aktivitäten. Während IBM bis jetzt vor allem den hochpreisigen Unternehmensbereich bediente, setzte Lenovo auf den heimischen Markt für Heim-PCs.

Die geringen Margen konnte Lenovo mit ebenfalls geringen Arbeitskosten wettmachen, die pro Rechner nur drei Dollar betragen. Die operativen Kosten machen weniger als neun Prozent des Umsatzes aus - die Hälfte der durchschnittlichen Kosten in der Branche und fast so viel wie bei Dell.

Mit der Übernahme der kostenintensiveren IBM-Sparte mit dem ausgedehnten Händlernetz und Vertriebskooperationen wird sich diese Verteilung naturgemäß nicht halten können. Dafür verschafft der Handel gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern einen Vorteil, wo die Menschen gerne sehen, was sie kaufen.

Der Hersteller hat zudem angekündigt, verstärkt auf Innovationen zu setzen und sich auch damit, anstatt nur über den Preis, vom Markt abzuheben.

Auslagerung des Managements

Der vorerst größte Stolperstein ist derzeit aber die Zusammenführung der beiden unterschiedlichen [Unternehmens-]Kulturen. So wurden die chinesischen Verhandler bei einem der ersten Treffen nicht vom Flughafen abgeholt - ein Fauxpas in China. Auch Verspätungen werden nicht gerne gesehen, die IBM-Mitarbeiter nehmen es da nicht so genau.

Um die Aufgabe zu meistern, hat sich Lenovo in drei Gruppen gegliedert: eine für PCs für China, eine für Handys für China und eine für den internationalen Markt - die ehemalige IBM-Sparte. Zudem ist ein guter Teil der ehemaligen IBM-Führungsmannschaft zu Lenovo gewechselt.

Stephen Ward, der frühere Chef des PC-Geschäfts von IBM, wurde operativer Chef [CEO] von Lenovo, der frühere CEO Yang Yuanqing Vorsitzender. Lenovo-Gründer Liu Chuanzhi rückte in den Aufsichtsrat. Der Rest des Managements wurde aus beiden Welten besetzt, der neue Firmenhauptsitz wird in der Nähe von IBM in New York sein, die Konzernsprache ist nun Englisch.

Für "BusinessWeek" liegt in der ungewöhnlichen Kombination die Stärke der Firma. Durch die gegenseitige Auslagerung von PC-Geschäft und Management sei eine echte Mischung aus Ost und West, Technik-Ikone und Start-up entstanden.