Umbruch im Heimatschutzsystem
Drei Jahre nach seiner Gründung ist das US-Ministerium für Heimatschutz [Department of Homeland Security] im Umbruch. Mindestens zwölf hochrangige Beamte werden den größten Datenbankverbund der Welt verlassen oder sind schon weg, der neue Minister Michael Chertoff steht nach hundert Tagen im Amt vor der Aufgabe, die drängendsten Probleme zu lösen.
Die Zahl der kritischen Rechnungshofberichte zum US-VISIT-System zur Grenzkontrolle ist mittlerweile Legion. Alle offenen Fragen aber führen letztlich zur Identifikation und damit zu jenem biometrischen "Standard", den die EU für ihre Pässe übernehmen will.
Die beiden Fingerabdrücke, auf die sich auch die EU-Staaten mehr oder weniger einigten, wurden in den USA nicht zum Standard, denn diesen gibt der Betreiber der weltgrößten Fingerabdruck-Datenbank vor, das FBI.
Für jeden genaueren Identitätscheck, ob nämlich eine einreisende Person Straftaten in den USA begangen hat, müssen von dieser Person erst wieder alle zehn Fingerabdrücke genommen werden. Bei seinem Abschied hatte der frühere Minister Tom Ridge, der das Zweifingersystem verantwortet hatte, seiner Beamtenriege noch öffentlich zum Umstieg geraten: "Go for ten."
Unterschiedliche Systeme
Während die Fingerprint-Datenbank des FBI [IAFIS] seit eh und je
zehn Abdrücke verwendet, behilft sich die IDENT-Datenbank des
Heimatschutzes mit deren zwei. Der Umstand, dass die FBI-Prints
durch Aufrollen aller zehn Finger zu Stande kommen, während die
beiden Abdrücke in IDENT von flach aufgelegten Zeigefingern stammen,
macht einen direkten Abgleich technisch unmöglich.
Die Fingerprint-Systeme im VergleichDie Berichte des Rechnungshofs
Die jüngste Kritik kam vom Generalinspektor des Heimatschutzministeriums selbst, der Ineffizienz und Geldverschwendung bei der Absicherung der US-Häfen feststellen musste.
Davor hatte der Rechnungshof im Zweimonatsrhythmus seit Ende 2003 die verschiedensten Mängel aufgedeckt. Der wohl krasseste davon war, dass Tausende Personen eingestellt wurden, die monatelang in Sicherheitszonen von Flughäfen Reisegepäck durchleuchteten, ohne dass diese Personen selbst hinreichend überprüft worden waren.
Das in der Folge von 9/11 gegründete Ministerium für Heimatschutz umfasst sämtliche Zoll- und Grenzbehörden, alle Dienststellen, die mit Immigration zu tun haben, dazu kommen die Agenden eines Verkehrsministeriums europäischer Art. Damit vernetzt wurden Strafverfolger aller Art [Justiz, FBI] sowie die "Intelligence Community" - die zwölf wichtigsten Nachrichtendienstverbände von CIA bis NSA.
Dass sich die Schwierigkeiten der US-Behörden im Umgang mit IT-Großprojekten in letzter Zeit häufen, ist nicht zu übersehen.
Erst Mitte Jänner wurde das neue elektronische Informationssystem [Virtual Case File] des FBI offiziell zu Grabe getragen. Wie so viele Großprojekte war das unvollendete System, dessen Entwicklung 170 Mio. Dollar verschlungen hatte, an seiner eigenen Komplexität gescheitert.
Das FBI-SystemDer Glaube der Börsianer
Die Börsianer wiederum glauben schon länger nicht mehr daran, dass die Biometrieindustrie durch Großaufträge des Staats boomen wird.
Der Kurs des Traditionsunternehmens Identix - einer der Hauptlieferanten von Technologie für das umstrittene US-VISIT-System - fiel von beinahe 40 Dollar auf ein Achtel des Werts und notiert mittlerweile nahe fünf USD.
Biometrie-Reisepässe sind kein Geschäft
