Apples iPod formt User zum Cyborg
Der iPod wird nun auch zunehmend zum Inhalt der wissenschaftlichen Forschung.
Markus Giesler, ein junger Marketingprofessor an der York Universität in Toronto, untersucht derzeit Apples Musik-Player und vor allem seine Konsumenten.
Laut Gieslers ersten Erkenntnissen ist der iPod nicht bloß ein verjüngter Walkman, sondern ein Gerät, dass seine Nutzer durch "Technotransendenz" in Cyborgs verwandelt. Durch die Nutzung von Technik würden die User das Hier und Jetzt verlassen, wie Kinder beim Spielen von Videogames.
Im Gegensatz zum Walkman zapfe der iPod eine "hybride Unterhaltungsmatrix" an, bei der Funktionen wie Random Shuffle ein Schlüsselkonstrukt seien - und nicht bloß ein Marketinggag.
Über eine eigene Website sucht er den Kontakt zu den iPod-Usern, die ihm ihre Geschichten erzählen sollen, die ihrerseits wieder zu einer ethnographischen Studie namens "iPod Therefore iAm" Einzug halten sollen.
iPod-StoriesTeil der eigenen Identität
Der iPod und sein Nutzer würden eine kybernetische Einheit formen, so Giesler. Cyborgs, die bis dato immer nur in Literatur und Theorien auftauchten, sind seiner Ansicht nach als "Cyborg Consumers" bereits Realität.
Ein solcher Cyborg-Konsument zeichne sich dadurch aus, dass er verschiedene Technologien, vom Handy bis hin zu Viagra, verwende und sowohl technisch als auch sozial hochgradig verbunden sei.
Der iPod ansich sei nicht bloß ein MP3-Player, sondern eine Verlängerung des Gehirns und des eigenen Körpers, der neben der Musiksammlung auch Namen, Adressen, Kalender und Notizen speichere.
Die Besitzer würden ihre iPods immer nahe am Körper tragen, so dass die Vibrationen der Festplatte auch ein Gefühl von Lebendigkeit des Gerät vermitteln. Bei einem Verlust wäre auch ein Teil der eigenen Identität verloren, so Giesler.
In einer früheren Studie beschäftigte sich Giesler auch mit Tauschbörsen und konterte den Spruch der Musikindustrie, wonach Musiktausch im Netz gefährlich ist, vehement. Die Gefahr des "Erwischtwerdens" bei illegalen Downloads sei de facto gleich null.
Homo ludens statt homo oeconomicusShuffle-Modus für "Cyborgs"
Die hybride Unterhaltungsmatrix besteht laut Giesler aus einem komplexen Netzwerk aus Dingen wie einem Rechner, dem Internet, Online-Shops für Musik und Tauschbörsen. Alle diese Technologien und Netzwerke würden den User beeinflussen und seine Nutzung offener werden lassen.
Laut Giesler ändert die "hybride Unterhaltungsmatrix" auch die Konsumationsmuster. So sei Random Shuffle, die zufällige Auswahl der abzuspielenden Songs durch das Gerät selbst, eine der Schlüsselkonstrukte der digitalen Unterhaltung _ vergleichbar mit dem Zappen beim Fernsehen.
Laut den ersten Interviews sei der Shuffle-Modus der bevorzugte Weg für die User, sich Zugang zu ihrer Musik zu verschaffen, vor allem wenn sie ihre gesamten Festplatteninhalte tauschen würden. Der Shuffle-Modus verringere die Komplexität der Konsumation - und sei die "Cyborg-Konsumstrategie", so Giesler.
Der britische Wissenschaftler Michael Bull von der Sussex Universität will in diesem Frühjahr ebenfalls eine Studie zum iPod und seinen Usern veröffentlichen.
Michael Bull
