US-Wahl: Keine Nacht der Blogger
Die US-Wahlnacht war vieles. Eine Sternstunde der Weblogger war sie nicht.
Im Versuch, der Erste zu sein, die Stimmung einzufangen und den richtigen Trend vor den ersten Hochrechnungen zu prognostizieren, waren sich viele sehr sicher: Der Demokrat John Kerry gewinnt.
Jeder hatte nach Staaten aufgeschlüsselte Prognosen, wo Kerry oder Präsident George W. Bush führte. Die Quellen für die Prognosen blieben oft im Dunkeln.
Niemand wusste, ob etwa Großmeister des Mediums wie Andrew Sullivan ihre Prognosen nach dem Motto Fernschauen plus "Gefühle" erstellt haben.
Faktum war: Die überwiegende Zahl war sich sicher, Kerry würde gewinnen.
Slate.com als Beispiel für den SchneeballeffektGeschwindigkeit vor Verlässlichkeit
Am Mittwochvormittag [GMT] vergaß man die Prognosenstrickerei. Rasch war Analytisches angesagt oder staatsmännisches Gehabe.
So versuchte mancher, etwa Sullivan, die Kurve zu kratzen: "President Bush is narrowly re-elected. It was a wild day with the biggest black eyes for exit pollsters. I wanted Kerry to win. I believed he'd be more able to unite the country at home, more fiscally conservative, more socially inclusive, and better able to rally the world in a more focused war on terror.
But a slim majority of Americans disagreed. And I'm a big believer in the deep wisdom of the American people. They voted in huge numbers, and they made a judgment. Not a huge and decisive victory by any means. But at least a victory that is unlikely to be challenged. The president and his aides deserve congratulations. And so, I think, does Senator Kerry, whose campaign exceeded the low expectations of many of us."
Wenn man, wie im Zitat, auf die "große Weisheit" des amerikanischen Volkes setzt, so kann man auf eines nicht bauen: die Verlässlichkeit des Medienmachens nach dem Geschwindigkeitsparadigma.
Speed kills - am Ende nämlich den, der sich dem Tempobolzen aussetzt und den wichtigsten Grundsatz im Web gleich mit auslöscht: Vertrauen.
Auch US-Börsen im Sog der Online-Spekulationen
Die Gerüchte über einen Wahlsieg Kerrys haben am Dienstag auch
die US-Börse durcheinander gebracht. Kursverluste waren die Folge.
Mehr dazu in ORF.atFehlprognosen zum Nachlesen
Das Problem mancher Blogs ist mittlerweile ihre enorme Popularität.
So mancher Blogger will nicht mehr nur verlinken, kommentieren und analysieren, sondern hat sich in einen Wettkampf um News-Coverage mit anderen Medien begeben.
Doch gegenüber dem Fernsehen können Blogs nur verlieren, das hat die Wahlnacht gezeigt. Während man so manchen Schnitzer erster Fernsehanalysen rasch vergisst, lassen sich im Blog Fehleinschätzungen eben nachlesen.
