Bild: ORF.at

Bombenbau mit Amazon

04.02.2008

EU-Justizkommissar Franco Frattini und der deutsche Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble bezeichnen das Internet gerne als "virtuelles Trainingscamp für Terroristen". Wir mussten feststellen: Sie haben recht.

Im vergangenen Herbst fielen sowohl der deutsche Bundesinnenminister Schäuble als auch EU-Justizkommissar Frattini mit der Aussage auf, dass das Internet mittlerweile ein "virtuelles Trainingscamp für Terroristen" sei.

Speziell Frattini hatte sich mehrfach für ein EU-weites Verbot von Websites mit Anleitungen zum Bombenbau oder Aufrufen zu Terroranschlägen ausgesprochen, sich aber bisher damit in der Union nicht durchsetzen können.

Anlässlich der Präsentation seiner Pläne für das europäische System zur Fluggastüberwachung am 6. November 2007 musste die Einführung des Verbots für "Terror-Websites" bis auf weiteres verschoben werden.

Nachmittag eines Terror-Fauns

Dabei haben Schäuble und Frattini zumindest mit der Feststellung recht, dass es im Internet jede Menge Material gibt, das man getrost als in jeder Hinsicht explosiv bezeichnen kann.

Bereits eine kurze Recherche des Redakteurs an einem faulen Sonntagnachmittag förderte einen wahren Schatz an Informationen zutage, mit denen sich ein halbwegs talentierter Osama BinGyver schon nach einem kurzen Besuch im Baumarkt ans Werk der Zerstörung machen könnte.

Und nein, Google ist diesmal vollkommen unschuldig, der Rechercheur musste auch nicht in obskuren pakistanischen Datenbanken herumstöbern oder das Internet, in dem bekanntlich jeder ein Hund ist, an seinem "Long Tail" kitzeln.

Bombe im Eimer

Vielmehr reichte es, in die Suchmaske von Amazon.com für den Autor einfach "Department of Defense" einzugeben. Jeff Bezos' kleiner Online-Kramladen verkauft nämlich nicht nur Schulungsliteratur der US-Streitkräfte, er gewährt auch über seinen praktischen "Online-Reader" tiefen Einblick in Werke wie das "Improvised Munitions Handbook - TM 31-210 Department of the Army Technical Manual". "Surprise me!", fordert der Reader seinen Nutzer auf. Wir lassen uns überraschen.

Das Büchlein ist nicht mehr das frischeste, seinen Schmutztitel ziert noch das Siegel des "United States of America War Office", das 1947 dem neu gegründeten Vorläufer des heutigen US-Verteidigungsministeriums Platz machen musste.

Dafür geht es schon auf Seite sieben ordentlich zur Sache, geboten wird ein ausführliches Kochrezept für einen Haushaltssprengstoff aus Vaseline und Kaliumchlorat inklusive einer grafischen Anleitung, wie die Ladung in einem simplen Blecheimer zu verstauen ist. Wem das noch nicht reicht, der kann sich das Büchlein für 17,99 US-Dollar nach Hause liefern lassen. "Add to Shopping Cart?" Aber gerne!

Die amerikanische Kochshow. Man nehme: Eimer, Sprengstoff. Fertig.

Sprengfallen im Einkaufskorb

Doch was hilft der beste Sprengstoff, wenn der Terrorist ihn nicht hochkriegt? In diesem Fall sollte er von Amazons Sonderangebot Gebrauch machen und für 18,99 Dollar noch die Bauanleitung für Sprengfallen dazunehmen.

"Boobytraps Fm5-31" hilft bei der Konstruktion und Platzierung heimtückischer Sprengladungen und stupft außerdem den Wert der Terrorbestellung über 25 Dollar und qualifiziert den Interessenten fürs "Super Saver Shipping". Der kostenbewusste Kommandant greift zu.

Belfast, Nordirland

Er sollte auch noch das "Improvised Munitions Black Book" nehmen, wenn er schon dabei ist, denn dieses ist leider nicht über die "Search Inside"-Funktion von Amazon verfügbar. Dafür wird es in den Kommentaren wärmstens von begeisterten Terror-Trollen empfohlen.

"Gegen dieses Buch stinken das Anarchist Cookbook, das Terrorist Cookbook und die Jolly Roger Cookbooks total ab", schreibt "Ira_Bloke" aus dem Luftkurort Belfast, Nordirland. "Anders als diese ist das Buch hier nämlich von Wissenschaftlern der Regierung zusammengestellt worden, also funktionieren die Rezepte, solange man sich an die Anleitungen hält. Außerdem enthält es zahlreiche Beschreibungen von Techniken, die noch mehr Spaß bieten." 33 von 35 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

Hauslieferung und Kuba-Urlaub

Auch Anleitungen für den korrekten Einsatz und die Ausbildung von Snipern finden sich im Angebot des Verteidigungsministeriums, ebenso ein Kompendium "Unkonventioneller Kriegsgeräte und -techniken" [18,99] und die Anleitung für Guerilla-Kriegsführung [18,99].

In jedes dieser Werke lässt sich praktischerweise hineinschnuppern, sie verströmen dabei den Charme des Kalten Krieges. James Bond könnte gelangweilt in ihnen geblättert haben, während er bei "M" auf die Reparatur des Autoradios in seinem DB5 wartete.

Wer die ganze Department-of-Defense-Serie nimmt, bekommt sie vermutlich von einem freundlichen Platoon Marinesoldaten geliefert, Club-Urlaub in einem reizenden kubanischen Hafenstädtchen inbegriffen.

Die Selbstverständlichkeiten

Müssen Frattini und Schäuble jetzt auch Amazon filtern? Nein. Das "Anarchist Cookbook" geistert schon seit langem durchs Netz und musste des Öfteren als Rechtfertigung für Zensurinitiativen herhalten. Die westliche Welt steht immer noch.

Immerhin illustriert dieser Fall einmal mehr die Probleme, die im Rahmen der durchs Internet verschärften Globalisierung entstehen. Was in der einen Kultur vollkommen normal ist, nämlich Waffen zu tragen und Anleitungen zu deren Herstellung verfügbar zu machen, gilt gleich nebenan als irrsinnig gefährlich und verbotswürdig. Und das trifft nicht nur auf die USA zu, wo so mancher über das Fehlen eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen nicht zu Unrecht den Kopf schüttelt. Was dem einen seine NRA, ist dem anderen sein ADAC.

Ob in einer solchen Situation Verbote und aktionistische Filterinitiativen helfen, sei dahingestellt. Kluge Politiker wissen, dass man besser nicht an Selbstverständlichkeiten rührt - und noch weniger an internationalen Handelsinteressen befreundeter Staaten.

(futurezone | Günter Hack)