Games-Industrie macht Politik
In den USA wollen Videospielefirmen in Zukunft in der Politik eine stärkere Stimme haben und mit Wahlkampfspenden Politiker für ihre Sache "werben". In Österreich setzt der heimische Spieleverband auf Diskussion und Konsens mit allen Parteien.
Der US-Branchenverband Entertainment Software Association [ESA] macht sich bereit, in Washington verstärkte Lobbying-Arbeit für die eigene Sache zu machen und gezielt Gaming-freundliche Politiker zu unterstützen.
Gegenüber der "New York Times" ["NYT"] erklärte ESA-Chef Michael D. Gallagher nun, dass das eigens dafür gegründete Political Action Commitee [PAC] Ende März seine Arbeit aufnehmen wird.
Gezielte Spenden für Politiker
Ab dann sollen gegenüber Videospielen aufgeschlossene US-Politiker auch aktiv mit Wahlkampfspenden unterstützt werden: Zwischen 50.000 und 100.000 Dollar sollen als Unterstützung an nationale Kandidaten fließen, wobei es pro Politiker per Gesetz nicht mehr als 5.000 Dollar sein dürfen.
Das sei zwar eine vergleichsweise kleine Summe, gibt Gallagher zu, doch solche Spenden seien für das politische Geschäft in Washington wichtig. Die Politiker wüssten dadurch, "dass wir hinter ihnen stehen". Es sei ein wichtiger Schritt für die Industrie in ihrem politischen Wachstumsprozess, so Gallagher zur "NYT". Es gehe darum, Politiker zu finden und zu unterstützen, die im Gegenzug der Spieleindustrie helfen könnten.
Mobilisierung der Gamer
Vergleichbare Komitees anderer Gruppierungen, etwa der Film- und Musikindustrie, hätten ähnliche Summen zur Verfügung, so der ESA-Chef.
Neben Geld will der US-Branchenverband auch die Spieler selbst aktivieren, etwa jene rund 100.000 Gamer, die sich beim Video Game Voters Network des Verbands angeschlossen haben.
Diese sprechen sich gegen Anstrengungen aus, Videospiele strikter zu regulieren als vergleichbare Unterhaltungsmedien wie Bücher und Filme.
Videospiele als Sündenbock
Immer wieder flammt nicht nur in den USA eine politische Diskussion über mögliche Verbote von Videospielen auf. Besonders große Aufregung verursachte 2005 ein durch Zufall entdecktes und nur mit Cheat freischaltbares Minispiel im Game "Grand Theft Auto: San Andreas", bei dem eine Kopulation nachgespielt wurde.
Die heutige US-Präsidentschaftswerberin Hillary Clinton forderte in ihrer Rolle als Senatorin damals eine verschärfte Regulierung der Spieleindustrie, stieß damit aber nicht auf genügend Zuspruch. Die Diskussion führte schließlich dazu, dass Publisher Rockstar das Game ohne Minispiel neu herausgeben musste, was viel Geld kostete.
Ein weiteres Rockstar-Spiel, "Manhunt 2", schaffte es zwar trotz seines gewalttätigen Inhalts in die Regale von US-Händlern, in Europa jedoch gibt es so viel politischen Widerstand, dass Rockstar das Spiel hier noch nicht auf den Markt gebracht hat.
Die heimische Diskussion
Auch hierzulande kommt besonders bei der Suche nach den Ursachen jugendlicher Gewalttaten immer wieder die Forderung auf, Videospiele als potenzielle Gewaltauslöser stärker zu regulieren oder ganz zu verbieten - unter anderem in Wien, wo die Stadt-ÖVP Ende 2006 anlässlich des Amoklaufs im deutschen Emsdetten Ego-Shooter wie "Counterstrike" gezielt verbieten wollte.
Mittlerweile scheinen sich die Gemüter wieder beruhigt zu haben, zumindest offiziell. Im September 2007 erklärte der damalige Initiator Franz Ferdinand Wolf, Wiener ÖVP-Landtagsabgeordneter, gemeinsam mit Wiens Jugendstadträtin Grete Laska [SPÖ] die Debatte über ein Spieleverbot für beendet.
Niki Laber, Präsident des knapp ein Jahr alten Österreichischen Verbands für Unterhaltungssoftware [ÖVUS], setzte sich in dieser Zeit aktiv für eine Diskussion zwischen allen Beteiligten ein.
Schließlich konnte man sich in der Politik darauf einigen, das bis dahin freiwillige PEGI-System [Inhaltskennzeichnung für Videospiele] fix in das Wiener Jugendschutzgesetz zu integrieren. Weitere Bundsländer sollen folgen.
"Konsens mit allen Parteien"
Natürlich sei es wichtig, politische Lager zu gewinnen beziehungsweise mit ihnen zu kommunizieren, meinte Laber gegenüber ORF.at - nicht nur aus rein wirtschaftlichen Grünen, sondern auch in gesellschaftspolitischen Fragen, etwa dem Jugendschutz.
Das US-System sei aber so nicht auf die heimische Politik übertragbar. Vielmehr habe der ÖVUS viel auf Aufklärungsarbeit und Diskussionen mit allen interessierten Politikern gesetzt.
"Wir haben das Glück, mit allen Parteien einen gemeinsamen Konsens zu finden", so Laber. Er ist überzeugt, dass es für die Zukunft eine "gute überparteiliche Basis" gibt.
Wie fundiert diese ist, wird sich beim - hoffentlich nicht stattfindenden - nächsten Ausraster eines Jugendlichen zeigen.
Wissenschaftsminister Johannes Hahn [ÖVP] überraschte zuletzt bei der Eröffnung der Wiener "Game City" mit der Aussage: "Verbote sind das Letzte, was wir brauchen können. Wir brauchen Bewusstsein, Verständnis, Auseinandersetzung."
(NYT | Nadja Igler)
