Von Commons und Communities
Was führt und hält digitale Gemeinschaften zusammen, was macht ihren Erfolg aus? Was sind die Voraussetzungen für kollaboratives Handeln? Welche Einfluss haben Weblogs und Online-Communities auf die Politik und die Medienlandschaft? Welche Rolle spielen WLAN-Netze für die Zukunft der digitalen Gemeinschaften? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Experten im Prix Ars Electronica Forum, das sich der neuen Kategorie "Digital Communities" widmete. Unter den Diskutanten waren u.a. Howard Rheingold, Armin Medosch, Michael Eisenriegler und Joichi Ito.
Vor allem die Nutzung von freier Software und einfachen Tools, wie Wikis oder Weblogs fördern das Entstehen und die Verbreitung von digitalen Gemeinschaften.
Joichi Ito bewegt sich in vielen Online-Communities. Der Gründer und CEO der Venture-Capital Firma "neoteny" wurde vom World Economic Forum als einer von 100 "Global Leaders of Tomorrow" auserwählt. In seinem Weblog, das auch einen Chatroom hat , sind stets durchschnittlich 100 Leute online, Freunde aus aller Welt, erzählt der japanische "Starblogger".
Joichi Ito:
"In den letzten zwei Jahren, habe ich mehr Leute aus anderen
Ländern kennengelernt, als vorher mein ganzes Leben lang. Ich habe
Freunde in Kroatien, eigentlich überall. Und ich treffe auch viele,
wenn ich herumreise, das Networking hat also eine ganz reale,
physische Ebene. Das entsteht dadurch, dass man viel Zeit
miteinander verbringt. Ich würde auch sagen, dass jedes Social
Networking-Tool eine andere Art von Verbindung schafft. IRC-Chats
zum Beispiel fördern emotionale Verbindungen, die Leute hängen
gemeinsam herum, du kriegst mit wann sie in der Früh aufstehen und
wann sie schlafen gehen, das fühlt sie so an, als wären sie deine
Mitbewohner. Blogs haben mehr von öffenlichen Diskussionsforen, da
muss man auch mehr aufpassen, was man sagt. Bei Wikis geht es mehr
um die Zusammenarbeit mit anderen, das ist wie, wenn du gemeinsam
einen Garten pflegst. Aber diese Vielfalt und die Möglichkeit
zusammenzukommen, als wäre es in der Nachbarschaft, das ist wirklich
sehr neu. Wann immer es eine Katastrophe gibt, zum Beispiel - 9/11
in New York - jeder setzte sich damals vor die IRC-Channels, um den
New Yorkern zu helfen und ich erinnere mich an einen Mann, dessen
15-jährige Tochter gerade angekommen war und er konnte sie nicht
erreichen. Alle Leute kümmerten sich darum, suchten Infos und
Telefonnummern, da waren sogar Afrikaner dabei, die googelten um den
Mann zu unterstützen. Diese Art von Geschichten schaffen
Zusammenhalt und das war auf globaler Ebene vor dem Web nicht
denkbar."
www.joi.ito.comKultur ist Remix
"Realität und Vision der Digital Commons" war Thema des Prix Ars Electronica Forum IV. Stargast dieser Veranstaltung war Lawrence Lessig, der von den Medien gerne als "Elvis des Cyberspace" bezeichnet wird. Nicht zuletzt wegen seiner Vortragskunst.
Der Rechtsprofessor aus Stanford hält keine langweiligen Power-Pointpräsentationen, er vermittelt die komplexe Copyright-Thematik anhand plastischer Beispiele. Musik und bunte Flash-Animationen untermalen die Geschichte des Songs "My Life", der zunächst als Gitarren-Track unter einer "Creative Commons Lizenz" im Internet kursierte.
Die Violinen-Begleitung stammt von einer 17-Jährigen, die sich das File aus dem Internet holte, es veränderte und dann wieder zum freien Download ins Netz stellte - unter dem Titel "My Life changed". Das ist die Idee von "Creative Commons", bringt es Lawrence Lessig auf den Punkt: Zwei Fremde, die in keinerlei Beziehung zueinander stehen, können ein kreatives Werk schaffen, ohne Anwalt, komplett legal und ohne Copyrightverletzung.
Der amerikanische Verfassungsrechtler gründete an der Stanford University das "Center for Internet and Society". Dort entwickelte er mit Kollegen das alternative Lizenzmodell "Creative Commons". Es soll Kreativen, Musikern, Filmemachern oder Autoren die Möglichkeit einräumen, selbst darüber zu bestimmen, welche Rechte sie an ihren Werken behalten und welche sie abtreten wollen.
Lawrence Lessig im Interview
"Technisch betrachtet, passen die traditionellen
Copyrightregelungen und die "Creative Commons" Lizenz gut zusammen.
Denn wenn jemand ein kreatives Werk schafft, wird es automatisch
durch das Urheberrechtsgesetz geschützt. Wenn das Werk unter eine
Creative Commons Lizenz gestellt wird, ist es urheberrechtlich
geschützt und unter bestimmten Bedingungen frei verwendbar. Ich
behalte mir also einige Rechte vor, und andere Rechte gebe ich frei.
Damit kann ich sicherstellen, dass sich meine Inhalte oder Werke
verbreiten, dass andere Leute sie für ihre kreative Arbeit, ihren
Remix verwenden können. Manche verbieten die kommerzielle Nutzung,
andere gestatten sie. Der Punkt ist, dass wir den Künstlern die
Möglichkeit geben, selbst zu experimentieren, sie selbst haben
Kontrolle darüber, was mit ihrer kreativen Arbeit passiert.
Creative Commons AustriaHeute 22:30 im Ö1-Magazin matrix
Die Ars Electronica fand heuer zum 25. Mal statt, dementsprechend
waren Rückblicke auf die letzten 25 Jahre angesagt und Ausblicke auf
die nächsten 25. Darum und um die Gegenwart, um Netzgemeinden und
digitales Gemeingut geht es in dieser Ausgabe von matrix. Auf dem
Programm stehen Beiträge, die Forum 4 und Forum 5 des Prix Ars
Electronica zusammenfassen sowie ein Rücklick auf das, was seit 1979
in Linz passierte.
matrix zum Download für Ö1-Clubmitglieder
Das war die Ars Electronica 2004
