Soziales Web? O'Really?
Beim Berliner Ableger von Tim O'Reillys Business-Konferenz Web 2.0 Expo hat herbes Billigflieger-Ambiente geherrscht. Das wiederum passte viel zu gut zum Absturz der hehren Ideen vom "Sozialen Web".
900 Euro durften die Konferenzteilnehmer hinblättern, die sich etwas vom Berliner Ableger der vom O'Reilly-Verlag organisierten Web 2.0 Expo erwartet hatten. Spätentschlossene sollten noch einmal 400 Euro drauflegen, um auf der von Montag bis Donnerstag laufenden Veranstaltung von der Weisheit der Soziale-Netzwerke-Gurus naschen zu dürfen.
Stattdessen bekamen die Adepten des Sozialen Webs jede Menge leere Phrasen sowie den Hinweis, früher habe das alles Spaß gemacht. Das dürfe man nicht vergessen.
Wasser, Brot und leere Phrasen
Jetzt gehe es darum, die "kollektive Intelligenz" zu melken. Diejenigen, die vertrauensvoll genug waren, für O'Reillys Spektakel zu bezahlen, bekamen die Konsequenzen dieses Mottos gleich am eigenen Leib zu spüren, denn für sie gab es am Montag nicht mehr als Wasser und, dem Sponsor Nokia sei Dank, am drauffolgenden Tag ein Mittagessen aus der Papiertüte, wie man es von Billigfliegern gewohnt ist. Nur stellen diese ihren Gästen wenigstens einen Sitzplatz und ein Tischchen zur Verfügung.
Vielleicht sollte das Erinnerungen an einfachere Zeiten wachrufen. An jene Zeiten, als O'Reilly noch selbst die Mär verbreitete, dass im Netz jeder ein Freund mit runden Ecken sein könne. In der realen Welt musste man diese Freunde auf seiner Konferenz erst einmal finden - die Teilnehmer wanderten durch lange, unbeschriftete Korridore, um regelmäßig vor verschlossenen Türen zu landen.
Nur Datenbanken sind sozial
Als dumm verkauft werden von O'Reilly nicht nur diejenigen, die tatsächlich für seine Konferenz bezahlten, sondern auch all jene, die unter dem Wörtchen "sozial" noch ein wenig mehr verstehen als bloße Datenaggregierung. Denn darum und um nichts anderes gehe es im "Web 2.0". Wer das nicht verstehe, sei kein Start-up in seinem Sinne, brüllte Zeremonienmeister O'Reilly sein Publikum gleich bei der Eröffnung an.
An seine Marke "Web 2.0", und das war die nächste Erkenntnis, glaubt O'Reilly selbst nicht mehr. Mittlerweile findet er die Formulierung, die Microsoft dafür gefunden hat, besser: Redmond füge jetzt den Namen seiner Produkte einfach das Wort "Live" hinzu. Office Live, Windows Live, Live OneCare.
Gesponserte Leere
Weitergehende Aussagen waren auf der Konferenz kaum zu bekommen und sind auch nicht berichtenswert. Die Inhalte der meisten Vorträge musste jeder halbherzige Beobachter der Szene schon aus dem Netz kennen. Die meisten Vortragenden erkauften sich ihren Bühnenplatz, indem ihre Firmen als Sponsoren auftraten.
Interviews und Nachfragen waren unerwünscht. Auf Anfragen folgten stets Absagen. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass gerade Firmen, die mit dem Wort "sozial" erfolgreich geworden sind, sich jede Nachfrage zu ihren Aktivitäten verbieten. Was zu sagen ist, richtet man über Presseaussendungen aus, über die eigenen Videoplattformen und Blogs. Alles andere wäre wohl Kontrollverlust.
"Touch your neighbour"
So war es dann auch logisch, dass die in der US-Szene leidlich prominente Tech-Bloggerin Kathy Sierra schließlich laut die Frage stellte: "Why are you here?" Eigentlich sollte sie darüber referieren, wie man sich als mehr oder weniger sozialer Netzbetreiber "passionierte" User heranzieht.
Das Publikum reagierte auf ihre Frage recht leidenschaftslos, worauf sie den Anwesenden vorschlug: "Berührt euren Nachbarn." Manchem mag das ja gefallen haben, andere dagegen hätten wohl auf diese Erfahrung gerne verzichtet, genauso wie auf den Rest dieser "Veranstaltung", die im Wesentlichen aus nicht mehr bestand als wiedergekäuten alten Daten, Phrasen und Housekeeping-Rules. Gut sein müssen eben nur die anderen.
(futurezone | Mariann Unterluggauer)
