Großangriff auf Microsoft im Büro
Nachdem sich bis jetzt alle Versuche, Microsoft im Bereich Büroanwendungen nennenswerte Marktanteile abzunehmen, durchwegs als unzulänglich erwiesen hatten, ist nun ein Angriff dreier Großrivalen des Redmonder Konzerns in Gang.
Wie auch die Präsentationen von IBM, Novell und Sun auf den Linuxwochen zeigten, die am Samstag zu Ende gegangen sind, treten drei der ganz großen IT-Rivalen an, um Teile jenes IT-Marktsegments zu erobern, wo Microsoft nicht zuletzt dank der Verbreitung seines Betriebsystems die Maßstäbe gesetzt hat.
Grund genug, um fünf Fragen an Microsoft Österreich zu stellen, die Unternehmensprecher Thomas Lutz beantwortet hat.
Großangriff von IBM und CO
IBM, Novell und Sun investieren große Summen in die schnelle Entwicklung eigener Linux-Desktops für Büroprogramme, die alternativen Standardanwendungen Open Office, Mozilla & Co. werden von Version zu Version deutlich verbessert, wie die jüngsten Releases von SuSe [9.1] und Mandrake [10.0] zeigen. Damit soll die Migration ganzer Unternehmen auf Linux/UNIX-Betriebssysteme vorangetrieben werden, um dem haushohen Marktführer Anteile abzujagen. Wie gut ist Microsoft gegen diesen Großangriff aufgestellt und mit welcher Strategie wird ihm begegnet?
Thomas Lutz:
Ein Desktop beschreibt heute weit mehr als ein rudimentäres Betriebssystem und die Möglichkeit Briefe zu schreiben und Zahlenkolonnen addieren zu können. Bereits jetzt erwartet nicht nur Geschäftskunden sondern auch Konsumenten ein sehr gut integriertes Gesamtsystem, welches sich ad hoc mit zigtausend am Markt befindlichen Geräten verständigen kann und für das es eine breite Auswahl an Fachanwendungen, Branchenlösungen und Multimedia-Programmen zu vernünftigen Preisen gibt.
Dies stellt für die genannten Mitbewerber allesamt eine sehr große Herausforderung dar. Es geht doch nicht einfach nur darum, Unix/Linux auf den PC zu portieren und bereits vorhandene kommerzielle Software möglichst genau nachzuahmen sondern vielmehr darum, ein Geschäftsmodell für weltweit hunderttausende von Softwarepartnern zu ermöglichen, welches erst einen auf Kundenbedürfnisse ausgerichteteten Innovationspfad für die Zukunft möglich macht.
Das Geschäftsmodell von IBM oder SUN ist hingegen nicht auf Software ausgerichtet, sondern auf eine Maximierung von gekoppelten Hardware- und Dienstleistungsumsätzen. Hier sehe ich einen Interessenskonflikt, wenn wir über zukünftige Softwareinnovation sprechen wollen.
Linux-Wertschöpfung in AT
In der "Open Source Experts Group" der östereichischen Wirtschaftskammer wird argumentiert, dass durch den Einsatz freier Software mehr an Wertschöpfung in Österreich verbliebe. Man beruft sich dabei weniger auf die in der Expertengruppe vertreten Großfirmen, als vielmehr auf die österreichtypischen KMUs, die mehr als 90 Prozent der 200 Mitglieder ausmachen.
Thomas Lutz:
Die genannte Gruppe ist ein freiwilliger Zusammenschluss einiger Mitglieder der Wiener Fachgruppe UBIT unter Führung eines Grünpolitikers - und repräsentiert in keinster Weise alle Mitglieder der Fachgruppe oder gar die Wirtschaftskammer als solches. Schon gar nicht die über 600 unabhängigen Softwarehäuser in Österreich, welche ihr Geschäftsmodell auf Basis urheberrechtlich geschützter Software abbilden und damit Tausende von Arbeitsplätzen und volkwirtschaftlicher Wertschöpfung sichern.
Eine aktuelle wissenschaftliche Studie der Universität Klagenfurt zum Softwaremarkt in Österreich weist zudem dem Modell der kommerziellen Software eine weit höhere Wertschöpfung zu. Weiters ist es ein Irrglauben anzunehmen, dass man den Quellcode von Betriebssystemen oder Office Anwendungen überhaupt benötigt, um Individualsoftware oder Dienstleistungen an Kunden anbieten zu können.
Hunderte von KMUs wie Data Systems Austria, Fabasoft, MII AG, ATOS Origin, TechTalk - um nur einige zu nennen - zeigen jeden Tag eindrucksvoll, wie individuell auf Kundenbedürfnisse angepaßte Lösungen auf Basis urheberrechtlich geschützter Softwareentwicklung österreichische Wertschöpfung generieren. Wussten Sie eigentlich, dass selbst über ein Drittel aller weltweiten Open Source Projekte unter Windows laufen?
Studie der Uni KlagenfurtKartellprozess
Während Microsoft im kartellrechtlichen Streit mit der EU stets betont, die Sache bis zum Ende vor Gericht durchfechten zu wollen, agiert man im Umgang mit anderen Firmen aus dem Software-Bereich nun sichtbar anders als bisher.
Der jahrelange, erbitterte Streit mit Sun wurde jüngst mit einer öffentlichen Aussöhnung offiziell beigelegt, eine Auseinandersetzung mit dem kleinen Konkurrenten Opera wurde im Vorfeld durch Zahlungen bereinigt. Auch die Patentklagen eher dubioser Firmen wie Eolas wurden nach Ansicht vieler Beobachter sehr großzügig abgefunden. Positioniert sich das größte Softwarehaus der Welt hier neu in der Business Community?
Thomas Lutz:
Dass Marktführer von Mitbewerbern verklagt werden ist weder neu noch einzigartig. Es kann aber auch in niemandes Interesse liegen, durch Rechtsstreitigkeiten den Markt zu verunsichern. Dies ist speziell in der Auseinandersetzung mit Sun rund um Java geschehen.
Es war daher für uns sehr wichtig im Interesse der gemeinsamen Kunden und Partner diese Unsicherheiten zu beseitigen und das Gemeinsame über das Trennende zu stellen. Der Kunde profitiert in jedem Fall davon. Einerseits wird eine höhere Interoperabilität zwischen den konkurrierenden Technologien entstehen und andererseits bleibt der gesunde Mitbewerb zwischen Sun und Microsoft ja unvermindert bestehen.
Die Entscheidung der EU ist hingegen völlig anders zu sehen. Während wir in den eigentlichen Fragen der Untersuchung weitgehende Einigung erzielt haben, forderte die Kommission Microsoft überraschend auf, der Einhaltung prinzipieller Verhaltensregeln zuzustimmen. Diese Grundsatzregelung sollte alle Fragen in Bezug auf die künftige Integration von innovativen Technologien regeln und hätte somit den Rahmen des eigentlichen Verfahrens gesprengt.
Als Unternehmen, das seit 20 Jahren zu den Marktführern in den Bereichen technologische Innovation und Entwicklung gehört, sind wir der Meinung, dass es weder möglich noch wünschenswert ist, eine einzige Regelung auszugestalten, die auf alle Fragen rund um die Integration von in Zukunft entstehenden Innovationen und Technologien angewendet werden kann. Hier geht es also um die fundamentale Frage wieweit der Staat sich in innovative Märkte einmischen sollte und ob Software-Innovation einer permanenten staatlichen Regulierung unterliegen sollte.
.NET und Java
Initiativen Microsofts in Bezug auf Internet-Standards, plattformübergreifende Initiativen etc. sind in der Vergangenheit vielfach auf Misstrauen unter vielen fortgeschrittenen Usern, der Unix-Welt generell, insbesonders aber in den Open-Source-Communities getroffen. Es gab zwar reichlich Kritik für die Applikation "Passport", doch wurde Microsofts Techno-Policy .NET nicht per se verdammt, sondern - teils überrascht- als Schritt zur Öffnung gegenüber anderen Betriebssystemen angesehen. Sind weitere ähnliche Schritte für die nähere Zukunft zu erwarten, vor allem, was die Kompatibilität mit der Java-Plattform betrifft?
Thomas Lutz:
Die Anwender und EDV-Verantwortlichen werden in Zukunft verstärkt die Unterstützung von offenen Standards als Kaufkriterium voraussetzen. Durch Standards entsteht für jeden Anbieter ein riesiger potentieller Markt. Dieser Punkt wird in den nächsten Jahren nie dagewesene Anforderungen an Unternehmenslösungen stellen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Standardisierung auch der heutigen Innovationsgeschwindigkeit angepasst werden kann und es für die vielfältigen Aufgaben und Funktionen moderner Softwarelösungen auch genügend offene Standards gibt.
Offene Standards sind technische Spezifikationen, welche die Zusammenarbeit zwischen Produkten und Services ermöglichen. Sie sind völlig unabhängig vom Software Entwicklungsmodell, welches für die Implementation des Standards verwendet wird. Dem gegenüber stehen sogenannte de-facto Standards, die sich einfach über Marktmechanismen herausgebildet haben. Ein Beispiel dafür ist JAVA, welches definitiv kein offener Standard ist, da es fest in der Hand des Herstellers bleibt, der entscheidet, wie und ob es damit weitergeht.
Das Microsoft .NET Framework ist hingegen ein echter offener Standard, da es bereits ein anerkannter ECMA Standard geworden ist. Damit ist die Implementation des Standards unter Windows und FreeBSD Lizenz verfügbar. Der Zugriff auf den Quellcode ist unter den Bestimmungen des Shared Source Programmes (siehe www.microsoft.com/sharedsource) möglich. Es gibt heute keinen einzigen offenen Standard, der nicht auch von Microsoft Windows, Serverprodukten oder .NET Services unterstützt wird.
Desktopmarkt bis 2010
Wie hoch sind die aktuellen Anteile Microsofts am Desktopmarkt und wie werden Sie sich weiter entwickeln? Wagen Sie eine Prognose für die weltweiten Marktanteile in den Jahren bis 2010?
Thomas Lutz
Internationalen Marktbeobachtern zufolge setzen neun von zehn Anwendern bei Ihrer Wahl auf die marktführende Microsoft-Software. Dieses Vertrauen gilt es jedoch stets aufs Neue zu verdienen, denn der Mitbewerb schläft nicht und Millionen von Kunden entscheiden sich jedes Jahr aufs Neue für das System ihrer Wahl.
Auch im Jahr 2010 wird derjenige gewonnen haben, der sich am besten auf die stark in Wandlung befindlichen Kundenbedürfnisse eingestellt hat. Dabei geht es nicht nur um das beste Preis-/Leistungsverhältnis sondern vor allem um bessere Produktivität und Effizienz der Menschen, die damit arbeiten. Die Grenzen zwischen den Anwendungen werden mehr und mehr verschwinden und innovative XML Webservices werden Menschen, Daten und Geschäftsprozesse so verbinden, dass die Zusammenarbeit und Mobilität moderner Arbeitsgruppen bestmöglich unterstützt wird.
Das Microsoft Office System war bereits der erste Schritt hin zum teamorientierten Desktop der Zukunft, mit dem neuen Live Communications Server folgt die integrierte Videokonferenz und in weiteren Versionen werden wir die Integration von Sprache und Handschrift auf einem noch nie dagewesenen Niveau erleben.
