20.02.2004

ONLINE

Iranische Blogs gegen staatliche Zensur

Junge Iraner haben einen Weg entdeckt, die staatliche Medienkontrolle zu umgehen: Sie tauschen sich in Weblogs aus.

Mehr als die Hälfte der 65 Millionen iranischen Einwohner ist unter 25 Jahre alt. Billige Computer aus Fernost, Tausende Internet-Cafes und eine frische Generation an Internet-Unternehmen hat dazu geführt, dass mittlerweile mehr als zwei Millionen Iraner online sind. Bis zum Jahr 2006 soll sich diese Zahl auf 15 Millionen versiebenfachen.

In Weblogs hat die "Internet-Generation" ein Paralleluniversum zum zensierten Gedankenaustausch aufgebaut. "Wir haben eine Stimme in einem Land, in dem es sehr schwer ist, gehört zu werden", umschreibt es "Lady Sun", eine iranische Bloggerin, die unter ladysun.net ihr Weblog betreibt.

Neben der Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung - fern von staatlicher Medienkontrolle - bieten die Weblogs "Asylfunktion" - halb Salon, halb Therapeutencouch.

Lasche Internet-Kontrolle

Regierungsmitglieder behaupten zwar immer noch, es würden nur pornografische Seiten der Zensur zum Opfer fallen, doch zuletzt sperrten regierungsnahe Provider auch etliche Weblogs.

Findige Netzuser umgehen diese Zensurversuche, indem sie auf Weblog-Server im Ausland ausweichen und mehrere Proxy-Stationen nutzen, um eine Rückverfolgung zu erschweren.

Im Gegensatz zu Saudi-Arabien, China und dem Irak wurde im Iran das Internet überraschend lasch kontrolliert. Selbst zu Zeiten, als der Besitz von Satellitenschüsseln geahndet wurde, konnten sich regierungskritische Internet-User ziemlich sicher fühlen.

Der Blog-Boom hob im Jahr 2001 ab, als ein iranischer Emigrant einen einfachen Weg entdeckte, das freie Blog-Service Blogger.com in Persisch zu nutzen. Die populärsten Blogs werden von innerhalb des Iran bespielt - die empfundene Anonymität des Internets lässt die Hemmungen fallen. Die jungen Blogleser machen ihrem Ärger Luft, flirten und erzählen Witze. Manche posten Satire oder manipulierte Satirefotos - wie etwa das Staatsoberhaupt im westlichen Anzug statt seines üblichen Turbans und langen Gewands.

Die Popularität von Blogs hat derart zugenommen, dass sogar die Regierungsetage davon erfasst wird. So hat der iranische Vizepräsident ein eigenes Weblog. Obwohl weit davon entfernt, regierungskritisch zu sein, postet er des Öfteren seine Gedanken zu aktuellen Themen und wartet auf Feedback, das später per E-Mail eintrudelt.