Sicherheit für Junkies
Mit "Spook Country" hat William Gibson einen schwerelos präzisen Roman über das Lebensgefühl in den Vereinigten Staaten vorgelegt. In seiner neuen Welt ist niemand mehr frei, jeder ein abhängiger Agent.
In einer Welt, in der auch brave Staatssekretäre Szenarien erfinden wie Jerry Bruckheimer und von Terroristen in vollbesetzte Fußballstadien gesteuerte Passagierflugzeuge wie selbstverständlich zum Alltag des politischen Diskurses gehören, ist es schwer geworden, ein gutes Buch über das Leben von Agenten zu schreiben.
Der Ansatz
Denn die Versuchung für Autoren ist groß, die Scripts der Präventivpolitik einfach in leere Drehbuch-Templates umzuheben und gesichtslose Agenten der Technokratie mit allen Werkzeugen der Macht auf die Jagd nach ideologisch und religiös überdefinierten Feinden zu schicken. Der Boom der Folter- und Forensik-Fernsehserien funktioniert vortrefflich als Begleitspektakel zur Auslöschung der Freiheitsrechte.
Instinktsicher verzichtet William Gibson daher in seinem achten Roman "Spook Country" ["Land der Agenten"] auf die technischen Gimmicks, die sein Frühwerk charakterisiert haben. Diente die Technik in der berühmten "Neuromancer"-Trilogie noch dazu, eine neue Welt zu begründen - den Cyberspace - so vermag sie in "Spook Country" bestenfalls noch, versteckte Straßenkunst sichtbar zu machen.
Gibson glaubt nicht mehr an Ausnahmen von der Regel, nicht einmal mehr an temporäre autonome Zonen wie die von Ausgestoßenen bewohnte Golden Gate Bridge aus "Virtual Light". Sein Gespür als Beobachter der Zeit hat ihm verraten, dass unter den gegebenen Umständen jede Form dargebotener Parallelwelten unglaubwürdig wirken müsste. Deshalb opfert Gibson seine Tradition, die große Erzählung der virtuellen Realität. Und deshalb ist "Spook Country" ein präzises Zeitdokument, ein wichtiges und gutes Buch.
Die Menschen
Wie immer arbeitet Gibson auf drei Ebenen, die er gegen Ende ineinanderflicht. Seine zentrale Akteurin ist diesmal Hollis Henry, ehemalige Sängerin der Indie-Band "The Curfew", die sich vom Verliererjob Indie-Rockerin auf den Verliererjob Journalistin verlagert hat und damit in Vollendung vorführt, dass die Helden der Massenkultur von gestern die ersten Verlierer der neuen Agentenära sind.
Auf diese perfekt vorbereitet ist hingegen Tito, Sprössling einer chinesisch-kubanischen Familienorganisation von Spionen, deren Vorfahren schon vom KGB aufs Überleben im Spitzelstaat trainiert wurden und den neuen USA gespenstisch gut angepasst sind. Tito arbeitet als Kurier für einen Auftraggeber, den er nicht kennt.
Und schließlich wäre da Milgrim, die beunruhigendste Figur des Romans. Milgrim ist ein New Yorker Junkie, abhängig von Benzodiazepinen, besonders wirksamen Tranquilizern. Er ist die Geisel des Agenten Brown, der den Kurier Tito fangen will. Brown versorgt Milgrim mit dem japanischen Beruhigungsmittel Rize, dafür entziffert dieser für ihn den Code, mit dem Titos Familie sich verständigt.
Hollis, Tito und Milgrim sind keine Bürger mehr, sie sind Agenten, körperlich, strukturell und ökonomisch abhängig von ihren Auftraggebern.
Das Gerät
Alle drei jagen, wie gewohnt, einem MacGuffin hinterher. Diesmal ist es ein ominöser Container, der sich permanent auf See befindet. Gibson ist mutig und arbeitet bis zum Schluss gegen seinen Plot. Das wahre Geschehen spielt sich in den Zwischenräumen der Erzählstränge ab.
Das Böse
In Kapitel 16 beschreibt Gibson Milgrims Verhältnis zu seinem Entführer Brown, der ihn wiederholt schwer demütigt, während Milgrim sich in seiner Sucht nach chemisch induzierter Sicherheit alles von ihm gefallen lassen muss. "Was", denkt sich Milgrim dann, "wenn Brown in Wirklichkeit gar kein Agent der Regierung ist." Und schließlich: "Was, wenn Brown nur ein Arschloch mit einer Waffe ist?"
Der Agent Brown ist aber selbst verloren, jede seiner Aktionen scheitert, er umgibt sich mit unfähigen Ex-Söldnern der Firma Blackwater. Er ist nichts gegen den sympathischen Superschurken, den "Spook Country" von seinem Vorgängerbuch "Pattern Recognition" geerbt hat: Hubertus Bigend, den belgischen Boss der internationalen Werbeagentur "Blue Ant". Bigend ist ein klassischer Svengali, seine Persönlichkeit hängt faul zwischen den Polen "Malcolm McLaren", "Tyler Brule" und "gelangweilter Faun".
Das Ziel
Auch Bigend nutzt Menschen als Agenten, als Werkzeuge. Gibson, der früher hauptsächlich über traditionelle Cracker geschrieben hat, die teure Informationen mit Hilfe obskurer Exploits aus Datenbanken mächtiger Konzerne extrahieren, hat sich darauf verlegt, "social hacking" zu beschreiben. So bringt Bigend Hollis in Position, damit sie für ihn Informationen aus Männern extrahiert, die früher Fans ihrer Band waren.
Bigend spielt immer über die Bande und versenkt seine Ziele jedesmal. In einem einzigen Nebensatz erfährt man, dass er den MacGuffin von "Pattern Recognition" flugs in ein System für virale Werbung umgewandelt hat. Bigend ist der Kollateralprofiteur des Abenteuers. Seine Mutter, schreibt Gibson, hatte Verbindungen zur revolutionären Künstlergruppe der Situationisten.
"Spook Country" ist voll von Hinweisen auf den Situationismus und dessen Praktiken, die als mentale Waffen gegen den Kapitalismus entworfen worden sind. Gibson beschreibt Bigend als Mitglied einer herrschenden Klasse von Salon-Situationisten, die alle Taktiken der Befreiung wenden und als System zur Bewirtschaftung der Massen neu erfinden.
Aber sogar Bigends Welt hat an Glamour eingebüßt. Beschrieb Gibson in seinen früheren Büchern stets, wie Underdogs des Medienproletariats von exzentrischen Konzernchefs aus ihrem dunklen Dasein erlöst und in die lebenswerte Sphäre des Reichtums emporgehoben wurden, fährt auch der leibhaftige Hubertus nur noch in Ausnahmefällen Maybach, häufiger aber Phaeton ("weil der von weitem aussieht wie ein Passat") und nimmt Cocktails in Bars, die gerade eben aus der Mode gekommen sind. Im Land der Agenten haben es nur noch die gut, die es verstehen, unsichtbar zu bleiben. Ein Ziel, das Bigend nur noch anstreben, aber niemals verwirklichen kann.
Das Ende
Die Wege der Protagonisten vereinen sich schließlich in Kanada, jenem Land, in dem schon der junge US-Bürger Gibson Zuflucht gesucht hatte, um nicht zum Vietnamkrieg eingezogen zu werden.
Die Agenten der verschiedenen Parteien mögen sich damit vielleicht außerhalb der Vereinigten Staaten befinden, "Spook Country" aber, das macht Gibson immer wieder klar, ist vollkommen entgrenzt. Es ist ein Zustand der Angst, eingepflanzt in die Herzen der Menschen und nun auch ins literarische Gedächtnis des 21. Jahrhunderts.
"Spook Country" ist in englischer Sprache bei Putnam erschienen und kostet circa 20 Euro.
(futurezone | Günter Hack)
