Einseitige Diskussion über Netzneutralität
In der Wirtschaftskammer Österreich hat am Donnerstag in Kooperation mit dem Hayek-Institut eine Konferenz zum Thema Netzneutralität stattgefunden. Dabei wurde einmal mehr klar, wie unterschiedlich der freie Zugang zum Internet interpretiert werden kann.
Die Attraktivität des Internets liegt in der Vielfalt der Inhalte, die von jedem Rechner weltweit abgerufen werden können. Doch immer öfter spielen Provider mit dem Gedanken, von YouTube & Co eine Art Maut für die Datenübertragung zu verlangen oder die Ausfahrt zum Kunden zu blockieren.
Laut Barbara Kolm-Lamprechter, Generalsekretärin des wirtschaftsliberalen Hayek-Instituts, sei die Debatte in Europa erst am Aufflammen, während sie sich in den USA bereits wieder beruhigt habe. Die Veranstaltung sollte ein Bewusstsein für das Thema schaffen und Lösungsansätze aufzeigen. Dass der Begriff der Netzneutralität sehr unterschiedlich interpretiert werden kann, kam beim Panel mit dem Titel "Best Practises - which way to go" zum Ausdruck.
AT&T gegen "extreme" Sichtweisen
In welche Richtung man sich bewegen sollte, wurde dabei fast ausschließlich aus Sicht der Telekom-Anbieter diskutiert: Dorothy Attwood, Senior Vice President of Regulatory Planning and Policy beim US-Telekom-Riesen AT&T, erklärte, dass sich der Backbone-Traffic alle zwölf bis 15 Monate verdopple und das Unternehmen Milliarden Dollar in seine Netzwerke investiere.
Mittlerweile reiche es aber nicht mehr aus, einfach alles größer zu machen. Für die zukünftige Datenflut ["Exaflood"], die laut Attwood Exabytes [eine Trillion Bytes] erreichen wird, müssten die Netzwerke smarter werden. In Sachen Netzneutralität gebe es zwei Sichtweisen, von denen ihr die "extreme" sehr missfalle. Gut sei hingegen der Ansatz, der dem Kunden die größte Freiheit und offenen Zugang biete.
In Österreich hatte unlängst Telekom-Austria-Vorstand Rudolf Fischer die Diskussion über die Netzneutralität in seinem Weblog aufgegriffen.
Priorisierung als altes Konzpt
Auch Chris Boam, Leiter der Public Policy und Regulatory Affairs beim US-Anbieter Verizon, sprach sich indirekt für ein Maut-Geschäftsmodell aus. Das Konzept der Priorisierung von Inhalten habe es schon in den Anfängen des Internets gegeben. Netzneutralität sei wichtig, muss aber laut Boam keineswegs reguliert oder gesetzlich festgeschrieben werden. Ein solcher Eingriff bedrohe die Weiterentwicklung und Innovation des Webs.
Genug Wettbewerb oder nicht?
Helmut Leopold von der Telekom Austria betonte, dass der Ex-Monopolist in den letzten Jahren 1,5 Mrd. Euro in die Infrastruktur investiert habe und dass in Österreich mittlerweile sehr wohl Wettbewerb herrsche. Kurt Einzinger, Generalsekretär des Provider-Verbands ISPA, mochte ihm da nicht zustimmen. Die ganze Diskussion über Netzneutralität entstehe überhaupt nur aus einem Mangel an Wettbewerb heraus, so Einzinger.
Eine "Schnellspur" für den Datenhighway
Karl Pachner, designierter Geschäftsführer von ORF Online, kritisierte den Ansatz, Contentanbieter zur Kasse zu bitten. Das sei, als ob man Maut von einem Autohersteller verlangen würde. Der Konsument solle selber entscheiden, was ihm der Content wert sei, anstatt indirekt dafür zu bezahlen. Attwood sprach sich für das Modell der "Schnellspur" für Nutzer aus, die "Staus" vermeiden wollen. Das richtige Modell müsse sich aber erst weisen.
Ob man jedoch noch von Neutralität sprechen kann, wenn man auf die teurere "Schnellspur" gezwungen wird, weil auf der normalen Straße Dauerstau herrscht, ist fraglich.
WWW-"Urvater" Tim Berners-Lee warnt vor derlei Auswüchsen. Wenn ein Anbieter von Video-Downloads dafür bezahlen würde, dass er Zugang zu bestimmten Kunden eines bestimmten Kabelnetzbetreibers bekommt, würde das Internet als solches aufhören zu existieren, so Berners-Lee.
(futurezone | Nayla Haddad)
