"Klimaschutz-Unterricht mit Exxon"
Das Bildungsministerium weist Kritik an der Schulinitiative "Ideen sind etwas wert" der Musik- und Filmwirtschaft zurück. Der Verband der österreichischen Musikwirtschaft will das Lehrmaterial nun ergänzen.
Der Vorwurf der tendenziösen Information und des Vertretens von Lobbyisten-Standpunkten im Zusammenhang mit dem Schulpaket "Ideen sind etwas wert" der österreichischen Musik- und Filmwirtschaft [IFPI] sei nicht nachvollziehbar, teilte das Bildungsministerium [BMBWK] in Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage am vergangenen Freitag mit.
Das Angebot, heißt es in der Stellungnahme weiter, "könne durchaus als vorbildlich angesehen werden". "Nicht zuletzt ergab sich auch die sachliche Richtigkeit durch die an den Materialien mitwirkenden Verfasser/innen, zu denen namhafte Jurist/innen aus der 'Copyright-Branche' zählen", heißt es in dem Papier.
Unterrichtsmaterial
Das BMBWK habe die Initiative nicht finanziell, sondern nur beratend unterstützt. So wurde etwa Know-how zum inhaltlichen Aufbau bereitgestellt. Die Unterlagen seien Hilfsmittel im Unterricht und würden deshalb auch als Unterrichtsmittel gelten. Die Verwendung im Unterricht sei jedoch nicht verpflichtend, steht in der Anfragebeantwortung durch das Bildungsministerium zu lesen. In der vom BMBWK herausgegebenen Zeitschrift "Medienimpulse" wurde darüber hinaus laut Ministerium auf die Bezugsmöglichkeiten der Materialien durch Beilage eines Bestellformulars hingewiesen.
Parlamentarische Anfrage
Auslöser für die Stellungnahme des Unterrichtsministeriums war eine im vergangenen November eingebrachte parlamentarische Anfrage des Nationalratsabgeordneten Gerhard Steier [SPÖ] an die damalige Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer [ÖVP].
Darin wollte Steier von Gehrer unter anderem wissen, wie sie zur Kritik, "dass in den Materialien tendenziöse Informationen und Lobbyisten-Standpunkte transportiert werden bzw. ganz wesentliche Informationen fehlen", stehe.
Die Antwort des Bildungsministeriums auf die parlamentarische Anfrage Steiers liegt ORF.at vor und dürfte auch bald auf der Website des Parlaments erscheinen.
Steier bezog sich in seiner Anfrage auch auf einen im vergangenen September in futurezone.ORF.at veröffentlichten Artikel, in dem darauf hingewiesen wurde, dass die seinerzeit von der Initiative angebotenen Lehrmaterialien einseitige Informationen zum Thema Digital Rights Management [DRM] und Online-Tauschbörsen enthalten und wesentliche Informationen zum Urheberrecht im digitalen Zeitalter, wie etwa ein Hinweis auf die Internet-Urheberrechtsinitiative Creative Commons, fehlten.
"Partiell einseitige Informationen"
"So wichtig es ist, dem Thema geistiges Eigentum und Urheberrecht an den Schulen mehr Bedeutung beizumessen - diese Initiative der Musik- und Filmindustrie wird sich auch weiterhin den Vorwurf gefallen lassen müssen, partiell einseitig zu informieren", sagte Steier gegenüber futurezone.ORF.at in einer Reaktion auf die Beantwortung seiner Anfrage durch das Bildungsministerium.
Das BMBWK wurde mit Antritt der neuen rot-schwarzen Koalition in ein Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur sowie ein Ministerium für Wissenschaft und Forschung aufgeteilt. Das für die Anfrage zuständige Unterrichtsministerium steht heute unter der Leitung der SPÖ-Politikerin Claudia Schmied. Sie war es auch, die die Anfrage an ihre Vorgängerin von der ÖVP beantworten musste.
IFPI will Lehrmaterial ergänzen
Im Rahmen eines Gesprächs hätten ihm jedoch die Initiatoren der Aktion, die IFPI, zugesagt, die Unterlagen in der nächsten Auflage um einige fehlende Bereiche - wie die Problematik von Kopierschutzsystemen und Hinweise auf Creative Commons - zu ergänzen, teilte Steier mit.
Ausgleichsversuche und Weiterentwicklung
Auf Anfrage von ORF.at bestätigte Franz Medwenitsch, Geschäftsführer der IFPI Austria, dass sein Verband weiter an den Unterlagen für "Ideen sind etwas wert" arbeite: "Die Bildungsmaterialien werden laufend weiterentwickelt und durch neue Inhalte ergänzt. Bereits jetzt finden sich auf der Website Ideensindetwaswert.at Links zu Creative Commons und zu weiteren Initiativen zum Thema geistiges Eigentum."
Erweiterung um Creative Commons
Medwenitsch und Steier hätten sich nach Eingabe der parlamentarischen Anfrage getroffen. "In einem persönlichen Gespräch zwischen dem Initiator der parlamentarischen Anfrage und Vertretern der österreichischen Musik- und Filmwirtschaft konnten Kritikpunkte geklärt und Missverständnisse ausgeräumt werden", sagt Medwenitsch. "So setzt etwa auch das Creative-Commons-Modell den Schutz des geistigen Eigentums voraus, denn erst dann kann der Urheber entscheiden, wie und in welchem Umfang sein Werk genutzt wird – genau das ist aber auch eine der Kernaussagen von 'Ideen sind etwas wert'."
Letztere Passage über die Creative Commons findet sich beinahe im Wortlaut auch in der Antwort des BMBWK auf Steiers Anfrage. Insgesamt sieht der IFPI-Geschäftsführer die gemeinsame Aktion mit dem Unterrichtsministerium als Erfolg. "Erfreulicherweise ist das Interesse an der Unterrichtsmappe weiterhin sehr groß", sagt Medwenitsch. "Von der zweiten, um das Segment Filmwirtschaft erweiterten Auflage gingen bereits 1.700 Mappen an österreichische Schulen, die Gesamtzahl der Bestellungen liegt bei 4.700 Mappen."
Weiterhin Meinungsunterschiede
Steier sprach gegenüber ORF.at auch die grundsätzliche Problematik an, die von Interessenverbänden gestaltete Lehrmaterialien mit sich bringen. "Verständlicherweise verfolgen Lobbyisten mit solchen Aktionen immer Eigeninteressen", sagte Steier.
Unterrichtmaterial für die Schule sollte aber von unabhängigen Gremien gestaltet werden, forderte Steier, denn "sonst könnte ja künftig Exxon Unterrichtsmaterial über Klima- oder Umweltschutz verfassen". So ganz scheinen die Meinungsunterschiede zwischen Politik und Industrie doch noch nicht ausgeräumt zu sein.
(futurezone | Patrick Dax | Günter Hack)
