Bericht: Bisher keine Netzsperre im Iran
Traffic-Analyse zeigt: Leitungen instabil, aber offen
Seit Beginn der Unruhen nach der iranischen Präsidentschaftswahl hat es wiederholt Berichte gegeben, denen zufolge die Regierung den Internet-Zugang des Landes gekappt haben soll.
Jim Cowie, Cheftechniker des auf Netzwerkanalysen spezialisierten US-Beratungsunternehmens Renesys, analysierte seit Montag den Datenverkehr in und aus dem Iran. Er kommt zu dem Schluss, dass die Regierung aufgrund der ohnehin fragilen Verbindung des Landes zum Internet diese hätte kappen können, es aber nicht getan hat.
Leitungen verstopft, aber intakt
"Bis auf einen kurzen Ausfall am Wochenende hat das Routing in und aus dem Iran heraus grundsätzlich funktioniert", schreibt Cowie im Online-Magazin CircleID, "wenngleich die Leitungen verstopft und instabil waren." Das meiste davon sei aber wohl darauf zurückzuführen, dass sich alle Welt plötzlich für den Iran interessiere und teilweise auch Denial-of-Service-Angriffe auf dortige Websites am Laufen seien.
Alle Leitungen der sechs internationalen Kommunikationskonzerne in den Iran seien weiter im Kontakt mit den von der Regierung kontrollierten Netzwerk-Übergabestellen. Hinter den Übergabepunkten könne die iranische Regierung jedoch einzelne Websites wie Facebook blockieren und Inhalte filtern. Das Netz insgesamt funktioniere jedoch, so Cowie. "Die Leitungen sind offen, und die Daten fließen", so der Netzwerkexperte, der drei verschiedene Ansätze dazu anbietet, warum die iranische Regierung den Zugang bisher nicht kappte.
Erklärungsansätze
Die zynische Erklärung dafür sei, dass die Regierung das Netz intakt lasse, um Dissidenten leichter aufspüren und erledigen zu können. Die optimistische hingegen sei, dass die Regierung trotz allem erkannt habe, dass ihre Wirtschaft auf das Internet angewiesen sei und ein Abschalten daher zu starke negative Auswirkungen zeitige. Der realistische Ansatz bestehe dagegen darin, zu glauben, dass die Regierung schlicht andere Dinge zu tun habe, als sich um das Internet zu kümmern. Weiterhin würden die meisten Regierungen schlicht nicht genug vom Internet verstehen, um es effektiv abschalten zu können.
