Im Wissensgebirge Österreichs

29.11.2006

Das österreichische Projekt IDIOM möchte mit Hilfe neuer Visualisierungstechnologien und virtueller Globen neue Zugänge zu Informationen eröffnen. Dabei werden auch Bürgermedien wie Blogs und Wikis verstärkt beobachtet.

Das Akronym IDIOM steht für Information Diffusion Across Interactive Online Media. Im Rahmen des Projekts, an dem die TU Graz und die WU Wien beteiligt sind, sollen unter anderem neue Benutzerschnittstellen zur Medienbeobachtung entwickelt werden, mit denen etwa Dokumente ihren geografischen Bezugspunkten auf dem virtuellen Globus NASA World Wind zugeordnet oder ganz neue "Wissenslandkarten" erstellt werden können. ORF.at sprach mit Arno Scharl, dem Leiter des Projekts, das am Montag offiziell gestartet ist.

Der Wirtschaftsinformatiker Scharl lehrt Neue Medien und Wissensmanagement an der TU Graz. Er koordiniert die Arbeit an IDIOM, die in Graz und der WU Wien in den kommenden zwei Jahren ausgeführt wird. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie gefördert und von zahlreichen Industriepartnern aus der österreichischen IT-Branche unterstützt.

ORF.at: Herr Scharl, was soll IDIOM eigentlich leisten?

Scharl: Der Großteil der geplanten Werkzeuge soll die duale Rolle von Internet-Nutzern als Konsumenten und Produzenten von Informationen im Zuge virtueller Zusammenarbeit optimal unterstützen.

Geografische Systeme a la Google Earth oder NASA World Wind eignen sich dazu hervorragend. Sie können nicht nur benutzt werden, um natürliche Vorgänge wie Wirbelstürme und menschliches Verhalten - etwa im Straßenverkehr - abzubilden, sondern auch, um Dokumente geographisch zu positionieren und statistisches Material zu veranschaulichen.

Schließlich möchte IDIOM diese Plattformen "zweckentfremden", um Wissenslandskarten anzubieten - die Konturen dieser Karten haben nichts mit realen Landschaften zu tun, sondern entstehen aus der Analyse einer großen Anzahl von Web-Dokumenten.

Dominierende Themen werden dabei als Berg beziehungsweise Gebirgsmassiv dargestellt, während sich Randthemen in den Täler der Landschaft wiederfinden. "Wetterkarten" für diese Wissenslandschaften können in späterer Folge von Informationsanbietern dazu genutzt werden, das Benutzerverhalten zu analysieren.

Was unterscheidet IDIOM von anderen Suchmaschinen und Info-Aggregatoren?

Im Vergleich zu anderen Suchmaschinen wie Google basiert IDIOM auf semantischen Technologien. Das heißt: Es wird auch die Bedeutung einer Information analysiert. So wird beispielsweise nicht nur gemessen, wie häufig über gewisse Themen berichtet wird, sondern auch, ob diese Berichterstattung positiv oder negativ besetzt ist. Diese Funktionalität haben wir beispielsweise im Rahmen des US Election 2004 Web Monitor demonstriert.

Weiters basieren die IDIOM-Werkzeuge auf Ontologien - formale, für Computer lesbare Beschreibungen von Konzepten und deren Beziehungen in einer Anwendungsdomäne. Eine der Besonderheiten von IDIOM besteht darin, dass diese Konzepte und Beziehungen automatisiert aus den archivierten Web-Dokumenten extrahiert werden.

Welche Quellen dienen als Grundlage für Ihre Analysen?

Zurzeit umfasst die Stichprobe etwa 7.500 Websites, die in wöchentlichen oder monatlichen Intervallen archiviert werden. Das sind, unter anderem, etwa 170 angloamerikanische Medien, die meisten deutschsprachigen Medien, die Fortune 500 und Fortune Global 500, die australischen Top-500-Unternehmen, 50 Non-Profit-Organisationen aus dem Umweltbereich und noch einige mehr.

Auch der komplette Inhalt von Wikipedia wird genutzt, etwa für die Erweiterung der oben beschriebenen Ontologien.

Welche Rollen spielen traditionelle Medien und Bürgermedien wie Blogs und Wikis in Ihrem Projekt?

Im Rahmen von IDIOM soll die oben angeführte Stichprobe nochmals deutlich erweitert werden. RSS-Feeds und Bürgermedien wie Blogs und Wikis werden verstärkt eingebunden, um die Charakteristika dieser Medien miteinander zu vergleichen, Meinungsbildner zu identifizieren und schließlich Empfehlungen abgeben zu können, wo Inhalte optimalerweise platziert werden sollten [etwa um eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen oder um die interindividuelle Weiterleitung von Information zu unterstützen].

Durch die Unterstützungserklärungen der NASA Ames Research Labs [mehr als 20 Mio. Downloads des Geo-Browsers World Wind], des Climateprediction.net-Projekts der University of Oxford [mehr als 50.000 aktive Nutzer] sowie des Worldwide Fund for Nature [50.000 Nutzer des "Panda Passport"] sowie durch die Beteiligung der Österreich Werbung sind wir zuversichtlich, die notwendige "kritische Masse" an Benutzern schnell erreichen zu können.

Die NASA hat uns beispielsweise angeboten, Resultate von IDIOM in die Standarddistribution von NASA World Wind aufzunehmen.

Werden die IDIOM-Tools auch Endbenutzern zur Verfügung stehen oder wird der Zugang Experten vorbehalten bleiben?

Die Einbindung der Endbenutzer ist von entscheidender Bedeutung, da die analytischen Ziele von IDIOM, nämlich die Messung der Verbreitung von Inhalten und die Visualisierung von Nutzerverhalten, in der zweiten Projektphase nur erreichbar sind, wenn eine große Zahl von Benutzer-Interaktionen protokolliert werden kann.

Wie wollen Sie diese Nutzer erreichen?

Einerseits durch ein Portal zum Thema Klimawandel, welches die gesamte Funktionalität von IDIOM für eine Kooperationsplattform nutzen wird, die Nachrichten, Diskussionsforen, Veranstaltungskalender, Fotoberichte, Simulationen und ein Wiki umfasst. Diese Informationsobjekte werden über vielfältige Benutzerschnittstellen wie herkömmliche Texte und Gliederungen, aber auch über Wissenslandkarten dargestellt.

Im Tourismus-Bereich profitiert das Projekt von der Zusammenarbeit mit der Austria.info Systems GmbH, deren Suchmaschine bereits auf einer IDIOM-Komponente basiert. Über diese Plattform wird es ebenfalls möglich sein, Werkzeuge von IDIOM zu nutzen.

Gibt es eine Perspektive, die IDIOM-Technologien zu einem kommerziellen Produkt weiterzuentwickeln?

Die spätere Kommerzialisierung der entwickelten Technologien ist eine wesentliche Motivation unserer Industriepartner, die in den Bereichen Content Management, Kartographie und Geomarketing große Erfahrung mitbringen.

Die Tourismus-Branche bietet sich für eine Evaluierung der IDIOM Technologien geradezu an. Die meisten Suchanfragen auf Tourismus-Portalen beziehen sich auf Regionen oder Städte, welche durch textbasierte Schnittstellen oft nur ungenügend unterstützt werden.

Eine darüber hinausgehende Kommerzialisierung, etwa in den Bereichen Medienbeobachtung, Trendanalyse und Wissensmanagement, ist geplant und wird im Rahmen eines entsprechenden Arbeitspakets betrieben.

Wie viel Geld und personelle Ressourcen stehen Ihnen für IDIOM zur Verfügung?

Der Gesamtumfang des Projekts beträgt etwa 775.000 Euro, die Förderung seitens des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie rund 580.000 Euro. Dadurch können wir einen Postdoc und vier Doktoranden zwei Jahre lang vollzeit beschäftigen.

Ergänzt wird das Team durch sieben Wissenschaftler der TU Graz [Institut für Wissensmanagement] und der WU Wien [Forschungsinstitut für Rechenintensive Methoden, Institut für Tourismus und Freizeitwirtschaft] sowie sechs Mitarbeiter der Industriepartner.